Es wird schnell emotional, wenn über den Bettag diskutiert wird. Soll er ein hoher Feiertag bleiben oder nicht? Die einen sehen eine Traditionen in Gefahr, die zugunsten von Kommerz und scheinbarem Profit, etwa an der Heso, geopfert wird. Einen alten Zopf, der das Familienleben, das Gewerbe und Sportler in ihrer Freizeit beschneidet, möchten dagegen die anderen zugunsten eines modernen Gesetzes abschneiden.

Wollen wir an Traditionen festhalten, die wir gar nicht mehr leben - und müssen wir mehr Ruhephase einlegen? Das diskutieren Marianne Meister und Bernadette Rickenbacher. Die 51-jährige Meister ist Kauffrau, FDP-Kantonsrätin und Präsidentin des Kantonalen Gewerbeverbandes.

Sie sucht ihre Ruhe in der Natur und möchte nicht, dass ihr der Staat vorschreibt, wann sie dies zu tun hat. Die 47-jährige Bernadette Rickenbacher ist Katechetin, CVP-Kantonsrätin und Präsidentin der Römisch-Katholischen Synode des Kantons. Sie möchte eine Insel der Ruhe in der hektischen Gesellschaft bewahren und eine grosse oekumenische Tradition weiterführen.

Frau Rickenbacher, Sie haben in kürzester Zeit 4500 statt der benötigten 1500 Unterschriften für das Referendum zusammengehabt. Bestärkt Sie dies?

Rickenbacher: Absolut. Das war wie ein Virus. Ich erhielt unzählige Mails, Anrufe und gar Glückwunschkarten. Ich bin überzeugt, dass ein Grossteil des Volkes den Bettag in der heutigen Zeit will.

Das waren aber alles eher konservative oder kirchliche Schichten.

Rickenbacher: Nein, erstaunlich und erfreulich war gerade eben, wie viele Junge es darunter hatte.

Frau Meister, vor neun Jahren stimmten 70 Prozent der Solothurner für die Beibehaltung des Bettags. Jetzt stellen Sie ihn wieder zur Diskussion. Haben Sie ein Problem mit dem Volkswillen?

Meister: Im Gegenteil. Ich glaube, es hat sich in diesen Jahren viel geändert. Der Mensch hat heute andere, viel individuellere Bedürfnisse. Und ich möchte klar festhalten: 2005 wollte man den Bettag als Feiertag ganz abschaffen zu einem normalen Ruhetag machen. Das wollen wir hier nicht. Wir möchten nur ein paar Verbote lockern, die wir für nicht mehr zeitgemäss halten.

Ganz ehrlich, Frau Rickenbacher: Wenn wir rausgehen und fragen, welches die fünf hohen Feiertage im Kanton sind, werden vielleicht Weihnachten und Ostern genannt, aber sicher nicht der Bettag.

Rickenbacher: Es ist doch erschreckend, dass man nicht mehr weiss, welche Bedeutung und Tradition hinter dem Bettag stecken. Seine Entstehung hängt damit zusammen, dass wir Ende der 1630er-Jahre vom 30-jährigen Krieg verschont geblieben sind. Wir dürfen nicht vergessen, dafür danke zu sagen: Danke für den Frieden, den wir haben, für unseren Wohlstand und für die gelebte Demokratie. Will man diese speziellen Werte jetzt wirklich herunterstufen?

Meister: Entschuldigung, für mich ist der 30-jährige Krieg jetzt sehr weit weg. Mir ist ganz wichtig zu sagen: Wir haben Respekt vor den Traditionen. Aber, Bernadette, sag mir, warum ich den Bettagsnachmittag nicht mit meinen Kindern an einen Fussballmatch verbringen soll. Unsere Einstellungen müssen doch nebeneinander Platz haben.

Rickenbacher: Ich sehe das Festhalten am Bettag auch als Mutter: Meine Aufgabe ist doch ganz klar, dass wir Werte leben und weitergeben.

Meister: Das ist mir auch wichtig. Aber das Thema wird jetzt zu emotional verkauft. Eine ältere Frau kam zu mir: Ihr hatte der Pfarrer gesagt, wir wollen den Bettag abschaffen. Das stimmt doch nicht. Ihr habt Angst, wir nähmen Euch etwas weg. Das ist nicht so. Wir nehmen euch keine Stunde und keine Minute Besinnung weg.

Warum ist der Aufschrei rund um den Bettag dann so gross?

Meister: Der Mensch hat grundsätzlich Mühe mit Veränderungen. Ich stelle immer wieder fest, dass die Bevölkerung anders lebt, als sie abstimmt. Das zeigt sich etwa bei den Ladenöffnungszeiten. Man ist dagegen, eine Stunde länger offenzuhalten. Aber genau diese Leute sieht man am Sonntagmorgen beim Gipfelikauf an der Tankstelle. Das ist das Widersprüchliche im Abstimmungsverhalten von vielen.

Frau Rickenbacher: Sie möchten den Bettag weiter gleich behandeln wie Ostern oder Weihnachten. Aber diese beiden Feste haben doch einen ganz anderen Stellenwert?

Rickenbacher: Weihnachten und Ostern sind stark mit Kommerz und Geschenken verbunden. Beim Bettag hat man da nichts. Deshalb bin ich froh, dass wir mit der Abstimmung wieder thematisieren, was der Bettag ist. An keinem Feiertag wird die Oekumene so stark gelebt. Und die Politik ist traditionell auch dabei: In Olten hat der Stadtpräsident sei Jahren die Gelegenheit, quasi eine Predigt in der Kirche zu halten.

Meister: Ich behaupte, dass der Bettag für eine grossen Teil der Bevölkerung nicht die gleiche Bedeutung hat, wie Weihnachten oder Ostern. Ich bin kein besonders christlicher Mensch und will mir auch nichts anmassen. Aber wenn man den Bettag mit Fronleichnam, Allerheiligen oder Auffahrt gleichstellt, finde ich das angemessen.

Die Kirche verliert an Bedeutung in der Öffentlichkeit. Frau Rickenbacher, klammern Sie sich nicht einfach an das alte Gesetz, um eine frühere Bedeutung zu behalten?

Rickenbacher: Der Bedeutungsverlust ist da. Sie können auf die Strasse gehen und die wenigsten wissen, was ein Palmsonntag wirklich ist. Man ist sehr kirchenfremd, das ist auch ein Wohlstandsproblem. Aber als Mitarbeiterin in der Kirche merke ich: Wenn etwas Schlimmeres passiert, sind die Leute wieder da. Unsere Aufgabe ist es, politisch und kirchlich, dass wir solch spezielle Traditionen wie den Bettag weiterleben und weitergeben.

Aber dazu braucht es den hohen Feiertag nicht. Das ginge auch sonst.

Rickenbacher: Nein, was wir loslassen, geht in Vergessenheit. Was hinter dem Bettag steckt, ist so wertvoll, das dürfen wir nicht vergessen.

Meister: Das ist wunderbar, das respektiere ich auch. Genau aus diesem Grund wollen wir den Bettag auch als Feiertag erhalten. Aber als Gewerbevertreterin möchte ich doch noch einige Worte sagen: Die Menschen stillen dort ihre Bedürfnisse, wo sie ihnen angeboten werden. Sie gehen einfach in einen umliegenden liberaleren anderen Kanton und die Wertschöpfung fliesst weg. Aber Ihr verliert keine Gläubigen in der Kirche, wenn der Bettag ein hoher statt nur ein gewöhnlicher Feiertag ist.

Rickenbacher: Wir haben 51 Sonntage. Und von diesen sind nur 5, an denen Ruhe verordnet ist. Wir hatten beim Unterschriftensammeln auch Diskussionen mit vielen kirchenfremden Menschen, die aber den Bettag als Oase der Ruhe wichtig finden.

Meister: Es ist wichtig, dass der Mensch Ruhe und Besinnung findet. Ich bin ein Mensch, der jeden Tag für etwas dankt und ich suche mir bewusst meine ruhigen Inseln in der Hektik. - Aber dann, wenn ich sie will. Ich gehe sonntags Velofahren und verbringe die Zeit mit meiner Familie. Ich habe einfach grundsätzlich Mühe mit der staatlich verordneten Ruhe. Für mich hat der Staat keine erzieherische Aufgabe.

Rickenbacher: Ich bin dafür, dass der Staat manchmal auch Ruhe vorgibt. Etwa, wenn ich schaue, wie viele Leute Burnouts und Depressionen haben. Ich kenne grosse Firmen, wo Manager und Kaderpersonen über Mittag Meditationen organisieren, damit man die Woche noch schafft.

Meister: Hast Du wirklich das Gefühl, dass wir weniger Burnouts haben, einzig und allein nur, weil der Bettag ein hoher Feiertag bleibt?

Rickenbacher: Nein. Aber wenn wir überall nachgeben, haben wir zuletzt nichts. Hektik und fehlende Ruhe sind eine Riesengefahr in der heutigen Zeit. Es ist ganz gut, dass uns die hohen Feiertage deshalb zwingen, ruhig zu sein.

Meister: Entschuldigung, aber wenn mir der Staat sagt: «Marianne, heute bist du ruhig und besinnlich», stehen mir einfach die Haare zu Berg. Der Staat soll keine Besinnung verordnen. Schauen wir doch, wie sich die Leute am Bettag verhalten.

Frau Meister, offenbar ist ein grosses Bedürfnis da, sich eine Ruheinsel zu schaffen. Unterschätzen Sie das?

Meister: Ruhe ist ein Grundbedürfnis von uns Menschen. Aber es gibt so viele Angebote, um dies zu finden, von Meditationen bis Wellness und Kneippen. Sport und Bewegung sind für mich sehr wichtig für den Ausgleich. Jeder sucht sich das, was er braucht.

Das Ruhetagsgesetz gilt auch als Lex Heso. Würden wir wirklich über den Stellenwert des Bettages diskutieren, wenn dieser nicht die Heso stören würde?

Rickenbacher: Sicher nicht. Wir Kantonsräte wurden in einem Brief ja explizit gebeten, diesen hohen Feiertag zu einem normalen herunterzustufen. - Nur damit die Heso öffnen kann.

Meister: Es geht nicht um die Heso. An ihr wird nur das Problem sichtbar. Es geht hier um das Ruhetagsgesetz, das seit 1964 nicht mehr angepasst wurde. Jetzt haben wir ein modernes, gutes Gesetz. Wir hätten noch viel weiter gehen können: Ich persönlich könnte gut damit leben, dass wir gar nicht mehr zwischen hohen und normalen Feiertagen unterscheiden, sondern nur noch Feiertage haben. Das hat im Kanton Solothurn politisch aber keine Chance. Unsere Bevölkerung hat Mühe mit Änderungen und Liberalisierungen.

Rickenbacher: Wenn ich jetzt höre, dass ich kein zeitgemässes Gesetz möchte, ist das falsch. Wir haben mit der ursprünglichen Fassung, die den Bettag als hohen Feiertag beinhaltete, absolut kein Problem, obwohl es da bereits massive Lockerungen drin hat. Es gibt etwa kein Kino- und kein Tanzverbot mehr. An den hohen Feiertage gelten nur noch vier konkrete Verbote wie Schiessübungen, Sportveranstaltungen, öffentliche Veranstaltungen und das Überfliegen von Ortschaften mit sportlichen Motorflugzeugen. Wir gehen also absolut mit der Zeit. Gerade letzte Nacht ging mir durch den Kopf, wie wir als Kind den Bettag begangen haben. Wir haben zuhause nicht einmal Radio gehört.

Meister: Wir haben jetzt die Chance, Ja zu sagen zu einem modernen Gesetz, das die Mehrheit des Kantonsrates befürwortet hat, und das den heutigen Bedürfnissen entspricht. Wenn wir das versenken haben wir wieder das Tanz- und Kinoverbot.

Die Gewerkschaften sind gegen die Änderung aus arbeitsrechtlichen Gründen.

Meister: Wir reden nicht über die Ladenöffnungszeiten. Die Vorlage hat nichts mit dem Arbeitsrecht zu tun. Das wird erst im Juni Thema sein.

Rickenbacher: Der Gewerkschaftsbund hat mitgemacht, weil er ganz klar die Schutzbestimmungen für die Arbeitnehmenden auch am Bettag erhalten möchte. Da kommen wir natürlich wieder zur Heso. Wenn die Messe geöffnet hat, sind Mitarbeitende am Sonntag zur Arbeit verpflichtet. Da müssen wir den Riegel schieben.

Meister: Am strengen Arbeitsgesetz ändert kein Buchstabe. Der Bettag bleibt ein Tag, an dem grundsätzlich nicht gearbeitet werden darf. Ich kann Ihnen schon sagen, wie das an der Heso funktioniert: Da stehen Gewerbler mit ihren Familien am Stand und leisten die Stunden selbst. Eine solche Messe ist mit einem grossen finanziellen Aufwand verbunden. Der Sonntag, als besucherstärkster Tag muss da genutzt werden können. Und übrigens hat man ganz früher auch am Bettag nach der Kirche einen Markt gehabt. Man hat dort Handel getrieben und Geselligkeit gepflegt. Genauso wie an der Heso heute.