AMTSGERICHT SOLOTHURN-LEBERN
Brutaler Mord oder Kurzschlusstat? Parteivertreter halten die Plädoyers zum Fall in der Bahnhofspassage

Im Prozess um die Erschiessung eines Tamilen durch einen Landsmann 2016 in der Bahnhofspassage Solothurn hielten die Parteivertreter die Plädoyers.

Ornella Miller
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Der asiatische Laden in der Bahnhofspassage ist der Tatort.

Der asiatische Laden in der Bahnhofspassage ist der Tatort.

Wolfgang Wagmann

Staatsanwalt Claudio Ravicini stellte die Tat als «Exekution» dar. Sie sei «besonders verwerflich und besonders skrupellos» aus «absolut nichtigen Beweggründen» geschehen. Anil* habe aus «verletztem Stolz» und «Machtgelüsten», aus «Rache» gehandelt, um ein «Exempel» zu statuieren. Der vorgängige Streit mit Savith* und dem Foodshopbetreiber Bal* sah Ravicini als eigentliche Ursache für Anils Aggressivität. Dass der getötete Ravi* Anils Schläge gegen Savith und Bal* kritisierte, habe dazu geführt, dass er diesen gezielt mit der Pistole getötet habe.

Anil habe es als «unerhört» erachtet, «dass ein junger Bursche es wagte, ihn zu kritisieren». Anil hingegen habe eine «wilde Geschichte» über eine Bedrohungssituation geschildert. Ravicini wies auf Videomaterial einer Überwachungskamera hin. Zudem habe man Fotos vom Handgemenge im Shop, weil dabei zufällig der Fotoauslöser betätigt wurde. Auch über Audiomaterial verfüge man, weil nämlich das Opfer die Polizei angerufen habe, da seien Stimmen und Schüsse zu hören.

Die Tat sei nicht im Affekt geschehen. Dass Anil übermässig alkoholisiert gewesen sei, liess er auch nicht gelten. Die entsprechenden Gutachten könnten hier gar nicht genau sein. Anil stellte sich am Folgetag, 14 Stunden nach der Tat wurde sein Blut entnommen. Auf einem Überwachungsvideo sei zu sehen, wie Anil «sicher rannte», «von Zickzackspur keine Rede». Allerdings musste er auch zugestehen, dass manches unklar blieb. Beispielsweise, ob der erste oder zweite Schuss Ravi getroffen habe. «Wie es ganz genau gelaufen ist, kann man nicht restlos klären.»

Vieles rund um die Tat bleibt im Unklaren

Verteidiger Roland Winiger strich die zahlreichen Unklarheiten hervor. Beispielsweise sei nicht belegt, ab wann die Pistole eine Ladehemmung hatte, damit sei nicht bewiesen, dass er überhaupt auf den flüchtenden Savith hätte schiessen können. Dass er gegen ihn und Bal abgedrückt habe, sei auch nicht erwiesen. Wer bei der Schussabgabe wo stand, sei beim Punkt der «mehrfachen Gefährdung des Lebens» bei elf von dreizehn Anwesenden nicht erstellt. Man könne nicht einfach annehmen, sie seien auch gefährdet gewesen. «Nur Anwesenheit reicht nicht.»

Bei Anil habe eine heruntergesetzte Hemmschwelle vorgelegen, weil er übermüdet und sehr betrunken war. Auch seine «Rationalität» sei deswegen beeinträchtigt gewesen. Alle hätten um die Überwachungskamera gewusst. «Nur wenn man nicht mehr fähig ist, klar zu denken, beachtet man solches nicht.»

Anil habe in der Ermittlung gesagt, «hätte ich die Absicht, jemanden zu töten, ich würde keine Waffe in die Hand nehmen». Winiger geht davon aus, dass es einen anderen, unbekannten Grund dafür gab, dass Anil die Waffe eingesetzt habe. Er habe sie nur zur Sicherheit mitgenommen. Doch er habe niemanden töten wollen. Er habe sich mit Ravi womöglich bloss schlagen wollen. Gegen ein Nachsetzen mit einem Kopfschuss spreche der Schusseinschlag oben in der Wand.

Winiger plädierte auf eventualvorsätzliche Tötung statt auf Mord, 8 Jahre Haft und ebenso langen Landesverweis. Sein Mandant sei selber fassungslos über die Tat, bereue zutiefst und sei in vorzeitiger Haft auf gutem Weg. Ravicini forderte 18 Jahre Gefängnis und einen 15 Jahre Landesverweis.

*Namen geändert

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