Flumenthal

Chef des Bundesasylzentrums: «Die Skepsis der Leute würde ich gerne abbauen»

Er sei als Zentrumsleiter auch Mädchen für Alles, erklärt Yves Häberli.

Er sei als Zentrumsleiter auch Mädchen für Alles, erklärt Yves Häberli.

Der neue Chef des Bundesasylzentrums Flumenthal im Gespräch über den frisch angelaufenen Betrieb im «Schachen», Kontakt mit skeptischen Anwohnern und untertauchende Asylbewerber.

Im September nahm das Bundesasylzentrum in Flumenthal seinen Betrieb auf. Während bei der Eröffnung noch weit über 100 Menschen den Neubau besichtigen wollten, ist es seither um das umstrittene Projekt – Anwohner versuchten zusammen mit der Gemeinde Deitingen, den Bau bis vor Bundesgericht zu verhindern – deutlich ruhiger geworden.

Mittlerweile hat das zuständige Staatssekretariat für Migration (SEM) bekannt gegeben, wer für die Anlage verantwortlich ist. Es ist dies Yves Häberli. Wir treffen den Mann direkt im Bundesasylzentrum zum Gespräch. Häberli, in Jeans und hellblauem Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, holt uns am Eingang ab. Gleichzeitig mit uns trifft eine Frau mit ihren Kindern ein – sie kommt offenbar vom Einkaufen zurück. Bei der Eingangskontrolle werden ihre Einkaufstüten durchsucht, deren Inhalte mit der Kaufquittung abgeglichen, auch Schachteln mit Körperpflege-Produkten werden geöffnet und geprüft.

Sie sind «Objektverantwortlicher» des Bundesasylzentrums. Was genau bedeutet das?

Yves Häberli: Ich bin der Mann vor Ort für das SEM. Bei mir laufen die Fäden unserer Dienstleistungspartner zusammen. Ich bin unter anderem Bindeglied zu ORS (Anmerkung der Redaktion: Betreuerin/Versorgerin der Personen im Zentrum) und Securitas. Zudem bin ich die Ansprechstelle für unsere anderen Partner, seien es die Seelsorge, die Rückkehrberatung, der Immobilienverwalter oder das Migrationsamt Solothurn. Ausserdem bin ich hier, um Fragen zur Abwicklung der Asylverfahren zu beantworten.

Wie ist der Betrieb hier in Flumenthal angelaufen?

Erstaunlich gut. Der Betrieb läuft sehr geordnet ab. Wir haben sehr erfahrene Leistungserbringer, gerade ORS, das hat die Aufgabe für mich extrem erleichtert. Die Prozesse sind zudem vorgegeben, die sind in allen Bundesasylzentren identisch. Zu Beginn hatten wir noch mit kleinen Baumängeln zu kämpfen ‑ nichts dramatisches, kleine Fehlplanungen, die meisten davon sind mittlerweile behoben. Der Betrieb läuft noch nicht perfekt, aber so gut, wie man sich das wünscht.

Gestartet sind Sie mit 20 Asylsuchenden. Wie viele sind es mittlerweile?

61, ausgelegt sind wir für insgesamt 250. Wir sind also nicht voll belegt, ein ganzer Stock steht frei. Von daher haben sich die Herausforderungen bisher in Grenzen gehalten. Wir waren jedoch froh, dass es nicht mehr waren, denn alles war neu und wir mussten uns zuerst einmal finden. Mittlerweile bin ich an dem Punkt, an dem ich herausfinden möchte, wo ich mich stärker einbringen kann.

Wo möchten Sie sich denn einbringen?

Was in der Anfangsphase vielleicht etwas zu kurz kam: Der Kontakt nach aussen. Wir haben eine Begleitgruppe mit Personen aus der Gemeinde, der Polizei und des Kantons eingerichtet. Diese Treffen finden bisher allerdings nur sporadisch statt. Es wäre gut, wenn wir daneben gewisse Kontakte, gerade zu Anwohnern, noch stärker pflegen würden. Dort würde ich gerne mehr investieren.

Wieso?

Das Bundesasylzentrum hat ein grosses Echo ausgelöst. Das hat sich mittlerweile stark beruhigt. So wird etwa unsere Hotline, die wir eingerichtet haben, und auf der sich Menschen melden können, die Fragen haben oder die etwas beobachtet haben, kaum benutzt. Trotzdem weiss ich, dass bei gewissen Leuten nach wie vor Skepsis vorhanden ist. Diese Skepsis würde ich gerne abbauen. Doch dafür müssen Kontakte stattfinden, und wenn die Kontakte nicht automatisch von aussen hergestellt werden, ist es unsere Pflicht, die Initiative zu ergreifen.

Kam es denn seit der Eröffnung zu negativen Zwischenfällen?

Bis jetzt zum Glück zu keinen grösseren. Jemand meldet sich hin und wieder wegen Littering. Deshalb haben wir angefangen, zusammen mit den Asylsuchenden Touren zu machen und den Abfall einzusammeln. Diese Touren sind Teil des gemeinnützigen Beschäftigungsprogramms für die Asylsuchenden. Daneben machen wir für die Gemeinde Flumenthal den Unterhalt des Uferwegs entlang der Aare. Diese Programme sind sehr beliebt bei den Asylsuchenden.

Haben Sie persönlichen Kontakt zu den Asylsuchenden?

Ja. Ich bin ihr Ansprechpartner für das SEM. Zum Beispiel wenn sie ihren Entscheid bekommen und Fragen dazu haben. Oder schon vorher, wenn sie nach Flumenthal überstellt werden. Häufig haben sie dann schon Fragen. Wieso muss ich von Basel hierhin aufs Land? Was bedeutet das? Solche Fragen versuche ich dann zu beantworten. Die meisten Menschen hier befinden sich in einer heiklen Situation in ihrem Verfahren. Man kommt ins Zentrum in Flumenthal, wenn man im Dublin-Verfahren ist und eine Rückführung in ein anderes Land zumindest eine Möglichkeit darstellt. Das wissen die Asylsuchenden.

Diese Treffen sind deshalb keine Kaffeekränzchen, die Menschen haben konkrete Fragen. Einmal hat ein Asylsuchender, der im Rekursverfahren war, den Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts bekommen. Weil seine Rechtsvertretung ihr Mandat jedoch schon niedergelegt hatte, musste ich ihm erklären, was in diesem Entscheid drin steht.

Sie haben einen vielfältigen Job.

Ja. Ein «für das bin ich jetzt auch noch zuständig» schwingt immer etwas mit. Auf der anderen Seite wurde mir von Beginn weg gesagt, dass der Job eine vielfältige Angelegenheit sein wird. Ich bin das Mädchen für alles. Für mich ist das ein Pluspunkt.

Sie sind ausgebildeter Lehrer. Wie kommt ein Geschichtslehrer dazu, Objektverantwortlicher für das SEM zu werden?

Die Stelle interessierte mich. Ich arbeite in einem abgegrenzten, überschaubaren System, welches ich verwalten und repräsentieren kann. Diese Verantwortung hat mich gereizt. Den Themenbereich habe ich wegen meiner beruflichen Vergangenheit zudem bereits gekannt. Ich fand es nun spannend, das Ganze von dieser Seite kennenzulernen. Bereut habe ich den Entscheid nicht.

Als wir hier eintrafen, kam gerade eine Frau mit kleinen Kindern vom Einkaufen zurück. Ihre Einkaufstaschen wurden durchsucht. Zuletzt sorgte ein Fall aus einem Bundesasylzentrum in Zürich für Schlagzeilen, weil dort sogar die Kinder und Babys durchsucht wurden und den Leuten Kugelschreiber abgenommen wurden. Welche Regeln gelten hier?

Zuerst: Für alle Asylzentren des Bundes gilt die gleiche Betriebsverordnung, ergo auch die gleichen Regeln. Alle Personen, die aus dem Ausgang zurückkommen, werden auf gefährliche Gegenstände untersucht. Dies tun wir zum Schutz der anderen Asylsuchenden. Dafür können sich die Menschen tagsüber frei bewegen.

Das heisst, jeder kann kommen und gehen wie er will?

Wir haben Ausgangszeiten definiert, momentan von 9 bis 17 Uhr. Allerdings sperren wir auch ausserhalb dieser Zeiten die Asylsuchenden nicht ein, sondern machen sie auf diese Zeiten aufmerksam. Befolgen sie die nicht, können wir Sanktionen vorsehen. So können wir etwa das Taschengeld streichen oder die Teilnahme an den gemeinnützigen Beschäftigungsprogrammen einschränken. Aber man muss sich bewusst sein: Wir sind kein Gefängnis. Wir haben keine Möglichkeiten, jemandem zu verbieten, zu gehen.

Ist es auch schon vorgekommen, dass jemand nicht zurückgekommen ist?

Ja, das kommt vor. Manche halten sich nicht an die Ausgangszeiten, andere sind gar nicht zurückgekommen. Dass Menschen untertauchen werden, war mir bewusst. Denn das kommt in allen Zentren vor.

Wie viele Menschen sind seit Betriebsbeginn Mitte September verschwunden?

Das ist eine Zahl im niedrigen Prozentbereich. Das ist die Konsequenz daraus, dass wir die Leute nicht einsperren. Wir bewegen uns in diesem Spannungsfeld zwischen einsperren und frei laufen lassen. In beiden Szenarien gibt es jeweils Leute, die unser Vorgehen nicht goutieren. Wir suchen einen Kompromiss.

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