Brandermittlung
Brandermittler: «Viele Brände wären vermeidbar, einige aber auch nicht»

Oft führen technische Defekte zu Bränden. Besonders gefährlich sind dabei Brände von Bauernhöfen, da sie dem Feuer viel Nahrung bieten. Doch ob nun ein Bauernhaus oder ein Fabrikgebäude brennt: Die Brandermittler sind überall zur Stelle.

Simon Binz
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17. Mai: Brand von Bauernhof in Selzach – Brandursache: technischer Defekt an der elektronischen Installation. Der Stall wurde durch das Feuer komplett zerstört.
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17. Mai: Brand von Bauernhof in Selzach – Brandursache: technischer Defekt an der elektronischen Installation. Die vier Bewohner konten das Haus rechtzeitig verlassen. Sie wurden zur Kontrolle ins Spital gebracht. Ein Bewohner wurde leicht verletzt.
17. Mai: Brand von Bauernhof in Selzach – Brandursache: technischer Defekt an der elektronischen Installation. Die Tiere konnten grösstenteils gerettet werden, ein paar wenige Kühe sind verbrannt. Der Sachschaden belief sich auf mehrere 100'000 Franken.
17. Mai: Brand von Bauernhof in Selzach – Brandursache: technischer Defekt an der elektronischen Installation. Es dauerte knapp zwei Monate bis die Brandursache fest stand.
4. Juli: Brand von Fabrikareal in Breitenbach – Brandursache: technischer Defekt (Selbstentzündung). Die Produktionshalle für Kabelisolationsmaterial stand beim Eintreffen der Einsatzkräfte bereits in Vollbrand.
4. Juli: Brand von Fabrikareal in Breitenbach – Brandursache: technischer Defekt (Selbstentzündung). Der Rauchentwicklung war von weit her zu beobachten.
4. Juli: Brand von Fabrikareal in Breitenbach – Brandursache: technischer Defekt (Selbstentzündung). Die Feuerwehr konnte das Feuer unter vereinten Kräften unter Konrolle bringen und schliesslich löschen.
Im Kanton Solothurn sind häufig technische Defekte Ursachen für Brände – Ein paar Fälle der letzten Monate
4. Juli: Brand von Fabrikareal in Breitenbach – Brandursache: technischer Defekt (Selbstentzündung). Zum Zeitpunkt des Brandausbruches befanden sich mehrere Personen im Gebäude, doch sie konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen und blieben unverletzt.
21. Juli: Brand von leerstehendem Wohn- und Gewerbehaus in Balsthal – Brandursache: technischer Defekts an einem Elektrokabel. Beim Eintreffen der Feuerwehr Balsthal stand der Dachstock des östlichen Gebäudeteils in Vollbrand. Die Einsatzkräfte konnten das Feuer in der Folge rasch unter Kontrolle bringen und ein Übergreifen auf die benachbarte liegenschaft verhindern.
21. Juli: Brand von leerstehendem Wohn- und Gewerbehaus in Balsthal – Brandursache: technischer Defekts an einem Elektrokabel. Personen wurden keine verletzt. Die genaue Schadenhöhe konnte noch nicht beziffert werden.
8. August: Brand von Ökonomiegebäude mit angebauten Wohnhaus – Brandursache: technischer Defekt in der Elektroinstallation im Bereich der Stalldeckenbeleuchtung. Beim Eintreffen der Feuerwehren Hauenstein und Olten standen die Einsatzkräfte bereits einem Vollbrand gegenüber und in der Folge konnte ein Übergreifen des Feuers auf das angebaute Wohnhaus nicht mehr verhindert werden.
8. August: Brand von Ökonomiegebäude mit angebauten Wohnhaus – Brandursache: technischer Defekt in der Elektroinstallation im Bereich der Stalldeckenbeleuchtung. Die Pächterfamilie konnte die Liegenschaft rechtzeitig verlassen und blieb unverletzt. Ebenso blieb der Viehbestand unversehrt. Ein Grossteil davon befand sich auf der Weide oder konnte rechtzeitig aus den Stallungen getrieben werden.
8. August: Brand von Ökonomiegebäude mit angebauten Wohnhaus – Brandursache: technischer Defekt in der Elektroinstallation im Bereich der Stalldeckenbeleuchtung. Das Ökonomiegebäude und das angebaute Wohnhaus wurden beim Brand vollständig zerstört.
8. August: Brand von Ökonomiegebäude mit angebauten Wohnhaus – Brandursache: technischer Defekt in der Elektroinstallation im Bereich der Stalldeckenbeleuchtung. Die Schadensumme beträgt mehrere 100'000 Franken.
31. August: Brand von Holzscheune zwischen Hochwald und Gempen – Brandursache: technischer Defekt an einem Stromgenerator, der zum Zeitpunkt des Brands in der Scheune lief. Die freistehende Holzscheune brannte vollständig nieder. Verletzt wurde niemand. Das Feuer wurde schliesslich von den Feuerwehren Gempen und Hochwald gelöscht.
Zwei verschiedene Brandursachen Hinten: Stromkabel wurde von Nagern zerfressen – technischer Defekt als Ursache. Vorne: Nagel wurde in Stromkabel gehämmert – Fahrlässigkeit als Ursache.

17. Mai: Brand von Bauernhof in Selzach – Brandursache: technischer Defekt an der elektronischen Installation. Der Stall wurde durch das Feuer komplett zerstört.

Kapo SO

Donnerstag 8. August 2013. In Hauenstein brennt ein Bauernhaus mit Ökonomiegebäude bis auf die Grundmauern nieder. Dabei wurde niemand verletzt und auch der Viehbestand blieb unversehrt. Die Schadensumme beläuft sich aber auf mehrere 100 000 Franken. Brandursache: technischer Defekt in der Elektroinstallation im Bereich der Stalldeckenbeleuchtung.

Dies ist nur eine von vielen Meldungen von Bränden, die in den letzten Monaten in dieser Zeitung zu lesen waren. Was fällt auf? Oft war in den Mitteilungen der Kantonspolizei Solothurn von technischen Defekten als Brandursache die Rede. «... technischer Defekt an einer Mehrfachsteckdose ... technischer Defekt an einem Elektrokabel ...» Haben diese als Ursache zugenommen? Und was heisst «technischer Defekt» eigentlich?

Was sind technische Defekte?

«Technische Defekte gehören zu den häufigsten Ursachen von Bränden», sagt Rolf Häfliger. Der gelernte Zahntechniker ist einer, der es wissen muss. Er arbeitet seit 18 Jahren als einer von fünf Brandermittlern bei der Kantonspolizei Solothurn. «Sehr oft entstehen Brände, verursacht durch technische Defekte, in Zusammenhang mit Strom», erklärt Häfliger.

Wo Strom fliesse entstehe Wärme und durch die thermische Belastung können sich Materialien entzünden. Oft sei es heute ein Problem, dass alte Gebäude umgenutzt werden und die vorhandenen elektrischen Installationen den Anforderungen nicht mehr genügen. Beispielsweise sei in einem Haus eine Stromleitung für eine Kochstelle und eine Lampe ausgelegt worden und infolge der Umnutzung des Gebäudes, würden nun Beleuchtung, Computer und weitere technische Geräte angeschlossen werden.

«Dadurch kann es irgendwann zu einer Überlastung des Netzes kommen», so Brandermittler Häfliger. Zudem kann es bei alten Leitungen passieren, dass sich der Weichmacher (Kunststoff) der Isolation zersetzt hat. Dadurch könne im Innern einer Wand ein Glimmbrand entstehen. Natürlich sei Strom im Allgemeinen eine sehr angenehme Erfindung, sagt Häfliger. «Aber manchmal kommt es halt zu einem Vorfall. Viele wären vermeidbar, einige sind es aber auch nicht.»

Übrigens: Brände, ausgelöst durch technische Defekte an Stromleitungen, können auch in Neubauten vorkommen. Daher kann nicht generell gesagt werden, dass die Leitungen in alten Häusern immer rausgerissen werden müssen. Viel wichtiger sei es, dass die elektrischen Installationen kontrolliert und nicht überbelastet werden.

Eine zusätzliche Sicherheit bietet ein Brandmelder. Wir haben einen grossen Nutzen von Strom, müssen aber auch mit einem gewissen Risiko leben», sagt der Spezialist. Er relativiert aber gleich: «Wenn man bedenkt, wie viele elektronische Geräte wir um uns herum haben, ist die Anzahl Brände klein.»

Brennen Bauernhöfe schneller?

Ein Blick in das Archiv der Medienmitteilungen der Kapo zeigt auch, dass in den vergangenen Monaten oft Bauernhöfe brannten - meistens sogar standen sie in Vollbrand. Warum? Ein Bauernhof habe extrem viel Brandnahrung. «Staub, Spinnenweben, Chemikalien und Dünger. Es wirken extrem viele Dinge zusammen und ein kleiner Glimmbrand kann sich schnell zu einem Schadenfeuer entwickeln», sagt Brandermittler Rolf Häfliger.

Gebäudeversicherung: «Technische Defekte verhindern»

Nicht nur die Polizei beschäftigt sich mit technischen Defekten, auch die Solothurnische Gebäudeversicherung (SGV) hat bereits Massnahmen ergriffen, damit technische Defekte als Brandursache nicht weiter zu nehmen. Claudia Jäggi-Schaller von der SGV: «Insbesondere haben wir die Zusammenarbeit mit den Kontrollorganen für die Sicherheit der Elektroinstallationen intensiviert. Im Weiteren führen wir eine Statistik über schadenverursachende Geräte und deren Typen, um Wiederholungsfälle feststellen zu können.» Diese Massnahmen scheinen auch nötig, denn «gemäss Schadenstatistik sind technische Ursachen zurzeit die häufigste Brandursache», so Jäggi. Zu technischen Ursachen zählen: Apparate, Installationen, Elektrizität und Selbstentzündung. Auch beim zurzeit teuersten Brand in diesem Jahr - am 4. Juli brannte ein Fabrikareal in Breitenbach (siehe Bild) - war ein technischer Defekt (Selbstentzündung) die Brandursache. Der Brandschaden beläuft sich auf 1,74 Mio. Franken. Bisher verzeichnet die SGV im Kanton Solothurn für dieses Jahr 289 Brandschäden mit Gesamtkosten von rund 7,2 Mio. Franken. Budgetiert sind für das ganze Jahr, 13 Mio. Franken. Darum zeigt man sich bei der SGV zurzeit mit dem Schadenverlauf 2013 «generell gut zufrieden». Zum Vergleich: Letztes Jahr ging als günstiges Schadenjahr in die Bücher ein. Mit 453 akzeptierten Brandschäden (von insgesamt 504) und Gesamtkosten von 7,85 Mio. Franken. Merkblätter zum Thema Brandschutz findet man auf der Homepage der Gebäudeversicherung (www.sgvso.ch) unter der Rubrik Downloads. (SBI)

Für die Feuerwehr seien Bauernhofbrände Albträume. Man müsse zuerst das Vieh retten, dann habe es Stroh oder Heu im Heu Stock, dieses könne nicht gelöscht werden, sondern müsse nach draussen geschafft werden und, und, und ... «Bei einem Bauernhofbrand kann die Feuerwehr darum meist nur versuchen, das Feuer nicht auf das Wohnhaus übergreifen zu lassen», so Häfliger.

Was macht ein Brandermittler?

Egal ob bei Bränden von Bauernhöfen oder der Installation von technischen Geräten, Rolf Häfligers Fachwissen, das er sich über die Jahre erarbeitet hat, ist spürbar und auch unbedingt nötig. Denn die Arbeit eines Brandermittlers geht viel weiter, als man sich denken würde. Die Fünf der Kantonspolizei Solothurn wechseln sich mit Pikettdienst ab. Wenn es brennt, rücken sie aus - zum gleichen Zeitpunkt wie die Feuerwehr.

Für die Ermittlungen sei es extrem wichtig vor Ort zu sein, wenn der Brand noch frisch ist. Schliesslich ziehe ein Brand immer auch Schaulustige an, die vielleicht auch Angaben in Bezug auf den Brand machen könnten. Die eigentliche Brandursachenabklärung beginne aber meistens erst, wenn der Brand gelöscht und die starke Rauchentwicklung vorüber sei. «Das kann, je nach Grösse des Brandes, auch mal ein paar Tage dauern.»

Dann gilt es für die Brandermittler Abklärungen zu treffen und jede einzelne mögliche Ursache auszuschliessen, um so die eigentliche Brandursache zu ermitteln. «Am Schluss muss das ganze Spurenbild zusammenpassen. Denn die Beweise müssen beispielsweise bei Fahrlässigkeit oder Brandstiftung auch vor Gericht bestand haben», sagt Häfliger. Fahrlässigkeit und Brandstiftung sind übrigens auch die Gründe, warum Häfliger sich nicht für den Artikel ablichten lässt. Denn er und seine Kollegen bei der Brandermittlung arbeiten oft in Zivil.

Was bringt die Zukunft?

Spurensuche, Einvernahme von Verdächtigen, Berichte schreiben, die Arbeiten eines Brandermittlers sind vielfältig. Oft haben sie heute mit technischen Defekten zu tun, gibt Häfliger zu und fügt an: «Wenn man die Entwicklung der Technik bedenkt, wird dies wohl über kurz oder lang noch mehr zunehmen, denn irgendwann ist die Kapazitätsgrenze erreicht, besonders bei Gebäuden mit alten elektrischen Installationen.»

Steckerleisten nach einigen Jahren auswechseln

Auch wegen Steckerleisten komme es immer mal wieder zu Bränden, sagt Brandermittler Rolf Häfliger. Man könne zwar einen Mehrfachstecker mit mehreren Anschlüssen kaufen, aber sollte trotzdem immer beachten, für wie viel Watt dieser ausgelegt ist (Hinweis auf Verpackung beachten). «So entsprechen 2000 Watt knapp einer Kaffeemaschine und einer Lampe. Wenn man dann aber die Kaffeemaschine, die Mikrowelle und noch den Staubsauger anschliesst, hat man um die drei- bis viertausend Watt, die man bezieht.» So werde die Mehrfachsteckdose erwärmt und die Möglichkeit besteht, dass durch die Überlast der Kunststoff derart belastet wird, dass sich dieser entzündet. Gefährlich kann es auch werden, wenn die Steckerleisten zu alt seien. Laut Häfliger sollte man sich nach einigen Jahren von ihnen trennen und neue besorgen. «Sie funktionieren zwar noch, aber der Kunststoff hat einfach nicht mehr dieselbe Materialsubstanz, da sich die Weichmacher (Kunststoff) durch die Alterung und thermischen Belastungen teilweise auflösen und spröde werden. Dadurch ist die Zündtemperatur herabgesetzt und das Risiko für einen Brand erhöht.» (SBI)

Fakt ist laut dem Spezialisten, dass bereits in den letzten 15 Jahren technische Defekte als Brandursachen zugenommen hätten. Hinzu komme, dass bei neueren technischen Geräten noch keine Langzeit-Erfahrungen gemacht worden seien.

Bevor sich die Brandermittler des Kantons Solothurn aber mit dieser Entwicklung beschäftigen werden, steht nun als Nächstes die Wintersaison vor der Tür. Die technischen Defekte, die vermehrt in den Sommermonaten auftreten, wenn Klimageräte häufiger in Betrieb sind und die Aussentemperaturen zu thermischen Belastungen führen können, nehmen etwas ab. «Jetzt werden Schornstein- und Cheminéebrände wieder zunehmen. Jede Jahreszeit hat also so ihre Brandursachen», beschreibt es Brandermittler Häfliger treffend.

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