Fahrzeugsirenen heulten an jenem Oktobersonntag den Grenchenberg hinauf. An der Olma trübte eine traurige Lautsprecherdurchsage die Feststimmung und in Grenchen erfuhren die Fussballspieler, an denen die heulenden Ambulanzen eben erst vorbeigefahren waren: Willi Ritschard, Solothurner, Sozialdemokrat und erster Arbeiter im Bundesrat, war an jenem 16. Oktober 1983 beim Wandern auf dem Grenchenberg tot zusammengebrochen. Nur wenige Tage zuvor hatte der 65-jährige Finanzminister seinen Rücktritt angekündigt.

Er war ein grosser Mann, hünenhaft. «Kaum tüchtiger oder erfolgreicher als andere», urteilte die «Frankfurter Allgemeine» in ihrem Nachruf. «Aber er wirkte durch die Art, wie er seinen Mitbürgern die Politik nahebrachte, namentlich durch seine mit treffenden Bonmots gespickten Reden, für viele glaubwürdiger und überzeugender.» Noch als Bundesrat füllte der Arbeitersohn die Steuererklärung «einfacher Leute» aus.
Der Vater, Schuhmacher in Deitingen und Verdingbub, war Sozialdemokrat, die Familie reformiert. Eigenschaften, die im Bauerndorf auffielen. Mit 16 hatte er seine Eltern verloren. Ritschard lernte Heizungsmonteur, wechselte bald zur Gewerkschaft und brachte sich sein Wissen in der Arbeiterschule selbst bei. Mit 29 war er Gemeindepräsident in Luterbach, ab 1955 sass er im Nationalrat, ab 1964 im Solothurner Regierungsrat.

«Willi national», der «Büezer im Bundesrat», war ein Politstar. «Das Wort hat Herr Bundesrat Ritschard», hiessen die Büchlein, in denen seine Bonmots veröffentlicht wurden. Die Zürcher Band Hertz musste nur Ritschards Lebenslauf in einem Lied herunterleiern und schon hatte sie mit ihrem Song «Willi Ritschard» einen Hit gelandet (siehe Video).

(Quelle: youtube/fnordist)

Hertz mit «Willi Ritschard»

Der Solothurner war volksnah und er war nahe bei den Medien. Er gab Einblicke in sein Privatleben, wie nur wenige andere. Ritschard spazierte sonntags mit Ringier-Netzwerker Frank A. Meyer auf dem Berg, die «Schweizer Illustrierte» zeigte ihn mit dem Enkel im Swimmingpool. Und «der Herr Bundesrat» liess sich fotografieren, als er frühmorgens vor der Arbeit bei seinem Luterbacher Haus Schnee schippte. Er war sich nicht zu schade.

Es waren nicht die Linken, die den Gewerkschafter - und Atom-Befürworter - im Dezember 1973 in den Bundesrat wählten. Zuhause in Luterbach schaute sich der Solothurner Finanzdirektor die Wahl im Fernsehen an. Eine Polizeieskorte begleitete ihn zur Annahme der Wahl nach Bern. Gewählt hatten ihn an diesem Tag die Bürgerlichen. Ritschards Wahl war auch ein Streich gegen den zweiten grossen Solothurner Politiker dieser Zeit: Mit der Wahl eines Solothurners hatte der Oltner CVP-Nationalrat Leo Schürmann, damals Preisüberwacher und später SRG-Generaldirektor, keine Chance mehr, Bundesrat zu werden. Er war einer der Favoriten für den ebenfalls an diesem Tag zu wählenden CVP-Bundesratssitz. Ritschard wurde Verkehrs- und Energieminister, 1980 wechselte er ins Finanzdepartement.

Peter Bichsel ist der Mann, der heute noch am meisten über Ritschard erzählen könnte. Als Redenschreiber gestaltete Bichsel das öffentliches Bild Ritschards mit. Als Freunde wanderten sie sonntags zusammen auf dem Berg.

Doch Peter Bichsel möchte sich heute lieber nicht mehr zu Willi Ritschard äussern. Er wolle den Leuten nicht den Willi Ritschard nehmen, den sie sich wünschen, sagt Bichsel. Doch die öffentliche Figur, von der das Volk Besitz ergriffen hat, sei nicht der Willi Ritschard gewesen, der sein Freund war. «Jeder einfache Mann in der Schweiz glaubte nun zu wissen, was Willi dachte, nämlich genau dasselbe wie er», schrieb Bichsel 1983. «Willi, sie lügen wieder», benannte er eine seiner Kolumnen, die der Solothurner Schriftsteller unmittelbar nach Ritschards Tod schrieb. «Ich habe gewusst, dass es Dich eines Tages umbringen wird, (...) dass man dauernd Dinge tun muss, die man nicht will, Dinge sagen muss, die zwar wahr sind, aber nicht der eigenen Wahrheit entsprechen.» Ritschard habe sein Leben lang darunter gelitten, «dass er mit seiner Person so erfolgreich war und mit seinen Anliegen, seinen Vorlagestössen, seinen Vorlagen meist erfolglos», schrieb der Schriftsteller 1983. «Unter dem hat er sehr gelitten: Dass er ein sehr erfolgreicher Mann war, auf den man nie gehört hat.»

Ernüchtert sei der Bundesrat gewesen, schrieb Bichsel nach Ritschards Tod und meinte damit wohl auch seinen Blick als Redenschreiber hinter die Berner Politikkulissen. «Der Preis heisst Resignation», resümierte Bichsel. Er zeichnete ein anderes Bild von Willi Ritschard. Als grossen Schweiger bezeichnete er den charismatischen Magistraten, der mit jedem Schweizer plaudern konnte. An Sonntagen hätten die beiden, der Schriftsteller und der Anhänger sozialer Utopien, der so pragmatisch regierte, auf dem Berg Utopien für eine gerechtere Schweiz geschmiedet. «Und am Montag musstest Du wieder nach Bern und die richtige Schweiz mitmachen.» Gelitten habe Ritschard da wie jeder andere Arbeiter, der am Montag zur Arbeit muss.