Private Betreuung im Alter

Care-Migration wird gesetzlich geregelt – für Betagte wird es teuer

In der ganzen Schweiz arbeiten rund 10'000 Care-Migrantinnen, die betagte Personen zu Hause pflegen.

In der ganzen Schweiz arbeiten rund 10'000 Care-Migrantinnen, die betagte Personen zu Hause pflegen.

Erstmals wird die Care-Migration im Kanton Solothurn konkret geregelt. Die Arbeitsbedingungen von ausländischen Arbeitskräften, die bis zu 24 Stunden am Tag betagte Menschen bei ihnen zu Hause betreuen, soll sich verbessern. Für die Care-Migrantinnen bedeutet dies mehr Sicherheit – für die Betagten oder deren Familien kann es teuer werden.

Im Alter möglichst lange zu Hause bleiben – auch wenn der Alltag eigentlich nicht mehr alleine zu bewältigen ist. Das ermöglichen sogenannte Care-Migrantinnen. Das sind meistens Frauen, oftmals aus Osteuropa, die für eine bestimmte Dauer bis zu 24 Stunden am Tag bei einer betagten Personen leben, für sie kochen, putzen und ihr auch sonst bei der Bewältigung des Alltags helfen. Die Arbeitsbedingungen dieser Care-Migrantinnen waren bisher kaum geregelt.
Dies ändert sich nun. Am Montag hat der Solothurner Regierungsrat den «Normalarbeitsvertrag Hauswirtschaft» überarbeitet. Explizit werden darin neu die Arbeitsverhältnisse der Care-Migrantinnen geregelt.

Kontrolle durch den Kanton wird einfacher

In diesem Vertrag wird unter anderem geregelt, wie viel Freizeit Care-Migrantinnen zu Gute haben (1,5 Tage pro Woche), wie viele Pausen (zwei Stunden pro Tag, wobei das gemeinsame Mittagessen nicht als Pause gilt), oder dass Arbeitgeber wie Arbeitnehmer verpflichtet sind, die genauen Arbeitszeiten festzuhalten. Damit soll es für den Kanton möglich werden, zu überprüfen, ob die Angestellten auch korrekt bezahlt werden. Und auch der Lebensstandard der Care-Migrantinnen wird geregelt: So müssen sie etwa ein eigenes, abschliessbares Zimmer, vollen Zugang zu den sanitären Einrichtungen sowie gratis Internet zur Verfügung gestellt bekommen. Letzteres sei gerade für ausländische Arbeitskräfte besonders wichtig, damit sie den Kontakt in die Heimat aufrechterhalten können, wird argumentiert.

Knackpunkt: Entlöhnung der Präsenzzeit

Und schliesslich wird auch die Entlöhnung der Präsenzzeit konkret geregelt. Das ist die Zeit, in der die Care-Migrantinnen nicht aktiv arbeiten, aber in der Wohnung auf Abruf bereit sein müssen. In der Regel ist das in der Nacht der Fall. Wie diese Zeit bezahlt werden soll, war einer der Knackpunkte. Denn: Müssen die Frauen in der Nacht mehrmals aufstehen, wird die Arbeit sehr schnell sehr intensiv und muss entsprechend entlohnt werden. Wird die Präsenzzeit allerdings wie aktive Arbeitszeit vergütet, wird es für die Arbeitgeber, also die betagte Person, so teuer, dass sie sich eine Care-Migrantin gar nicht mehr leisten können und die «Branche» hinfällig wird.

Kommt dazu: Personen, die im Alltag Unterstützung benötigen, bekommen dafür einen Zustupf von der Invalidenversicherung. Der sogenannte Assistenzbeitrag soll den Menschen ermöglichen, länger selbstbestimmt zu Hause leben zu können, dadurch soll der Eintritt ins Heim hinausgezögert oder sogar vermieden werden.

Dieser Assistenzbeitrag hat für die Präsenzzeit eine Pauschale von maximal 90 Franken pro Nacht vorgesehen. Der neue Normalarbeitsvertrag sieht nun aber eine Entlöhnung der Präsenzzeit vor, bei der dieser Betrag nicht ausreichen dürfte. Muss eine Care-Migrantinnen mehrmals pro Nacht aufstehen und sich um die betagte Person kümmern, können die Kosten auf über 250 Franken pro Nacht steigen.

Kann sich damit in Zukunft nur noch eine Care-Migrantin leisten, wer das nötige Kleingeld hat? Das sei ein Problem, findet man auch beim Kanton, beim kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit. Allerdings ein Problem, dass der Bund lösen soll. So seien die beiden zuständigen Bundesämter miteinander im Kontakt. Bis es so weit ist, müssen Betagte im Kanton mehr aus dem eigenen Sack zahlen. Daniel Morel vom Amt für Wirtschaft und Arbeit: «Es ist der Wunsch vieler Menschen, länger zu Hause bleiben zu können. Das muss man sich allerdings gut überlegen, denn das kann teuer werden.»

Auch andere Kantone reagieren

Dieser neue Normalarbeitsvertrag entstand nicht im luftleeren Raum. Sämtliche Kantone waren vom Bund aufgefordert, die Arbeitsbedingungen von Care-Migrantinnen zu regeln. Der Bund hat dazu einen Modellvertrag ausgearbeitet. An dem können sich die Kantone bei der Umsetzung orientieren, sie können aber auch davon abweichen. Während nun andere Kantone grössere oder kleinere Änderungen vorgenommen haben, ist der Vertrag in Solothurn praktisch eine Kopie des Modellvertrags des Bundes. Im Februar 2020 soll er in Kraft treten.

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