Feuerwerk
Böllerei versetzt Tiere in Panik - gerade ältere Tiere sind besonders gefährdet

Wenn am 1. August der Nachthimmel von Raketen erleuchtet wird, freuen sich zwar Menschen Gross und Klein, für Tiere dagegen beginnt wegen der Knallerei eine Nacht der Angst.

Simon Binz
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Wenn die Raketen krachen, beginnt für alle Tiere eine Nacht der Angst.

Wenn die Raketen krachen, beginnt für alle Tiere eine Nacht der Angst.

key/istockfoto

«Das Thema ist ernst», sagt Tierärztin Kathrin Voegtli von der Tierpraxis Animed SO in Solothurn. Und auch Ruth Ferraro, Ärztin der Praxis Tiermed in Biberist, weiss vom Leiden der Tiere zu berichten: «Letztes Jahr war ein Hund vor Panik ausgebüxt. Am nächsten Tag wurde er stark lädiert in einem Bach gefunden.»

Gerade ältere Tiere sind besonders gefährdet, denn sie haben oft Herzprobleme, erklärt Kathrin Voegtli. «Zudem hören sie andere Töne und sehen auch nicht mehr so gut, können also das Geschehen nicht einordnen.» Die Angst zeige sich ganz unterschiedlich. Katzen ziehen sich zurück und verstecken sich. Bei den Hunden dagegen gebe es solche, die gerieten derart in Panik, dass sie sogar durchbrennen und so von einem Auto überfahren werden könnten. «Oder sie tigern ruhelos herum und sind sehr anhänglich. Andere verkriechen sich zitternd», erklärt Kathrin Voegtli. Die Besitzer würden dann den Fehler machen, dass sie ihre Lieblinge trösten und umarmen. Gerade dieser Akt verstärke aber das Gefühl noch, das etwas nicht stimme. «Tierhalter sollten stattdessen ruhig bleiben und ihre Tiere mit Fernseher, Radio oder Spielen ablenken», so die Tierärztin.

Nicht nur am 1. August gelärmt

Dass der Nationalfeiertag für Tier und Tierhalter eine stressige Zeit bedeutet, zeigt sich auch darin, dass die Zahl der Tierarztbesuche mehr und mehr steigt, je näher der Tag kommt. «In den beiden Wochen vor dem 1. August herrscht bei uns immer ein riesiger Ansturm», so
Voegtli. Die Tierärztin sagt, dass man während dieser Zeit eine Person einstellen könnte, die sich nur mit den Fragen der Tierhalter beschäftige. Ähnliches weiss man auch bei der Tiermed-Praxis zu berichten. Ruth Ferraro: «Die Telefonberatung läuft heiss und die Beruhigungsmittel gehen weg wie warme Weggli.» Und eigentlich ist es ja ein Problem, wenn Tierhalter kurzfristig beim Tierarzt anklopfen, sagt die Solothurner Tierärztin Voegtli. «So ist es schwierig, noch ein gutes Konzept zu erarbeiten.»

Ein weiteres Leid für die Tiere ist die Tatsache, dass heutzutage nicht nur am ersten August gelärmt wird. Überall würden ja schon vorher ständig Feuerwerk gezündet. «Seit man in den letzten Jahren Feuerwerkskörper – vor allem Heuler – sehr billig erwerben kann, ist die Situation schlimmer geworden», sagt Kathrin Voegtli. Und als wäre das alles nicht schon stressig genug, sei es ja längst nicht mehr die einzig lärmige Zeit – nur die schlimmste. «Dann folgen Silvester und all die Gewitter, die für Tiere auch sehr unangenehm sind.»

Verschiedene Möglichkeiten

Was aber können Tierfreunde konkret machen, um ihre Lieblinge vor dem Lärm zu schützen? «Die meisten Halter möchten für ihr Tier ein Wundermittel, zum Beispiel eine Tablette, die die Angst nimmt und ihr Tier nicht schläfrig macht. Das gibt es aber nicht», so Tierärztin Voegtli. Verschiedenste Möglichkeiten zum Ausprobieren dagegen schon. Der neuste Hit sei das «Thunder-Shirt» – ein Mänteli, dass man dem Tier überzieht. Dieses liegt eng an den Körper an und vermittelt dem Tier so das gleiche Gefühl, als würde man es wie ein Kind in den Armen halten. «Es hilft bei allen Angstsymptomen von Hunden und Katzen und hat vor allem keine Nebenwirkungen», sagt Voegtli.

Eine weitere Möglichkeit wären Pheromonhalsbänder. «Pheromone sind natürliche Botenstoffe, die von dem Muttertier beim Säugen ausgeströmt werden, um die Welpen zu beruhigen.» Und dann gibt es noch die Medikamente. «Möchte jemand seinen Hund wirklich stark beruhigen, dann gibt es dafür schon gewisse Mittel», so die Tierärztin. Ob dann ein einfaches Futterergänzungsmittel zur Beruhigung oder ein richtiges Beruhigungsmittel besser ist, müsse von Fall zu Fall angeschaut werden. «Bevor ich aber so etwas abgebe, muss ich wissen, dass der Hund keine Herzkrankheit oder Epilepsie hat», so Voegtli. Sie habe auch die Möglichkeit, Beruhigungsmittel zu kombinieren. Dazu müsse sie aber den Patienten, den Halter und die Situation genauestens kennen.

«Grundsätzlich sind Medikamente für mich die letzte Option», so die Tierärztin. Das Problem sieht sie nämlich auch darin, dass viele Besitzer zu wenig Zeit investieren, die beste Lösung für ihr Tier zu finden. «Würde man eine Verhaltenstherapie optimal durchführen, müsste man vielen Tieren auch keine Medikamente verabreichen.» Und: Hat ein Halter einmal die optimale Lösung für sein Tier entdeckt, kann er diese immer wieder anwenden. Sie plädiert darum auch dafür, Hunde schon im Welpenalter an Lärm zu gewöhnen. «Bei Welpen bis zur sechzehnten Woche kann man als Tierhalter auch CDs mit Feuerwerk, Schüssen und Gewittern abspielen.» So hätten diese anschliessend seltener Angst und fänden zum Teil gar Gefallen an dem Lärm.

«Nicht zuletzt», kommt Voegtli zurück aufs 1.-August-Thema zu sprechen, «werden viele Tierhalter für zwei, drei Tage ins nahe Ausland reisen.» Dies sei aber natürlich mit Kosten verbunden. Heutzutage sei ja aber der Tierliebe bekanntlich keine Grenze mehr gesetzt. «Und meist ist der Hund ja auch wichtiger als der Partner», schmunzelt die langjährige Tierärztin.

Wie sind Ihre Erlebnisse mit Tieren am 1.August? Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen im Kommentarfeld!