Auch Regierungsrätinnen müssen dazulernen. Brigit Wyss sagt, sie sei ein spontaner Mensch, schon immer gewesen. Doch plötzlich waren da all diese Rahmenbedingungen. «Ich kann nicht mehr einfach sagen: So, heute packe ich dieses und jenes Projekt an.» Nun gibt es Legislaturpläne, Verordnungen, Fahrpläne. Alles wird vorgespurt, auf Jahre hinaus. Also musste Wyss zuerst einmal lernen, dem Takt zu folgen. Einen Kaltstart habe das für sie aber nicht bedeutet, sagt die Neo-Regierungsrätin. Es sei schliesslich ein Privileg, auf einen Stab mit «so viel Expertenwissen» zurückgreifen zu können. «Ich bin schnell in meinem Amt angekommen», sagt sie.

Als Wyss, 57, im August die Arbeit aufnahm, war das ein historischer Moment. Sie, die als erste Grüne in die Solothurner Regierung gewählt worden war, durchbrach das Machtdreieck von FDP, SP und CVP. Dass die Stadtsolothurnerin dann auch noch freiwillig das Volkswirtschaftsdepartement übernahm, machte die Überraschung perfekt.

Am Montagnachmittag lädt Wyss die Medien in ihr Büro im Rathaus. Der Raum im zweiten Stock strotzt vor Sachlichkeit, das schwarz-weisse Mobiliar kommt von USM, die weissen Wände sind noch karg. Klarsichtmäppchen liegen fein säuberlich aufgereiht auf dem Pult. Als Farbtupfer muss ein Blumenstrauss vorerst reichen.

Die Regierungsrätin sitzt an ihrem Besprechungstisch, sehr aufrecht, immer wieder faltet sie ihre Hände. Wyss gestikuliert sparsam und spricht frei von Attitüden, oft lässt sie Worte zuerst auf sich wirken. Für eine umfassende Bilanz ist es zwar noch zu früh. Aber die ersten rund hundert Tage sind dennoch wichtig. Erwartungen prallen auf die Realität. Wyss selbst sagt: «Ich habe mir einen Überblick verschafft, mich eingearbeitet, erste Entscheide getroffen.»

Kurz gefragt: Brigit Wyss nach 100 Tagen im Amt

Kurz gefragt: Brigit Wyss nach 100 Tagen im Amt

Das Energiegesetz wartet

Hinter vorgehaltener Hand schon mal als Gemischtwarenladen bezeichnet, ist das Volkswirtschaftsdepartement (VWD) für die Wirtschaftsförderung und die Energiefachstelle ebenso zuständig wie für Wald, Jagd und Fischerei. Zum Aufgabengebiet gehören ferner das Zivilstandswesen und die Aufsicht über die Gemeinden. Quasi als Ergänzung kommt der Bereich «Militär und Bevölkerungsschutz» dazu – Dossiers freilich, die von den Grünen traditionell sehr kritisch beäugt werden. Wobei Wyss betont, sie stecke da keineswegs in einer Zwickmühle. Zum einen sei primär der Bund für «die grossen Pfeiler der Armee» zuständig, zum anderen stehe sie hinter dem Milizsystem. «Ich danke jedem, der seinen Dienst geleistet hat.»

Brigit Wyss hatte Lust auf das VWD, jawohl, sie habe nicht weniger als ihr Wunschdepartement erhalten. Man könne gerne von einem Gemischtwarenladen sprechen. «Meinetwegen», witzelt sie. «Ich hielt Monokulturen schon immer für gefährlich.» Im VWD habe sie eine breite Themenpalette vorgefunden, zahlreiche Geschäfte seien ihr von früher bestens vertraut.

Derzeit ist sie die einzige grüne Volkswirtschaftsdirektorin des Landes. Sie will Einfluss nehmen in Kernanliegen der Grünen. Einige Themenfelder hat sie besonders für sich identifiziert, Gebiete auf denen sich die Umweltjuristin auskennt: Zentrale ökologische Fragen wie der Klimaschutz könne man im Kanton konkret angehen. «Oft geht es um Grundsätzliches», sagt sie. Stolz macht Wyss etwa das neue Programm, das Bauern dazu animieren soll, dem Humus im Boden mehr Sorge zu tragen.

Zur ersten Bewährungsprobe wird die Teilrevision des kantonalen Energiegesetzes, das noch diesen Winter vom Kantonsrat verhandelt werden dürfte. Es enthält schärfere Vorschriften für Neubauten. Zumindest einen Teil ihrer benötigten Elektrizität sollen sie selbst erzeugen. Ziel ist es letztlich, die Richtlinien unter den Kantonen zu harmonisieren. Gegner warnen vor einem «Bürokratiemonster», was Wyss entschieden zurückweist. Es gehe um ausgewogene und technisch machbare Vorschriften, sagt sie. «Niemand will eine planwirtschaftliche Lösung mit Zwang.»

Grosskonzern greift durch

Als Wirtschaftsministerin des Kantons wird Wyss immer wieder mit den Realitäten der Marktwirtschaft konfrontiert werden – mit Ansiedelungen und Investitionen, aber auch mit Schliessungen und Entlassungen. Zwischen Lob und Tadel bleibt wenig Raum, natürlich weiss Wyss das. Ihre Vorgängerin Esther Gassler von den Freisinnigen vertrat stets die Überzeugung, dass der Staat keine Strukturerhaltungspolitik betreiben sollte. Auch Wyss sagt, der Wandel lasse sich nicht aufhalten. Vielmehr stellt sich für sie die Frage, wie die Politik im Grossen auf die Herausforderungen reagieren muss.

Was das grosse Kapital in einem mittelgrossen Kanton so alles auslösen kann, musste Brigit Wyss schon nach wenigen Amtswochen erfahren. Im September gab der Nestlé-Konzern bekannt, die Produktion von Galderma Spirig in Egerkingen bis Ende 2018 zu schliessen. 190 Angestellte verlieren ihren Job. Ein Vorzeigebetrieb verlässt den Kanton. Wenige Stunden nach der Bekanntgabe des Entscheids trat Wyss vor die Medien. Sie sagte, was gesagt sein musste. Den Angestellten sicherte sie die volle Unterstützung zu. Und selbst wenn ein Weltkonzern nicht lange zögere und ein schlecht ausgelastetes Werk halt rasch schliesse: Dass die Behörden von den Verantwortlichen nicht früher einbezogen worden sind, bedauert Wyss sehr.

Die Erklärung von Regierungsrätin Brigit Wyss zur Schliessung der Galderma Spirig AG: «Für uns alle kam die Nachricht sehr überraschend.»

Die Erklärung von Regierungsrätin Brigit Wyss zur Schliessung der Galderma Spirig AG: «Für uns alle kam die Nachricht sehr überraschend.»

Mehr als ein «Grüssaugust»

Reden vor Wirtschaftsführern und Gewerkschaftern. Führungen durch Fabriken und Werkstätten. Grussbotschaften an Offiziere und Jäger, an Gemeinderäte und Landwirte. Der Kalender einer Volkswirtschaftsdirektorin ist gefüllt mit Terminen, mehr als bei jedem anderen Regierungsrat. Mal referiert Wyss vor Behördenvertretern, warum Solothurn als Wohnkanton gar nicht so unattraktiv ist. Dann besucht sie eine Hubertusfeier und erklärt, dass die Jagd «rücksichtsvoll, mit Achtung und Würde vor den Lebewesen» ausgeübt werden sollte.

Die Fülle der Auftritte täuscht nicht darüber hinweg, dass im VWD vornehmlich Bundesvorgaben umzusetzen sind. Kritiker sprechen abschätzig vom «Grüssaugust-Departement». Wie viel Gestaltungsfreiraum bleibt da? Nun hebt Wyss erwartungsvoll die Hand, sie hat mit dieser Frage gerechnet. Es sei ein gängiger Reflex, der nächsthöheren Staatsebene vorzuwerfen, man habe immer weniger Kompetenzen. Wyss ist überzeugt: Noch immer haben die Kantone viel zu melden, wenn politische Leitplanken gesetzt werden. «Gerade das Wort der Regierungskonferenzen hat Gewicht.»

Und ihr eigenes Wort? Wyss lächelt ihr souveränstes Lächeln. Auch wenn es bei einer Veranstaltung heisse, sie überbringe Grussworte, trete sie nicht ohne Botschaften ans Rednerpult.