Solothurn
Carl Spitteler erhielt vor 100 Jahren den Literatur-Nobelpreis

Carl Spitteler erhielt vor 100 Jahren den Literatur-Nobelpreis – im Jubiläumsjahr ist seine enge Beziehung zu Solothurn kaum ein Thema.

Helmuth Zipperlen
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Carl Spitteler um 1890/92 – kurz darauf hielt er in Solothurn Töpfer-Vorträge.

Carl Spitteler um 1890/92 – kurz darauf hielt er in Solothurn Töpfer-Vorträge.

zvg

Da staunte der dreijährige Carl, als die kleine Reisegesellschaft sich im Juni 1848 Solothurn näherte. «Fort ging es im Saus, sanft talwärts zwischen Landhäusern, Gärten und Kapellen einer grossmächtigen Stadt mit glänzenden Türmen und Zinnen entgegen.» Anna Dorothea Spitteler, geborene Brodbeck, und ihr ältester Sohn Carl reisten von Liestal über den Oberen Hauenstein und Solothurn nach Bern. In Solothurn wollten sie bei einer Freundin von Dorothea Spitteler, der Witwe Zschokke, Schwiegertochter von Heinrich Zschokke, übernachten. Sie wohnte an der Schmiedengasse. «Ein Haus mit zwei Stirnseiten, Gemüseweiber, ein prächtiger Platz, Kisten in den Läden, auf die man sich setzen kann, eine gewaltige Schanze und eine ungeheure Kirche», so die weiteren Eindrücke des kleinen Carl.

Am folgenden Tag ging die Reise nach Bern, nicht ohne noch einen Blick zurück zu werfen und die Landschaft am Jurasüdfuss zwischen Biel und Solothurn als Savoyer und Burgunder Süden zu bezeichnen, eine Stelle, wo sich Alemannien und Burgund begegnen. In Bern wurde Karl Spitteler, Mitglied der verfassungsgebenden Kommission, abgeholt. Auf der Rückreise wurde nochmals Solothurn aufgesucht. «Solothurn durchfuhren wir durch eine andere Gasse als früher, was ich als wichtiges Ereignis erstaunt und aufgeregt wahrnahm, die neue Gasse, wo fast nur fensterlose Mauern und Kapellen zu sehen waren, wie ein Märchen empfindend und gierig ins Herz schöpfend.»

Wie er auf die Märchenstadt kam

Aus dem Landstädtchen Liestal stammend, stilisierte der Knabe Carl Solothurn zur Märchenstadt. Diese Eindrücke waren so unauslöschlich, dass er auch Jahrzehnte später nicht mehr davon loskam. Selbst als er in Adelskreisen von St. Petersburg verkehrte, erinnerte er sich an Solothurn. In der 1914 veröffentlichten Novelle «Ausflug nach Bern» fanden diese Erinnerungen ihren Widerhall und darin spricht er von Solothurn als der goldenen Märchenstadt.

Vorträge bei der Töpfergesellschaft

2019 wurde zum Spitteler-Jahr erklärt, weil ihm als erstem Schweizer Schriftsteller 1919 der Literaturnobelpreis zuerkannt wurde. Das Jubiläumsjahr wird in partnerschaftlicher Zusammenarbeit der Kantone Basel-Landschaft, Luzern, Bern und dem Bundesamt für Kultur gestaltet. Solothurn kommt nicht vor, obwohl die Stadt wie Umgebung Schauplatz verschiedener literarischer Stoffe war. Der Knabe Carl verbrachte 1856 seine Herbstferien in Solothurn. Von 1889 bis 1891 weilte er für Sommerferien auf dem Balmberg und dem Weissenstein. Da die Postverbindung auf den Balmberg schlecht war, liess er seine Briefe poste restante nach Solothurn schicken. Am 22. Februar 1893 hielt er den ersten von sechs Vorträgen bei der Töpfergesellschaft. Die Töpfergesellen erwarteten einen literarischen Vortrag, Spitteler indessen referierte über Schmetterlinge. «Nur einen Landstrich kenne ich, der sie (die Schmetterlinge) alle hegt, und zwar in grosser Zahl (...) von Attiswil über Solothurn zu den Felsen unterm Weissenstein.» Im Jahr darauf trug er Gedichte vor, zwei Jahre später sprach er über den Gotthardpass und seine Geschichte. In den folgenden Jahren trat er noch dreimal in der Töpfergesellschaft auf.

Die Schauplätze seines Schaffens

Hans Zurlinden aus Attiswil, später Minister und Botschafter der Schweiz in Moskau, wurde beim Besuch des Gymnasiums in Solothurn auf Spittelers Werke aufmerksam und begann einen Briefwechsel mit dem nun in Luzern wohnhaften Dichter. Einen Urlaub in der Rekrutenschule benutzte Zurlinden für einen Besuch bei Spitteler. Da er das Gymnasium in Solothurn besucht hatte, nahm Spitteler ihn mit offenen Armen auf und sprach mit ihm darüber, wie Solothurn und dessen Umgebung ihren Niederschlag in seinen Werken gefunden haben. «Friedli, der Kolderi» spielt in Attiswil und auf dem Balmberg. In «Mädchenfeinde» figuriert Solothurn unter dem Namen Bischofshardt und der Balmberg und die Rötifluh inspirierten ihn für die Naturschilderungen in «Olympischer Frühling». Spitteler liebte die erste Jurakette und hat sie durchwandert, sodass sich Landschaften in seiner Erinnerung überlappten. Deshalb käme die heutige Leserschaft des «Olympischen Frühlings» kaum auf diese präzise Aussage Spittelers gegenüber Zurlinden.

Ähnlich wie Gottfried Keller versuchte sich Spitteler auch als Theaterautor. Er begann mit der Niederschrift des Dramas «Der Neffe des Herrn Besenval», gab den Plan aber auf und verarbeitete den Stoff zu einer Novelle. Sie beginnt mit einem rauschenden Fest am Hofe des Ambassadors in Solothurn und endet in den Wirren der Französischen Revolution. Die tragische Liebesgeschichte zwischen dem jungen Solothurner Frank Zurlauben, Offizier des Schweizerregiments, und der Gräfin von Valmont erschien ab dem 6. Juni 1889 als Fortsetzungsroman in der «Neuen Zürcher Zeitung».