Volksnah
«Büezer im Bundesrat»: Politstar Willi Ritschard starb heute vor 30 Jahren

Am 16. Oktober vor 30 Jahren brach SP-Bundesrat Willi Ritschard aus Luterbach auf dem Grenchenberg tot zusammen. Er war der erste Arbeiter im Bundesrat.

Lucien Fluri
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Willi Ritschard mit Frau Greti an der Solothurner Fasnacht 1981
12 Bilder
Mit Enkeln und Sohn Rolf, dem späteren Regierungsrat
Willi Ritschard kurz nach seiner Wahl zum Bundesrat 1973
Der Bundesrat an seiner Arbeitsstätte
Beim Interview im Bundeshaus: Der Sozialdemokrat hatte ein gutes Verhältnis zu den Medien
Willi Ritschard schaut auf einer Pressefahrt aus einem BLS-Zugfenster, aufgenommen am 26. Februar 1976.
Willi Ritschard spricht am 1. Februar 1983 während einer Sondersession in Bern vor dem Nationalrat über die Bankkundensteuer.
Willi Ritschard im Parlamentssaal
Queen Elizabeth II richtet sich an den Bundesrat. Unter ihnen auch Willi Ritschard.
Bundesrat Willi Ritschard
Der Bundespräsident wünscht am 1. Januar 1978 allen ein gutes neues Jahr.
Er starb am 16. Oktober 1983. Wenige Tage nach seiner Rücktrittserklärung.

Willi Ritschard mit Frau Greti an der Solothurner Fasnacht 1981

Archiv Solothurner Zeitung

Fahrzeugsirenen heulten an jenem Oktobersonntag den Grenchenberg hinauf. An der Olma trübte eine traurige Lautsprecherdurchsage die Feststimmung und in Grenchen erfuhren die Fussballspieler, an denen die heulenden Ambulanzen eben erst vorbeigefahren waren: Willi Ritschard, Solothurner, Sozialdemokrat und erster Arbeiter im Bundesrat, war an jenem 16. Oktober 1983 beim Wandern auf dem Grenchenberg tot zusammengebrochen. Nur wenige Tage zuvor hatte der 65-jährige Finanzminister seinen Rücktritt angekündigt.

Er war ein grosser Mann, hünenhaft. «Kaum tüchtiger oder erfolgreicher als andere», urteilte die «Frankfurter Allgemeine» in ihrem Nachruf. «Aber er wirkte durch die Art, wie er seinen Mitbürgern die Politik nahebrachte, namentlich durch seine mit treffenden Bonmots gespickten Reden, für viele glaubwürdiger und überzeugender.» Noch als Bundesrat füllte der Arbeitersohn die Steuererklärung «einfacher Leute» aus.
Der Vater, Schuhmacher in Deitingen und Verdingbub, war Sozialdemokrat, die Familie reformiert. Eigenschaften, die im Bauerndorf auffielen. Mit 16 hatte er seine Eltern verloren. Ritschard lernte Heizungsmonteur, wechselte bald zur Gewerkschaft und brachte sich sein Wissen in der Arbeiterschule selbst bei. Mit 29 war er Gemeindepräsident in Luterbach, ab 1955 sass er im Nationalrat, ab 1964 im Solothurner Regierungsrat.

«Willi national», der «Büezer im Bundesrat», war ein Politstar. «Das Wort hat Herr Bundesrat Ritschard», hiessen die Büchlein, in denen seine Bonmots veröffentlicht wurden. Die Zürcher Band Hertz musste nur Ritschards Lebenslauf in einem Lied herunterleiern und schon hatte sie mit ihrem Song «Willi Ritschard» einen Hit gelandet (siehe Video).

Der Solothurner war volksnah und er war nahe bei den Medien. Er gab Einblicke in sein Privatleben, wie nur wenige andere. Ritschard spazierte sonntags mit Ringier-Netzwerker Frank A. Meyer auf dem Berg, die «Schweizer Illustrierte» zeigte ihn mit dem Enkel im Swimmingpool. Und «der Herr Bundesrat» liess sich fotografieren, als er frühmorgens vor der Arbeit bei seinem Luterbacher Haus Schnee schippte. Er war sich nicht zu schade.

Es waren nicht die Linken, die den Gewerkschafter - und Atom-Befürworter - im Dezember 1973 in den Bundesrat wählten. Zuhause in Luterbach schaute sich der Solothurner Finanzdirektor die Wahl im Fernsehen an. Eine Polizeieskorte begleitete ihn zur Annahme der Wahl nach Bern. Gewählt hatten ihn an diesem Tag die Bürgerlichen. Ritschards Wahl war auch ein Streich gegen den zweiten grossen Solothurner Politiker dieser Zeit: Mit der Wahl eines Solothurners hatte der Oltner CVP-Nationalrat Leo Schürmann, damals Preisüberwacher und später SRG-Generaldirektor, keine Chance mehr, Bundesrat zu werden. Er war einer der Favoriten für den ebenfalls an diesem Tag zu wählenden CVP-Bundesratssitz. Ritschard wurde Verkehrs- und Energieminister, 1980 wechselte er ins Finanzdepartement.

Ritschards Bonmots

Mit seinen Redewendungen wurde Willi Ritschard bekannt und beliebt. Im Winter habe er das Sprüchemachen gelernt, sagte Ritschard, - wenn es draussen kalt und drinnen warm war, und er, der Gewerkschaftssekretär, die Arbeiter bei Vorträgen wach behalten musste: «Dann habe ich hie und da einen Spruch gemacht, über den man lachen konnte. Da haben die gelacht, die wach waren, und damit die anderen geweckt, die eingenickt waren.»

«Der Tiger im Tank nützt nichts, wenn ein Esel am Steuer sitzt.»

«Ich bin kein Experte. Ich war Zentralheizungsmonteur von Beruf.»

«Wir werden trotz Fernsehen immer kurzsichtiger...»

«Das Schiesspulver hat uns auch in mancher Weise geholfen und war wertvoll - und so ist es auch mit dem Atom.»

«Wir leben zwar alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle denselben Horizont.»

«Wenn 1502 die Königin Isabella von Christoph Kolumbus eine Kosten-Nutzen-Analyse verlangt hätte, wäre wahrscheinlich Amerika nie entdeckt worden.»

«Die Schweizer sind eben ein Volk, das früher aufsteht, aber spät erwacht.»

«Es gibt in unserem Lande jährlich 3500 uneheliche Kinder und sieben Bundesräte. Das macht pro Bundesrat durchschnittlich 500. Da stimmen alle Additionen, aber dadurch wird das Ganze nicht wahrer.»

«Der Arbeitslose ist kein freier Mensch.»

«Wir kommen zum Glück auch nie dazu, alle Dummheiten zu machen, die wir uns vorgenommen haben.»

«In den Diktaturstaaten darf man nichts sagen und muss alles nur denken. In der Demokratie darf man alles sagen, aber keiner ist verpflichtet, sich dabei etwas zu denken.»

«Ich habe in dieser Sache vorläufig ein Amt und keine Meinung.»

«Aber es ist ja nicht immer nötig, dass man die Menschen versteht. Ertragen muss man sie.»

«Und wenn einer glaubt, er selber sei da als Meister vom Himmel gefallen, dann ist er wahrscheinlich auf dem Kopf gelandet.»

«Ich hoffe, dass Sie sich bei Ihrem Urteil über meine Rede daran erinnern, dass wir vor allem auch deshalb zwei Augen haben, damit man gelegentlich eins zudrücken kann.»
Quellen: «Das Wort hat Herr Bundesrat Ritschard» und «Das Wort hat wiederum Herr Bundesrat Ritschard», erschienen 1975 und 1982 im Benteli-Verlag, Bern.

Doch Peter Bichsel möchte sich heute lieber nicht mehr zu Willi Ritschard äussern. Er wolle den Leuten nicht den Willi Ritschard nehmen, den sie sich wünschen, sagt Bichsel. Doch die öffentliche Figur, von der das Volk Besitz ergriffen hat, sei nicht der Willi Ritschard gewesen, der sein Freund war. «Jeder einfache Mann in der Schweiz glaubte nun zu wissen, was Willi dachte, nämlich genau dasselbe wie er», schrieb Bichsel 1983. «Willi, sie lügen wieder», benannte er eine seiner Kolumnen, die der Solothurner Schriftsteller unmittelbar nach Ritschards Tod schrieb. «Ich habe gewusst, dass es Dich eines Tages umbringen wird, (...) dass man dauernd Dinge tun muss, die man nicht will, Dinge sagen muss, die zwar wahr sind, aber nicht der eigenen Wahrheit entsprechen.» Ritschard habe sein Leben lang darunter gelitten, «dass er mit seiner Person so erfolgreich war und mit seinen Anliegen, seinen Vorlagestössen, seinen Vorlagen meist erfolglos», schrieb der Schriftsteller 1983. «Unter dem hat er sehr gelitten: Dass er ein sehr erfolgreicher Mann war, auf den man nie gehört hat.»

Ernüchtert sei der Bundesrat gewesen, schrieb Bichsel nach Ritschards Tod und meinte damit wohl auch seinen Blick als Redenschreiber hinter die Berner Politikkulissen. «Der Preis heisst Resignation», resümierte Bichsel. Er zeichnete ein anderes Bild von Willi Ritschard. Als grossen Schweiger bezeichnete er den charismatischen Magistraten, der mit jedem Schweizer plaudern konnte. An Sonntagen hätten die beiden, der Schriftsteller und der Anhänger sozialer Utopien, der so pragmatisch regierte, auf dem Berg Utopien für eine gerechtere Schweiz geschmiedet. «Und am Montag musstest Du wieder nach Bern und die richtige Schweiz mitmachen.» Gelitten habe Ritschard da wie jeder andere Arbeiter, der am Montag zur Arbeit muss.

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