Bellach

Carrosserie Hess AG: Vom Frankenschock auf die Erfolgsspur geworfen

Draussen wird gebaut. Das letzte von zehn Gebäuden wird an das Fernwärmenetz der AEK in Bellach angehängt. «Nachhaltigkeit ist uns wichtig. Da geht es für uns als Elektrobus-Bauer auch um Glaubwürdigkeit», sagt Alex Naef, Geschäftsführer der Carrosserie Hess AG.

Auch drinnen wird gebaut. Während der Chef für die Zeitung fotografiert wird, schrauben seine Leute die Busse zusammen. Hess-Busse sind gefragt wie nie. Elektro ist Mode. Und Hess kann Elektro. Seit rund 80 Jahren setzt das Familienunternehmen auf Strom. Die Auftragsbücher sind voll, die Energie «stark nach innen gerichtet», wie Naef sagt. Was er damit meint? Die Belegschaft ist absorbiert, man muss Projekte abarbeiten. Die Gefahr: Man könnte die Kundenpflege vernachlässigen. «Dann ist das Risiko da, dass der Kunde abwandert. Das holt einen spätestens ein, wenn der Markt rückläufig ist. Dann gibt es Rückschläge.»

Rückschläge und Hess – das scheint derzeit so gut zusammen zu passen wie Diesel und Klimaschutz. Dabei liegt der letzte Dämpfer noch gar nicht so weit zurück. Januar 2015, der Frankenschock, das Europa-Geschäft bricht zusammen, der Busbauer aus Bellach ächzt unter der erstarkten Währung. 60 von 300 Angestellten verlieren ihren Job. «Das schmerzte sehr», gesteht Naef. Er sagt es ruhig, gefasst. Zu lange ist er im Geschäft. «Seit 50 Jahren», pflegt er zu sagen. Hineingeboren in das Unternehmen, seit 15 Jahren CEO.

Das Geschäft mit Bussen sei schon immer zyklisch gewesen. Spart die öffentliche Hand beim öffentlichen Verkehr, leidet man. Projektausschreibungen können auch Lotterien sein und verloren gehen. Aber jede Krise war auch Chance. So auch die letzte, die Frankenkrise.

Heute rechnet Hess vermehrt in Euro ab. Weil man zum Teil Ware aus Europa bezieht und nicht mehr aus der Schweiz. Oder mit Schweizer Lieferanten Euro-Verträge gemacht hat. Und dann wäre da noch Minsk, der neuste Montagestandort, 45 Personen arbeiten dort, mehr als die Hälfte aller Hess-Angestellten im Ausland. 80 Prozent der Bus-Rohbauten werden heute in Weissrussland zusammengeschraubt. Ein bis zwei Mal pro Woche steht ein Lastwagen vor dem Hauptsitz in Bellach. So wie an diesem Montag. Auf dem Anhänger ein weisser Plastikkokon, darunter ein Busskelett.

Heute ist Hess fitter denn je. Die Kündigungen sind längst kompensiert: Arbeiteten vor dem Frankenschock 300 Leute am Hauptsitz in Bellach, sind es heute 330. Eine Erfolgsmeldung jagt die nächste. Salzburg, Nantes, Bern, Kerala und zuletzt St. Gallen – Hess-Busse gehen weg wie die Fasnachtsplaketten dieser Tage.

In fast allen grösseren Schweizer Städten fahren Busse aus Bellach. Bloss in Solothurn nicht. Oder tut sich da etwas? «Es tut sich seit fünf Jahren etwas», sagt Naef und fügt schmunzelnd an: «Aber die Solothurner sind halt nicht die Schnellsten.» Im Kantonsrat steht schon bald eine Vorlage zur Debatte, die vom Kanton verlangt, dass er bis Ende 2020 darlegt, wie er die Umstellung von Diesel- auf Elektrobusse vollziehen will. Kein Schelm, wer denkt, dass Hess da eine Rolle spielen muss.

So trendig die Elektrobusse derzeit auch sind, man darf nicht vergessen, dass nur etwa die Hälfte des Umsatzes von Hess (um die 150 Millionen Franken) aus dem Bus-Geschäft kommt. Je ein Viertel erwirtschaften die Bellacher mit Aufbauten für Nutzfahrzeuge sowie Reparatur- und Serviceleistungen für Fahrzeuge jeglicher Art. Das ändert nichts daran, dass die Busse aktuell das grösste Wachstumspotenzial besitzen – und in ihrem Windschatten auch das Servicebusiness.

Pro Jahr werden etwa 2500 Busse mit Hess-Technologie weltweit verkauft. Wie das geht mit um die 550 Mitarbeitern weltweit? In dem man Lizenzen verkauft für die Verwendung der Technologie. Das Bauen überlässt man oft anderen. Beispielsweise die Flughafenbusse: Entwickelt in Bellach, werden sie seit Anfang der 90er-Jahre in Portugal in Lizenz gefertigt. Erst letztes Jahr wurde der 4000. Flughafenbus mit Hess-Technologie verkauft. Noch immer ist man Weltmarktführer.

Der Klimawandel kurbelt aber insbesondere das Geschäft mit den Elektrobussen an. Erst im Dezember hat Hess in Lyon den Zuschlag für einen Rahmenvertrag zur Lieferung von Trolleybussen bekommen. In der Stadt, in der Iveco seinen Hauptsitz hat. Das Busunternehmen hat denn auch kurz vor Weihnachten Einsprache erhoben gegen die Vergabe an Hess. Diese ist aber jüngst zurückgezogen worden. Schon bald möchte man auch in Skandinavien Fuss fassen, wie Naef erzählt.

Fast spruchreif ist ein Auftrag aus Brisbane, Australien. Auch dort gibt es einen Lizenznehmer, insgesamt kurven in Brisbane schon rund 1000 Busse mit Hess-Technologie herum. Bis 2023/24 sollten weitere 60 Doppelgelenker hinzukommen. Naef sagt: «Wir haben den Wettbewerb gewonnen, aber noch ist nichts unterschrieben.»

Es sind dies die jüngsten, bis jetzt noch nicht kommunizierten Erfolge. Hess ist unter Strom. Aber was, wenn nun plötzlich der Wasserstoff den Durchbruch schafft und die Hess AG nicht mehr auf der Elektrowelle surfen kann? Man verfolge die Entwicklungen eng, sagt Naef. «Wenn Wasserstoff in fünf oder zehn Jahren wirtschaftlich plötzlich interessant sein sollte, hätten wir schnell umgerüstet.» Man wäre dann zwar nicht vorneweg, aber da der Antrieb auch bei einer Brennstoffzelle elektrisch ist, hätte man schnell aufgeholt, ist er sich sicher.

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