Fährenverbot
Bootsbauer zur Inseli-Fähre: «Wenn der Betreiber fährt, geht er Risiken ein»

Die Empörung über das Verbot der Inseli-Fähre bleibt gross, doch es gibt Sicherheitsbedenken. Das Aluminium der Aussenhaut ist so alt, dass man es nicht mehr schweissen kann.

Lucien Fluri
Drucken
Teilen
Einzigartig: Die von Familie Antener bewohnte Aareinsel in Selzach, rund 5 km aareaufwärts von Solothurn Luftaufnahme: Oliver Menge

Einzigartig: Die von Familie Antener bewohnte Aareinsel in Selzach, rund 5 km aareaufwärts von Solothurn Luftaufnahme: Oliver Menge

Oliver Menge

Für die einen wiehert hier der Amtsschimmel in sonderbarem Ausmass: Nach wie vor ist die Empörung über das urplötzliche Fahrverbot für die Aarefähre, die die Insel der Bauernfamilie Antener mit dem Festland verbindet, gross - querte das Boot doch 33 Jahre lang sicher die Aare.

Für andere stellt sich die Frage: Was wäre, wenn mit dem angejahrten Boot einmal etwas passieren würde: Wer hätte nicht schon immer gewusst, dass die Fähre sicherheitstechnisch veraltet sein könnte?

«Gottlob ist bisher nie etwas passiert»

Die Behörden sowohl in Lüsslingen-Nennigkofen als auch in Selzach wurden von dem Vorfall rund um die Aareinseli-Fähre überrascht. Die Insel gehört zum Gemeindegebiet von Selzach. Die Zufahrt zum Anlegeplatz der Fähre liegt auf Gemeindegebiet von Lüsslingen-Nennigkofen. Dessen Gemeindepräsident Herbert Schluep ist nicht unkritisch: «Die Überfahrt ist schon etwas kriminell, ohne Schutzwesten. Gottlob ist bisher nie etwas passiert, das hätte einen Riesenversicherungsfall ausgelöst.» Er sei aber überzeugt, dass sich eine Lösung finden wird.


Auch die Selzacher Behörden wurden von der polizeilichen Verfügung überrumpelt. Gemeindepräsidentin Silvia Spycher will zuerst mit der Verwaltung besprechen, wie die Gemeinde vorgehen will. «Alles ist noch frisch.» Vizegemeindepräsident Christoph Scholl will das Thema an der kommenden Gemeinderatssitzung zur Diskussion bringen. «Die Gemeinde könnte als Mittlerin zwischen der Familie Antener und dem Kanton helfen, damit weiterhin auf dem Inseli gewirtschaftet werden kann.» Helfen will auch Kantonsrat Fritz Lehmann aus Bellach. «Als Bauer weiss ich genau, wie das ist, wenn man plötzlich mit solchen Dingen konfrontiert wird. Das ist brutal.» Lehmann bezeichnet das Vorgehen der Verwaltung
als nicht nachvollziehbar. Helfen wollen auch über 2500 «Pro Inselibuur»-Freunde auf Facebook (Stand gestern 17 Uhr). (uby)

In Solothurn sitzt ein Unternehmen, das Erfahrung im Fährenbau besitzt. Auf Bellacher Boden stellt die Aarewerft Lehmann Boote her. Firmeninhaber Marcel Lehmann hat schon einige Fähren konstruiert, etwa diejenige in Altreu.

Er kennt das Sicherheitsproblem, das dem Fährbetrieb beim Inseli den Garaus machen soll. Denn die fehlenden Luftkammern waren schon vor gut zehn Jahren in Basel ein Problem.

Lehmanns Firma erhielt in der Folge einen prestigeträchtigen Auftrag vom Rheinknie: Sie baute die St. Alban Fähre, die 35 Passagiere fassen kann und sommers und winters den Rhein quert.

Auch in Basel fehlten die sogenannten «Auftriebskörper» - das Gesetz fordert sie nicht erst seit kurzem: «Die Unsinkbarkeit der Fähre musste gewährleistet werden», sagt Marcel Lehmann.

«Es gibt Risiken»

Bootsbauer Lehmann kennt die Fähre, die Personen und Waren auf das Aareinseli transportiert. Für den Fachmann ist klar: Die Polizei konnte nicht anders handeln. Wohl keine Schweizer Behörde würde der Fähre eine Fahrerlaubnis ausstellen, sagt Lehmann.

Denn offenbar steht es um die Sicherheit der Fähre nicht zum Besten. «Wenn der Betreiber fährt, geht er Risiken ein.» Statische Teile seien nicht mehr intakt.
Lehmann hat sich die Fähre insbesondere angeschaut, um zu prüfen, mit welchen Massnahmen sie wieder fahrtauglich gemacht werden könnte.

Man habe überprüft, aussen an das Boot Kammern zu schweissen, so Lehmann. Doch dies lasse der Zustand der 33 Jahre alten Aluminium-Aussenhaut wohl kaum zu. «Das Alu ist dermassen alt, dass man nicht mehr schweissen kann.»

Es mache kaum Sinn, Geld zu investieren, um die Fähre für weitere zwei bis drei Jahre gängig zu machen. Schwarz malen will Lehmann aber nicht, denn er ist überzeugt: Technisch ist es kein Problem, eine Fähre zu bauen, die den Anforderungen der Familie entspricht. Eine entsprechende Plattform hätte der Bootsbauer, er habe auch schon Kontakt mit der Familie gehabt, so Lehmann.

Wozu eine PET-Flasche auch noch gut ist

Es klingt so simpel. Aber Bootsbauer Marcel Lehmann scheint auf das Prinzip zu schwören: Für die Luftkammern, die seine Bote benötigen, setzt Lehmanns Werft auf luftgefüllte PET-Flaschen, die in den Schiffsboden integriert werden. «Es ist absolut das Beste, das es gibt», so der Fachmann. Man könnte auch Sagex verwenden oder die Hohlkammer schäumen. Doch Lehmann ist von der ganz gewöhnlichen PET-Flasche überzeugt. «Man kann sie fast nicht kaputtmachen», sagt er und empfiehlt, den Test mit einer luftgefüllten Cola-Flasche zu machen. Sie halte extrem viel aus. Zudem sei ein Vorteil, dass jede der eingeschäumten Flaschen quasi eine eigene Zelle bilde. Und dank der Flaschen sei auch die Ausdehnung der Luft nicht so gross - denn bei Temperaturschwankungen drohe immer die Gefahr der Blähung des Aluminiums. Seit rund zwölf Jahren verwendet Lehmann die PET-Technik. (lfh)

Denn schliesslich gehe es um die Existenzgrundlage der Familie.

«Noch diese Woche einen Brief»

Immerhin gibt es eine neue Nachricht aus dem Innendepartement von Regierungsrat Peter Gomm, wo die Beschwerde der Familie Antener gegen die polizeiliche Verbots-Verfügung hängig ist. «Die Familie wird noch diese Woche ein Schreiben von unserem Departement in den Händen halten», sagt Departementssekretär Heinrich Schwarz.

Was in der Post aus Solothurn stehen wird - ob es eine Fristerstreckung gibt oder ob der Kanton stur bleibt - konnte Schwarz nicht sagen, müsse doch zuerst die betroffene Familie informiert werden.

Aktuelle Nachrichten