Gleichberechtigung

Braucht es den Solothurner Frauenstreik? Zwei Politikerinnen im Streitgespräch

Barbara Wyss Flück (links im Bild) trägt zwei Buttons: einen vom Frauenstreik 1991 und einen zum Frauenstreik 2019. Sie unterstützt den heutigen Frauenstreik. Ihre Kontrahentin, Jacqueline Ehrsam, hingegen verbringt heute einen gewöhnlichen Arbeitstag – die Streikform ist ihr zu extrem. Und sie sieht heute keinen Sinn mehr darin.

Die eine spricht von Lohnungleichheit und Karriereunterschieden; die andere von vorhandenen elementaren Grundrechten: Jacqueline Ehrsam, 37, und Barbara Wyss Flück, 56, werden sich nicht einig darin, ob Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Ebenso wenig darin, ob es den heutigen Frauenstreik braucht.

Zwei Frauen, beide Mütter, erwerbstätig, politisch aktiv. Und völlig verschieden: Barbara Wyss Flück nimmt wie schon 1991 am heutigen Frauenstreik teil und will in der Gesellschaft mehr Gleichberechtigung schaffen. Jacqueline Ehrsam hält den Streik für überholt und will möglichst keine staatliche Kontrolle. Braucht es den Streik? Das Streitgespräch.

Was machen Sie heute am Frauenstreiktag?

Barbara Wyss Flück: Ich bin am Frauenstreik dabei. Schon 1991 habe ich teilgenommen. Ich finde es wunderbar, dass es nach 28 Jahren eine Neuauflage gibt. Die Bewegung hat mich sehr geprägt. Mir war die Vernetzung sehr wichtig; die Solidarität, die damals auch unter den bürgerlichen Frauen vorhanden war. Dass es heute anders ist, bedaure ich – denn du, Jacqueline, negierst den Streik nicht nur; du bekämpfst ihn.

Jacqueline Ehrsam: Im Gegenteil. Ich ermutige alle Frauen, sich für ihre Rechte einzusetzen. Ich verbringe aber den Tag ganz normal bei der Arbeit und mit meiner Familie.

Wieso streiken Sie nicht, Frau Ehrsam?

Ehrsam: Ich bin halt in einer anderen Generation grossgeworden als Barbara. Beim ersten Frauenstreik – da war ich zehn Jahre alt. Ich habe keine Erinnerungen daran. Die Zeiten haben sich seither gewandelt. Früher konnten Frauen nicht abstimmen, hatten nicht dieselben Karrieremöglichkeiten wie die Männer. Aber heute ist das alles gegeben – ich weiss nicht, was du noch willst. Wir können alles sein, was wir wollen – wir müssen es nur wollen. Deshalb brauchen wir keinen Frauenstreik und keine staatliche Assistenz.

Braucht es den Solothurner Frauenstreik? Zwei Politikerinnen im Streitgespräch

Das Streitgespräch im Video.

Frau Wyss Flück, warum streiken Sie denn?

Wyss Flück: Es ist nicht ein Streik im üblichen Sinn, sondern mehr symbolisch. Mit den Aktionen und im Rahmen einer verlängerten Mittagspause wollen wir darauf aufmerksam machen, was Frauen alles leisten für die Gesellschaft. Und trotzdem sind sie lohnmässig immer noch benachteiligt. In einem Spital etwa können die Frauen ja nicht einfach die Arbeit niederlegen – stellen Sie sich das mal vor!

Ehrsam: Aber der Streik ist gleich eine extreme Form – nichts anderes als eine Zwängerei. Warum willst du die Leute von der Arbeit fern halten? In Syrien oder Afghanistan würde ich einen Streikaufruf verstehen – aber doch nicht hier. Wir haben alles. Hier suchen wir doch das Gespräch mit den Sozialpartnern, wenn wir unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen sind.

Wyss Flück: Aber es gibt noch immer viele Fragezeichen: Woher kommt der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau? Wie viele Migrantinnen aus armen Ländern kommen zu uns, um schlecht bezahlte Care-Arbeit zu leisten? Was verdienen Praktikantinnen in Kitas? Denn gerade dort wird Schindluderei auf dem Buckel junger Frauen betrieben. Und genau wenn diese Themen aufs politische Parkett kommen, wetterst du dagegen, Jacqueline. Es geht um diese unerklärbaren Karriereunterschiede, Lohnunterschiede.

Ehrsam: Das ist der Unterschied zwischen deiner und meiner Generation: Eure Forderungen – die sind für mich passé, kalter Kaffee.

Wir haben also Gleichstellung?

Ehrsam: Es ist ja alles vorgegeben. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist im Gesetz verankert. Es gibt keine Gründe, Frauen jetzt zu bevorteilen. Junge Frauen können Karriere machen wie die Männer. Aber natürlich kommt irgendwann der Moment, wo sie vielleicht eine Familie gründen möchten. Dann stellt sich die Frage, was sie wollen. Viele Frauen sehen nun mal ihre Kinder als wichtigstes Gut an und sind bereit, dafür ihre Karriere aufzugeben. Schlussendlich ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis es mehr Frauen in Chefetagen hat.

Müssen wir einfach noch ein wenig abwarten?

Wyss Flück: Nein – es braucht steuernde Elemente und Anstrengungen der ganzen Gesellschaft.

Ehrsam: Du willst hier wieder Gesetze oder Verordnungen, da bin ich vehement dagegen.

Sie sind beide Mütter. Barbara Wyss Flück, Sie haben einen erwachsenen Sohn. Und Sie, Frau Ehrsam, drei Kinder im Primarschulalter.

Wyss Flück: Hier sitzen wir im gleichen Boot.

Ehrsam: Du weisst also, Kinder haben ist der härteste Job der Welt. Aber ihr anerkennt das nicht.

Wyss Flück: Das stimmt überhaupt nicht.

Ehrsam: Doch, am liebsten würdet ihr alle Kinder schön in der Kita versorgen. Dabei sollt ihr doch die Mütter anerkennen, die zu Hause bleiben wollen. Und wenn man halt nach mehreren Jahren zu Hause mit einem 40-Prozent-Pensum wieder einsteigt, ist es ja logisch, dass man nicht gleich viel verdient wie ein Mann, der mit 100 Prozent durchgearbeitet hat. Aber wenn eine Frau gleich viel arbeitet wie ein Mann, hat sie auch denselben Lohn verdient. In diesem Fall muss sie aber auch verhandeln können. Darum bin ich dafür, dass wir junge Frauen ermutigen, selbstbewusst zu sein – und sie nicht zum Streiken auffordern.

Wyss Flück: Das ist eine Unterstellung. Mutterschaft muss Platz haben in der Biografie jeder Frau. Als Gesellschaft müssen wir aber Rahmenbedingungen schaffen. Ich will gute Kitas, mit fairen Löhnen – hier arbeiten schliesslich auch mehrheitlich Frauen. Und dann geht es beim Frauenstreik auch etwa um die Anerkennung von Gratisarbeit. Wer bleibt zu Hause, wenn das Kind krank ist? Wer kümmert sich um alte Menschen – wie wird das abgegolten?

Frau Ehrsam, müssten Sie nicht auch laut dem konservativen SVP-Rollenbild zu Hause bleiben und die Kinder betreuen?

Ehrsam: Das sind die Linken, die uns dieses Klischee unterjubeln. Wir von der SVP sagen einfach: Es ist okay, wenn man zu Hause bleiben will – es ist aber auch okay, wenn man arbeiten möchte. Wir wollen einfach keine Bevormundung, nicht alle Kinder in eine Krippe stecken. Man muss sich als Paar entscheiden, und die Organisation ist manchmal schwierig. Das gilt aber auch für den Mann.

Auch Sie, Frau Wyss Flück, sind Politikerin, Mutter und arbeitstätig. Ist es für Sie als Frau schwieriger, dies unter einen Hut zu bringen, als es das für Männer ist?

Wyss Flück: Ich denke, da haben wir Frauen schon einen grösseren Aufwand. Mich hat das mein Leben lang begleitet. Als Paar mussten mein Mann und ich – wir haben beide Teilzeit gearbeitet – uns immer wieder neu organisieren. Es ist aber auch ein Privileg, einen tollen Job und Familie zu haben. Nicht alle haben dieses Privileg. Darum muss hier der Staat Unterstützung leisten, damit die Betreuung klappt und junge Menschen Teilzeit arbeiten können.

Ehrsam: Das kann aber jede Familie für sich selbst entscheiden – der Staat muss das nicht unterstützen.

Wyss Flück: Da bin ich dezidiert dagegen. In diesem Punkt werden wir uns immer uneinig sein.

Was wünschen Sie sich von den Frauen, Männern und der Gesellschaft?

Ehrsam: Dass man die Rollen akzeptiert von Mann und Frau, dass man anerkennt und nicht wertet. Und mir ist wichtig, dass Frauen kritisch denken, fordern, sich einsetzen und sich interessieren – alles andere ist eine Frage der Zeit. Die Gesellschaft muss sich aber auch die Missstände anschauen, wo Männer benachteiligt werden. Etwa dass nur Männer Militärdienst leisten oder Frauen vorzeitig die AHV bekommen. Wir bräuchten nach deinem Denken, Barbara, auch einen Männerstreik – bestreiken wir uns jetzt einfach gegenseitig?

Wyss Flück: Natürlich geben wir uns nicht gegenseitig aufs Dach. Es geht darum, dass niemand verliert. Aber im Moment verlieren die Frauen. Darum wünsche ich mir, dass wir Rahmenbedingungen schaffen, dass jeder und jede, Mann oder Frau, schwul oder lesbisch, weiss oder schwarz, sich entwickeln und den eigenen Weg gehen kann. Ich möchte neue Gesellschaftsformen, weg vom alten, klassischen Familiensystem. Und ich hoffe, dass die Frauenstreik-Bewegung, diese einmalige Solidarität, über diesen Tag hinaus anhält.

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