Porträit
Buschauffeurin: «Die meisten Leute erwarten keine junge Frau am Steuer»

Von der Detailhändlerin zur Buschauffeurin. Die 26-jährige Nicole Eggenschwiler hat in einer Männerdomäne ihren Traumberuf gefunden.

Lara Enggist
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Nicole Eggenschwiler ist 26 und überzeugt, im Busgewerbe am richtigen Ort «angekommen» zu sein.

Nicole Eggenschwiler ist 26 und überzeugt, im Busgewerbe am richtigen Ort «angekommen» zu sein.

Hanspeter Bärtschi

13.30 Uhr. Nicole Eggenschwiler hat soeben ihre Schicht beendet. Feierabend hat sie aber noch lange nicht, spät am Abend wird sie mit dem Moonliner noch die letzten Nachtschwärmer nach Hause fahren.

Die junge Buschauffeurin scheint in der Garage des Busbetriebs Solothurn und Umgebung (BSU) jeden zu kennen. Hier eine Grimasse, dort ein lockerer Spruch, Eggenschwiler fühlt sich wohl. «Das hier ist meine zweite Familie», sagt sie und strahlt. Die 17 Chauffeurinnen sind hier neben den 78 männlichen Kollegen klar in der Unterzahl. Ob es für sie schwierig ist, in einer Männerdomäne zu arbeiten? «Überhaupt nicht», kommt die Antwort ohne zu zögern.

In ihrer früheren Tätigkeit als Lastwagenchauffeurin sei die Frauenquote viel tiefer gewesen. Dort habe sie eines gelernt: «Entweder man hat die Männer auf seiner Seite – oder eben nicht. Etwas dazwischen gibt es nicht». Besonders auf den Baustellen «vergeige» man es besser nicht mit den Männern, denn Mulden verschliessen oder Lastwagen beladen erfordere einiges an Muskelkraft.

Bei der BSU sei die Geschlechterfrage aber kein Thema. Jedenfalls nicht bei den Mitarbeitern – von Passagieren komme schon der eine oder andere Spruch. Das dürfe man aber nicht persönlich nehmen, «ich glaube die meisten Leute erwarten einfach keine junge Frau am Steuer». Respektiert werde sie trotzdem.

Auf Umwegen zum Traumberuf

Ursprünglich kommt Eggenschwiler aus Matzendorf. «Ich hatte keine Ahnung, was ich werden möchte», sagt sie rückblickend. In einem Kleidergeschäft in Solothurn absolvierte sie die Lehre als Detailhändlerin – wirklich glücklich war sie dabei nicht. Da lernte sie ihren damaligen Freund kennen, eine gelernten Lastwagenchauffeur. Er habe sie mit seiner Begeisterung angesteckt und bald sei klar gewesen: «Ich will Buschauffeurin werden».

Eggenschwiler absolvierte die Lastwagenprüfung, transportierte Mulden und sass bei der Kehrrichtabfuhr hinter dem Steuer. Dann wagte sie sich an die Königsdisziplin des Verkehrs, die für Buschauffeure obligatorische Carprüfung. Sie bestand beim ersten Anlauf.

Auch Busse werden übersehen

Seit fünf Monaten ist die 26-Jährige nun stolze Chauffeurin bei der BSU. Den vollbesetzten Bus durch enge Passagen zu manövrieren gehört zu ihrem Alltag. «Besonders gerne fahre ich mit den Gelenkbussen».

Man erlebe aber auch Skurriles als Chauffeurin. Erst kürzlich sei ihr Fahrzeug von einer Autofahrerin übersehen worden, welche auf die Busspur wechseln wollte, erzählt sie kopfschüttelnd. «Sie krachte auf der rechten Seite in die Scheibe, überall lagen Scherben. Ich musste den Bus mitten auf der Strasse anhalten». Dabei sei glücklicherweise niemand verletz worden, die Passagiere konnten kurze Zeit später von einem Kollegen mitgenommen werden.

Oder ein andermal sei eine ältere Frau mit dem Rollator zwischen Bus und Perron hängengeblieben und habe den Bus quasi per Überschlag verlassen, worauf Eggenschwiler sofort die Ambulanz rufen musste. Solche Dinge seien unerfreulich, im Alltag aber kaum vermeidbar. Wofür sie hingegen kein Verständnis hat, sind zum einen Velofahrer, die die Verkehrsregeln frei interpretieren und zum anderen Passanten, welche mit Kopfhörern und von Handys abgelenkt die Strasse überqueren. Das sei einfach nur verantwortungslos.

Als die grösste Herausforderung nennt Eggenschwiler die Gratwanderung zwischen Fahrplan einhalten und Bedürfnissen der Fährgäste gerecht werden. Auch unter Zeitdruck gelte es, stets geduldig und freundlich zu bleiben. «Diesem Druck muss man eben standhalten können», sagt sie schulterzuckend.

Und wie ist es eigentlich mit den gesprächsfreudigen Passagieren – darf man nun mit dem Chauffeur einen Schwatz halten oder nicht? Das komme immer auf die Situation an. «Auf Fragen während der Fahrt antworte ich eigentlich immer. Ausser, ich muss mich besonders konzentrieren».

Hinter dem Bussteuer sitzen und das Gefährt durch die Strassen der Region manövrieren – das werde sie wohl noch ihr Leben lang machen. «Ich habe schon jetzt das Gefühl, ich sei angekommen».

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