Bürgerspital
Assistenzärztin soll am Tod eines Patienten Schuld sein – warum auch die Lebenspartnerin des Verstorbenen auf einen Freispruch hofft

Ein Patient besucht die Notfallaufnahme des Bürgerspitals Solothurn. Er wird jedoch am selben Abend noch entlassen und verstirbt kurz darauf Zuhause. Die zuständige Ärztin akzeptiert den Strafbefehl nicht und so kommt es nun zur Gerichtsverhandlung. Die verbliebene Lebenspartnerin unterstützt einen Freispruch.

Joel Dähler und Lea Durrer
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TeleM1

Am Dienstag kommt es vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern zu einer Verhandlung. Vor Gericht verantworten muss sich eine Ärztin wegen fahrlässiger Tötung.

Der Fall, um den es geht, liegt einige Jahre zurück: Am frühen Nachmittag des 14. Februar 2015 begab sich der Lommiswiler Ruedi Stohler zur Notfallstation des Bürgerspitals Solothurn. Er verspürte starke Schmerzen vor allem im Bereich der Brustwirbelsäule. Im Spital wurde dem Patienten Blut abgenommen und er bekam Medikamente verabreicht. Noch am gleichen Tag wurde er allerdings wieder nach Hause geschickt. Die beschuldigte Ärztin hatte ein «muskuloskeletales Problem diagnostiziert und den Patienten als nicht leidend sowie ohne Atemnot beschrieben», geht aus dem Strafbefehl vom Juni 2020 hervor. Zuhause verstarb Ruedi Stohler dann in den frühen Morgenstunden des 15. Februar 2015 aufgrund einer geplatzten Hauptschlagader.

Ursula Frei, die Lebensgefährtin des Verstorbenen, war zu dem Zeitpunkt im Ausland. Sie telefonierte mit ihm noch kurz nach dem Notfall-Aufenthalt. Er habe etwas vom Boden aufheben wollen, als ihm bei einer Drehbewegung starke Schmerzen in den Rücken schossen, erzählt Frei gegenüber dem Sender TeleM1. Man habe ihm gesagt, es sei ein akuter Hexenschuss gewesen.

Plötzlicher Tod war ein Schock

Als ihr Mann dann nicht mehr telefonisch erreichbar war, bat sie Angehörige und Nachbarn darum, nach ihm zu schauen. Stohler wurde so zwei Tagen später tot in seinem Badezimmer aufgefunden.

«Es war natürlich schon ein Schock, weil er ja vorher gesund war. Ich hatte nicht erwartet, dass so etwas passieren könnte.»

Die Beurteilung der Solothurner Staatsanwaltschaft: «Bei pflichtgemässem Handeln der Beschuldigten wäre es nicht zum nachfolgenden Geschehen gekommen. Hätte sie die ihr auferlegten Sorgfaltspflichten nicht verletzt, wäre die Aortendissektion beim Patienten rechtzeitig diagnostiziert worden.»

Die damals behandelnde Assistenzärztin – das Medizinstudium hatte sie 2012 in Deutschland abgeschlossen – wurde zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 100 Franken bedingt und der Übernahme der Verfahrenskosten von fast 7000 Franken verurteilt. Sie akzeptierte dies aber nicht. Und so kommt es nun zur Gerichtsverhandlung.

Auch Lebenspartnerin hofft auf Freispruch

Unterstützung bekommt sie von der Lebenspartnerin des Verstorbenen. Obwohl es für Ursula Frei eine schwere Zeit war, an die sie sich nur ungern zurück erinnert, hofft sie auf einen Freispruch durch den Einzelrichter. Sie selbst ist Ärztin und hat Verständnis.

«Ich bin sehr dagegen, dass diese Ärztin verurteilt würde. Das ist ein Berufsrisiko und es kann einfach passieren, dass man eine andere Diagnose sieht und etwas Schlimmeres dahinter versteckt ist.»

Eine Verurteilung würde ihren Partner nicht wieder zum Leben erwecken, so Frei. Zudem wäre das ein schlechtes Signal für ihren Berufsstand.