Warum tut sie sich das an? Warum stellt sie sich für die Grünen – nach 2013 – noch einmal als Regierungsratskandidatin zur Verfügung? Dass man ihr diese Fragen stellt, bringt Brigit Wyss nicht aus der Ruhe: «Ich stehe gerne hin für unsere Ideen.» Entschlossen doppelt die Stadtsolothurnerin gleich nach: «Und ich will Regierungsrätin werden. Ich bin bereit.»

Ein Opfer für ihre Partei erbringe sie mit ihrer Kandidatur schon gar nicht, hält die 57-Jährige fest. Sie tritt damit nachdrücklich dem Verdacht entgegen, dass sie letztlich primär als Zugpferd der Grünen für die gleichzeitig stattfindenden Kantonsratswahlen ins Rennen steige. Bei den letzten kantonalen Wahlen vor vier Jahren hatten die Grünen einen Wähleranteil von 7,7 Prozent erzielt (+ 1,2 Prozent). Ob der Aufwärtstrend anhält, erscheint angesichts der herrschenden politischen Grosswetterlage als eher fraglich. Wyss zeigt sich aber optimistisch: Sie ist überzeugt, dass gerade grüne Politik gute Antworten auf anstehende Fragen und Herausforderungen parat habe – und dies längst nicht nur in «grünen Domänen».

In der Finanzpolitik sowie bei Law & Order vertritt Brigit Wyss eine restriktivere Haltung als der Parteidurchschnitt. In Sachen Aussenpolitik und liberaler Gesellschaft geht sie weniger weit.

Smartspider von Brigit Wyss

In der Finanzpolitik sowie bei Law & Order vertritt Brigit Wyss eine restriktivere Haltung als der Parteidurchschnitt. In Sachen Aussenpolitik und liberaler Gesellschaft geht sie weniger weit.

Von der gelernten Schreinerin zur Juristin

Entsprechend traut sie sich selber sehr wohl zu, jedes der fünf Departemente in der Regierung zu übernehmen. Ein eigentliches Wunschdepartement habe sie derzeit nicht – im Gegensatz zu ihrem ersten Anlauf 2013, als das Bau- und Justizdepartement frei war … Aufgrund ihres beruflichen und persönlichen Werdegangs gibt es aber auch so der Affinitäten viele: Aufgewachsen auf einem Bauernhof, Umweltschützerin der ersten Stunde, gelernte Schreinerin und Psychiatrie-Krankenschwester, Matura auf dem zweiten Bildungsweg, studierte Juristin, Familienfrau, Mutter und schliesslich Politikerin auf (fast) allen Stufen.

Tatsächlich kennt Brigit Wyss bereits alle politischen Bühnen unseres Landes aus eigener Erfahrung: Seit 2004 ist sie Gemeinderätin in der Stadt Solothurn, Mitglied des Solothurner Kantonsrates war sie von 2005 bis 2007 und erneut seit 2013 bis heute. Dazwischen gab es ein Intermezzo auf der Bundesbühne: 2007 wurde Wyss in den Nationalrat gewählt und 2010 schickte sie ihre Fraktion als Kampfkandidatin in die Bundesratwahlen. 2010 verloren die Solothurner Grünen ihren Nationalratssitz wieder.

Ausgebremst im entscheidenden zweiten Regierungs-Wahlgang

Bei ihrem ersten Anlauf in die Kantonsregierung hatte alles durchaus vielversprechend angefangen. Im ersten Wahlgang erzielte Wyss einen Achtungserfolg. Sie schaffte es auf Rang vier von neun Kandidierenden – hinter den beiden wiedergewählten Bisherigen und einem CVP-Mitbewerber – aber vor Kandidaten von FDP, CVP, SVP und SP. Im entscheidenden zweiten Wahlgang, mit noch drei Mitbewerbern, folgte dann die Ernüchterung: Die Reihen der bürgerlichen Konkurrenz schlossen sich und die Grüne landete als überzählig auf dem undankbaren vierten Platz. Nein, entmutigt habe sie diese Erfahrung keineswegs, unterstreicht Wyss darauf angesprochen. Im Gegenteil: «Scheitern ist kein Grund, es nicht noch einmal zu versuchen».

Und was reizt die Kandidatin denn eigentlich grundsätzlich an einem Regierungsamt? «Reformen nicht nur anzustossen, sondern solche auch umzusetzen», lautet ihre Antwort. Reformen welcher Art zum Beispiel? «Ich würde gerne die Energiestrategie 2050 des Bundes im Kanton umsetzen.» In dieser sieht Wyss eine grosse Chance auch für den Kanton und die regionale Wirtschaft. Die Sanierung bestehender Liegenschaften, insbesondere mit besserer Isolation, stelle ein eigentliches Konjunkturprogramm für die Bauwirtschaft dar.

Dazu kämen massive Fortschritte bei den neuen erneuerbaren Energien, verweist Wyss auf deren rasante Entwicklung. Sie muss es wissen: Für die Genossenschaft OptimaSolar Schweiz, ein Zusammenschluss von vier regionalen Genossenschaften, die sich erfolgreich dem Bau und Betrieb von Solaranlagen verschrieben haben, ist die Juristin ehrenamtlich tätig.
Ihren Brot-Job hat sie aber seit 2014 im Büro Bern der Fondation Franz Weber. Dort wirkt sie als Projektleiterin im Bereich Umwelt- und Tierrecht, derzeit mit Schwergewicht bei der Begleitung der Umsetzung der Zweitwohnungs-Gesetzgebung. Zuvor hatte sie mehrere Jahre als Juristin bei der Umweltorganisation Pro Natura in Basel gearbeitet.

Grüne Politikerin ohne Berührungsängste

Wyss ist eine Grüne der ersten Stunde. Als Mitbegründerin der «Grünen Milane», einer Gruppierung, die sich in ihrer Heimat- und damaligen Wohngemeinde Lüsslingen einst für den Umweltschutz stark machte, setzte sie schon früh ein Zeichen, wohin sie ihr politisches und berufliches Engagement dereinst führen würde. «Engagiert, überzeugt, kämpferisch», so ihre Weggefährten, setze sie sich für ihre Überzeugung ein. Dabei wirkt sie aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung alles andere als sektiererisch. Berührungsängste kennt sie jedenfalls keine, bei Bedarf scheut sie den klärenden Dialog auch mit dem politischen Gegner nicht und versucht, Brücken zu bauen. Das hat ihr sowohl im Stadtsolothurner Gemeinderat als auch im Kantonsrat über alle Parteigrenzen hinweg durchaus Respekt und Sympathien verschafft.

«Sie hat ihre Linie, aber man kann mit ihr reden», bestätigt etwa Bauunternehmer und FDP-Mann Markus Grütter. Er sitzt mit Wyss in der kantonsrätlichen Umwelt-, Bau- und Wirtschaftskommission (Umbawiko), wo «sie pragmatisch und konstruktiv» mitarbeite. Gäbe es für den Freisinnigen gar zumindest einen Grund, die Grüne selber zu wählen? Grütter schmunzelt und antwortet sec: «Das kommt ganz drauf an, wer im zweiten Wahlgang noch übrig bleibt …»

Wie pragmatisch Brigit Wyss tickt, kommt etwa in ihrer Antwort auf die Frage zum Ausdruck, warum sie sich eigentlich in diesem Jahr nicht auch als Kandidatin für das Solothurner Stadtpräsidium zur Verfügung stelle: «Ich hätte kandidiert, wenn Kurt Fluri nicht mehr angetreten wäre», kommt es wie aus der Pistole geschossen. Der Verzicht erfolge nicht etwa aus Furcht, gegen den langjährigen Stadtvater eh keine Chance zu haben, sondern «aus Respekt Kurt Fluri gegenüber», betont Wyss. Dem FDP-Mann könne man nämlich aus ihrer Sicht eigentlich «höchstens vorwerfen, dass er schon so lange im Amt ist».

Gerne eine von zwei Frauen im Regierungsrat

Wer wie sie im Sternzeichen Stier geboren ist, gilt als verlässlich, grossherzig, beständig und – bodenständig. Als «bodenständig» sieht sich Wyss auch selber. Nicht nur das: Vor vier Jahren war sie mit dem kecken Slogan «Bio, Blond, Bodenständig» in den Regierungsratswahlkampf gezogen. Ein salopper Auftritt, dessen ironische Botschaft nicht überall verstanden wurde, geschweige denn auf Begeisterung gestossen ist. Heuer setzt die Grüne darauf, dass weniger manchmal auch mehr sein kann: Ihre Plakate kommen ohne Worte aus – Wyss im Bild vor weissem Hintergrund, dazu nur ihr Vorname und Name. Das muss diesmal reichen.

Ihren jüngsten Wahlkampf nimmt die Kandidatin ernst, wie wenn es der erste wäre. Entsprechend oft ist sie derzeit im Kanton unterwegs. «So zwei Tage pro Woche wende ich derzeit sicher für den Wahlkampf auf», umschreibt sie ihr zeitliches Engagement. Im Wissen darauf, was auf die Familie zukommt, haben sie ihr Lebenspartner, Sohn (28) und Pflegetochter (30) zur Kandidatur ermuntert. Für diese sei ihr Antreten «die logische Folge» ihrer bisherigen Aktivitäten. Ohne die Familie im Rücken könne man so etwas nicht machen.»
Dass im Solothurner Regierungsrat künftig mit grosser Wahrscheinlichkeit erstmals zwei Frauen sitzen werden, das freut Brigit Wyss. «Es ist Zeit. Und natürlich wäre ich gerne eine von ihnen.» Auch darum tut sie sich das an.