Derendingen
«Braucht einfach Mut»: Wie eine 52-Jährige mit einem Praktikum zurück in die Arbeitswelt will

Ein Praktikum als Berufseinstieg – das ist nichts Ungewöhnliches. Doch dieses «Einstiegspraktikum» will gezielt über 50-Jährigen zum Wiedereinstieg in die Arbeitswelt verhelfen. Die Derendingerin Barbara Bleuer nimmt derzeit am kantonalen Pilotprojekt in Hägendorf teil.

Noëlle Karpf
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Sie komme jeden Tag gerne zur Arbeit, sagt Barbara Bleuer. In Hägendorf setzt sie unter der Betreuung von Adrian Prenaj Kabelkonfektionen zusammen.

Sie komme jeden Tag gerne zur Arbeit, sagt Barbara Bleuer. In Hägendorf setzt sie unter der Betreuung von Adrian Prenaj Kabelkonfektionen zusammen.

Bruno Kissling

Bewerben. Probearbeiten. Immer wieder. «Es ist schwierig», erzählt Barbara Bleuer. Schwierig, mit über 50 Jahren noch eine Stelle zu finden. Die 52-Jährige kommt ursprünglich aus der Pflege. Dort blieb sie aber nicht; mit ihrem Interesse im Bereich Elektronik wechselte sie in die Industrie. Das bedeutete auch: Oft kürzere, befristete Einsätze. «Ich habe zwar Erfahrung», erzählt die Derendingerin.

Aber sie habe auch feststellen müssen, dass ältere, erfahrenere Arbeitnehmende auch aufgrund der höheren Sozialleistungen für die Arbeitgeber teurer seien. Eine dauerhafte Festanstellung zu finden, das sei von daher «Glückssache». Seit Dezember letztes Jahr ist Bleuer beim RAV in Solothurn angemeldet. Ihr letzter Arbeitseinsatz endete im Juni. Los ging wieder der Turnus: Bewerben, Probearbeiten.

Doch dann habe es sehr schnell «hingehauen». Bleuer konnte sich bei der Firma GBR Electronics in Hägendorf vorstellen und dort schliesslich auch auf Probe arbeiten. Dann ging Bleuer noch einen Schritt weiter. Sie ging auf den Arbeitgeber zu und schlug eine andere Art Probearbeiten vor. Ein kantonales Pilotprojekt, das über 50-jährigen Stellensuchenden zum Schritt zurück in die Arbeitswelt verhelfen will: Bleuer wollte ein Einstiegspraktikum machen.

Ziel: Festanstellung

Dieses Pilotprojekt läuft im Kanton seit August bis Ende 2020. Ein Einstiegspraktikum dauert jeweils drei Monate. Arbeitgeber und stellensuchende Person stellen dazu beim Kanton ein Gesuch, dann kann das Praktikum beginnen. Während den drei Monaten zahlt die Arbeitslosenkasse dem Praktikanten weiterhin Taggeld – den Betrieb kostet der Praktikant, welcher vom Kanton auch gegen Unfälle versichert ist, nichts. Dafür darf das Praktikum nach den drei Monaten aber auch nicht verlängert werden. In den ersten zwei Monaten muss sich der Praktikant nicht mit der weiteren Stellensuche beschäftigen. Erst wenn ab dem dritten Monat klar ist, dass keine Festanstellung folgt, geht es wieder los: Bewerben, Probearbeiten. Das Praktikum zielt darauf ab, dass die Stellensuchenden nach den drei Monaten beim Betrieb bleiben können. Der Kanton will so etwas gegen die Arbeitslosigkeit von älteren Stellensuchenden in der Region tun, die zwar erfahren sind, aber mit ihrer Ausbildung nicht den aktuellen Anforderungen der Wirtschaft entsprechen.

Wie es in Barbara Bleuers Fall weitergeht, ist noch offen. Sie hat Anfang Monat bei der Firma begonnen. «Ich komme jeden Tag sehr gerne zur Arbeit», sagt sie und nickt bekräftigend mit dem Kopf. An ihrem Arbeitsplatz, einem Holzpult, stellt sie Kabelkonfektionen nach Vorlage zusammen. Die Firma mit Produktionsstandort in Hägendorf beliefert Kunden aus der Maschinenindustrie oder der Medizinaltechnik mit Kabel. Sie habe erst einen kleinen Einblick in diese Welt erhalten, so die Derendingerin. «Aber ich kann hier viel lernen – bei diesem guten Arbeitsklima bin ich überzeugt.» Bleiben würde sie gerne, wenn sie könnte.

Auch der Chef ist zufrieden. Der 36-jährige Adrian Prenaj schaut Bleuer über die Schulter, begutachtet mit ihr einen Plan für ein Kabel. Ob Bleuer bleiben kann, wird sich noch zeigen. «Auch für uns ist das eine neue Situation», sagt der Aargauer, der zum ersten Mal ein Einstiegspraktikum betreut. Bleuer habe aber so auf diese Möglichkeit beharrt, dass der Betrieb sich dann dazu entschieden habe. «Wenn jemand solch einen Willen zeigt, dann wollen wir die Chance auch geben.»

Ziel: Offene Stelle besetzen

Ursprünglich hatte die GBR Electronics einfach eine zusätzliche Arbeitskraft für die Produktion gesucht. «Es ist sehr schwierig, jemanden mit Erfahrung dafür zu finden», so der Standortleiter. Kabelkonfektionen herstellen – das sei nicht gerade ein weit verbreitetes Gebiet. Bis man dann jemanden komplett eingeschult habe, daure es schon ein halbes Jahr. Nun hat die Firma drei Monate Zeit, um zu schauen, ob sich das bei Bleuer lohnt – ob es passt.

Aus seiner Erfahrung scheuten sich Arbeitgeber tatsächlich, älteren Stellensuchenden eine Chance zu geben, berichtet Prenaj. Im Gegenzug erhalte man auch eher Bewerbungen von jüngeren Kandidaten. «Vielleicht auch, weil die Älteren Angst haben, gar keine Chance zu erhalten. Dabei sollte man jemandem, der den Job wirklich will, die Chance geben.» Bleuer, sagt Prenaj, habe ja bewiesen, dass das funktioniert.

«Das Praktikum kann ich jedem empfehlen», sagt auch sie und nickt wieder. Auch für Erfahrene sei das eine Chance. So lerne sie dazu, erhalte trotzdem noch Taggeld und die Lücke im Dossier würde nicht noch grösser. Sie rate auch anderen Stellensuchenden, den Schritt ins Praktikum zu machen. «Es braucht einfach Mut», sagt sie. «Man muss einfach dranbleiben.»

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