Trend
Boom um CBD-Hanf ist vorbei — wie geht es den Solothurner Produzenten heute?

Zuerst der Hype, dann die Flaute, jetzt die Suche nach einem Normalzustand. Was das legale «Gras» im Kanton Solothurn angestossen hat.

Raphael Karpf
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Ernte des CBD-Hanfs im letzten Jahr auf den Feldern von Landwirt Markus Dietschi in Selzach.

Ernte des CBD-Hanfs im letzten Jahr auf den Feldern von Landwirt Markus Dietschi in Selzach.

Noëlle Karpf

Es herrschte Goldgräberstimmung im Lande. Als das Bundesamt für Gesundheit 2016 den Verkauf von CBD-Produkten erlaubte, lancierte es damit einen Trend, den so kaum jemand vorhergesehen hatte. Auf Feldern wie in Gewächshäusern wurde CBD-Hanf angepflanzt, eine Vielzahl von Firmen produzierte daraus Lebensmittel, Kosmetika oder Tabakersatzprodukte. Online wie auch in regionalen Lädeli konnte man sich mit den verschiedensten Produkten eindecken. Selbst Grossverteiler Coop nahm im Sommer 2017 CBD-Zigaretten ins Sortiment auf.

Der Höhenflug des «grünen Goldes» schien keine Grenzen zu kennen. Anfang dieses Jahres dann aber die Ernüchterung: Das gewaltige Angebot übertraf die Nachfrage, die Preise sanken, der Trend schien bereits wieder vorbei zu sein. Wie ist die Lage im Kanton knapp zwei Jahre nach der Zulassung? Und wie soll es weitergehen? Drei Beteiligte berichten.

Ein Bedürfnis in der Gesellschaft

Dario Tobler war an vorderster Front dabei, als CBD-Hanf 2016 zugelassen wurde. Er erinnert sich an die Schwierigkeiten, mit denen er damals konfrontiert wurde: «Mit meinen Anfragen wurde ich von Amt zu Amt weitergereicht, niemand schien zuständig zu sein.» Im Entscheid des Bundesamtes für Gesundheit sah er seine Chance: Er gründete 2017 die Zitronic Hemplements AG, die mit Hauptsitz in Obergerlafingen biologische Hanfprodukte produziert. Dann die Wende: «Vom November 2017 bis Februar dieses Jahres stagnierten die Verkäufe.» Betroffen seien aber hauptsächlich die Tabakersatzprodukte. Die Zitronic sei breit genug aufgestellt und in genügend anderen Produktkategorien tätig, so dass keine Untergangsstimmung geherrscht habe. So blickt er dann auch optimistisch in die Zukunft: «Viele kleinere Anbieter haben bereits wieder aufgehört und das Angebot wird sich für eine Handvoll professioneller Produzenten auf einem normalen Stand einpendeln.»

Ein Beispiel dafür, dass nicht nur Firmen im grossen Rahmen CBD anbauen, ist Markus Dietschi. Der BDP-Kantonsrat und Landwirt pflanzte 2017 auf seinem Hof in Selzach CBD-Hanf an. Nicht, um der Tabakindustrie Konkurrenz zu machen, sondern weil er in der Pflanze viel Potenzial sieht: «Von thermischer Dämmung über Kosmetik bis hin zur Ernährung, im Hanf liegt eine grosse Chance.» Die Krise und den Preiseinbruch bekam er zwar mit, grössere Folgen hatten sie für ihn aber nicht. So will er denn auch dieses Jahr wieder Hanf anbauen.
Fertige Produkte einkaufen kann man vor allem online. Die Lieferung kommt dann direkt nach Hause. Aber auch viele Läden haben mittlerweile CBD-Hanfprodukte in ihr Sortiment aufgenommen.

So auch der «Babacool Fashion» in der Solothurner Altstadt. Seit 20 Jahren betreibt Adrian Volken den «Trendshop für die Partyszene», wie sich auf der Website lesen lässt. 2016 nahm er die CBD-Produkte ins Sortiment auf. «Nach einem ersten Run, in welchem jeder CBD-Hanf ausprobieren wollte, pendelte sich das Ganze auf einem guten Level ein.» Nebst der jungen Kundschaft hat er auch viele ältere Kunden, die an Ölen oder Balsamen interessiert sind. Seine bisherige Bilanz: Alleine von den CBD-Produkten leben könnte er zwar nicht, es laufe aber gut. Es herrsche ein Bedürfnis nach diesen Produkten in der Gesellschaft. Das Angebot wird er, solange es dem Gesetz entspricht, mit Bestimmtheit beibehalten.

Hanfernte in Selzach
15 Bilder
 Ein Traktor begleitet die Arbeiter bei der Ernte.
 Die Arbeiter schneiden die Pflanzen ab. Diese sind nicht wirklich gross gewachsen - normalerweise werden sie rund einen Meter hoch.
 Bis in den frühen Nachmittag hinein ernten die Arbeiter das CBD-Hanf.
 Anders als «echtes» Gras hat CBD-Hanf nur einen sehr geringen THC Gehalt und löst deshalb beim Konsumenten keinen Rausch aus.
 Das Hanffeld des Selzacher Bauer: Hier wächst legales Cannabis.
 Die Hanf-Stecklinge werden idealerweise im Juni gesetzt, und Anfang Oktober geerntet.
 Landwirt und BDP-Kantonsrat Markus Dietschi auf seinem Hanffeld bei Selzach.
 Auf diesem Tisch sortieren die Arbeiter Blätter und Stängel von den Blüten.
 Hier trennen die Arbeiter Stängel und Blätter von den Pflanzen, übrig bleiben die Blüten.
 Das wohl erste legal geerntete Gras im Kanton Solothurn.
 Bei den Pflanzen handelt es sich ausschliesslich um weibliche Exemplare. Männliche Hanfpflanzen würden nämlich Samen bilden, welche für CBD-Cannabis nicht verwendet werden dürfen.
 In diesem Laster werden die Blüten aufbewahrt und gekühlt. Später werden sie nach Schaffhausen zur Weiterverarbeitung transportiert.
 Laut Bauer Dietschi lockert das Wurzelwerk der Pflanzen den Boden sehr gut auf - später können auf diesem Feld Raps und Gersten besser wachsen, und der Boden kann sich so besser von Pilzbefall erholen.
 Das nasse Gras muss schnell getrocknet und gekühlt werden, damit sich kein Schimmel bildet.

Hanfernte in Selzach

Noëlle Karpf

Komplexe Gesetzeslage

«Cannabisprodukte mit einem THC-Gehalt von unter einem Prozent sind nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt.» So weit so klar. Doch in der Praxis sind der Anbau und besonders der Vertrieb um einiges komplizierter. Der Anbau wird kantonal geregelt. So gibt es im Kanton Solothurn keine Meldepflicht, gleichzeitig werden auch keine Direktzahlungen vom Amt für Landwirtschaft getätigt. Für den Vertrieb gelten je nach Produktkategorie verschiedene Gesetze.

Das kann zum Beispiel heissen: Für den Vertrieb als Lebensmittel braucht es eine Bewilligung durch das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. Oder als Tabakersatzprodukte: eine Meldung ans Bundesamt für Gesundheit, gleichzeitig wird die Tabaksteuer und dadurch eine Meldung bei der Oberzolldirektion fällig. Und dann schwebt über dem ganzen Prozess das Damoklesschwert der THC-Grenze. Und der damit einhergehenden Illegalität bei allfälliger Überschreitung.

Ein Umstand, der, so Landwirt Dietschi, hemmend auf die Branche wirke. Und es schwierig mache, das volle Potenzial der Pflanze ausschöpfen zu können. Darum findet er: «Jetzt ist der Zeitpunkt für einen kontrollierten, legalisierten Hanfanbau und eine saubere Regelung des Konsums.» Ähnlich tönt es auch bei Tobler. Er betont besonders den medizinischen Nutzen der Pflanze. Ein Thema, das aktueller Gegenstand vieler wissenschaftlicher Untersuchungen ist. Ob es aber soweit kommt, steht in den Sternen. Zuletzt scheiterte 2008 die «Hanfinitiative».

Eine CBD-Hanfernte in Bild und Ton:

(19.4.2018)