Barrierefreiheit
Blinde geben der Kantons-Homepage schlechte Noten

Die neue Website des Kantons soll für Sehbehinderte einfacher zu bedienen sein. In einer Studie kommt sie jetzt aber denkbar schlecht weg. Das entspreche nicht der Realität, wehren sich die Behörden.

Sven Altermatt
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Noch funktioniert der barrierefreie Zugang zu Online-Angeboten der kantonalen Verwaltung nicht in allen Bereichen.

Noch funktioniert der barrierefreie Zugang zu Online-Angeboten der kantonalen Verwaltung nicht in allen Bereichen.

Thomas Ulrich

Als die Solothurner Kantonsverwaltung im vergangenen Jahr ihre neue Website präsentierte, verwiesen die Entwickler stolz auf deren Barrierefreiheit. Jeder soll die Seite nutzen können. Unabhängig von körperlichen Einschränkungen. Tatsächlich stehen gerade Sehbehinderte oft vor Hürden, wenn sie im Internet surfen, Dateien herunterladen oder E-Mails schreiben wollen.

Betroffene sind deshalb mit einem «Screenreader» im Netz unterwegs. Die Software lässt nicht nur Inhalte vorlesen. Sie sagt auch, wohin ein Mausklick führt, was auf einer Grafik zu sehen ist und wo etwas in ein Formular eingetragen werden muss. Doch ein «Screenreader» funktioniert nur, wenn eine Website dafür programmiert ist.

Bund und Kantone sind verpflichtet, Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen abzubauen. So will es das Behinderten-Gleichstellungsgesetz. Das weiss auch die Solothurner Verwaltung. Ihre neue Website soll deshalb die «optimale Aufbereitung der Inhalte für Sehbehinderte und Blinde» ermöglichen, hiess es bei der Präsentation im Januar 2015.
Ob dieser Anspruch tatsächlich erfüllt wird, ist allerdings fraglich. Zumindest, wenn man die führende Untersuchung der Barrierefreiheit von Websites beizieht: Sie offenbart gravierende Mängel.

Alle fünf Jahre werden die Websites von Bundesbehörden, Kantonen und Städten von der Stiftung «Zugang für alle» untersucht. Laut der Schweizer Accessibility-Studie befinden sich viele der staatlichen Websites «auf unbefriedigend tiefem Niveau». Während Bundesbehörden meist gute Ergebnisse erzielen, enttäuschen die Websites der Kantone.

Ernüchterung beim Kanton

Solothurn bekommt knapp drei von fünf Sternen.

Geprüft wurden 56 Kriterien in 12 Kategorien. Schlecht weg kommt etwa die semantische Struktur der Website. Ihr Aufbau gibt inhaltliche Zusammenhänge demnach nicht immer korrekt wieder. Mängel orteten die Tester auch beim Kontrast zwischen Hintergrund und Text, ebenso bei der Bedienbarkeit mittels Tastaturen. Ein Ärgernis sind PDF-Dateien, mit denen sehbehinderte Nutzer nur wenig anfangen können. Dabei werden Formulare und Dokumente von den Behörden häufig in diesem Format angeboten.

Die Bewertung der Homepage www.so.ch

Die Bewertung der Homepage www.so.ch

screenshot

Besonders erstaunlich: Der Kanton Solothurn bekommt schlechtere Noten als in der 2011 veröffentlichten Accessibility-Studie – obwohl die Verwaltung mittlerweile eine neue, vermeintlich barrierefreie Website aufgeschaltet hat.

Wie konnte das passieren? Das fragt sich auch Beat Wyler. Der Leiter der Stabstelle E-Government bei der Staatskanzlei war für die Einführung der neuen Website verantwortlich. «Als ich die Accessibility-Studie auf den Tisch bekam, war ich sehr verwundert.» Schliesslich habe man der Barrierefreiheit stets viel Gewicht beigemessen. Mehr noch, sagt Wyler: «Wir haben versucht, das Optimum rauszuholen.» Die Behörden haben sich dabei just von der Stiftung «Zugang für alle» beraten lassen. Aus den Gesprächen mit den Experten resultierte unter anderem ein Massnahmenkatalog.

Nicht die ganze Wahrheit

In internen Tests hat die neue Website laut Wyler stets gut abgeschnitten. Sehbehinderte prüften die Seite vorab, die involvierten Amtsstellen seien für die Problematik sensibilisiert worden. «Vor diesem Hintergrund», sagt Wyler, «lässt sich unser Abschneiden folglich nicht erklären.»

Der Grund dafür ist ein anderer: Um die Websites der Kantone zu vergleichen, testeten die Studienautoren stets das gleiche Szenario. In der Studie bekam dieses grosses Gewicht. Mit einem «Screenreader» versuchten die Tester, ein Formular zum Beantragen von Renten-Ergänzungsleistungen zu finden und auszufüllen. Im Solothurnischen befindet sich das entsprechende Formular jedoch auf der separaten Website der kantonalen Ausgleichskasse. Und nicht auf der Website des Kantons.

Die Seite der Ausgleichskasse hat derzeit noch eine eigene Struktur und ein eigenes Design, sie ist nur teilweise für Sehbehinderte optimiert. Es stehe ausser Frage, dass noch nicht alle Seiten von Behörden barrierefrei sind, sagt Wyler. «Das zu ändern, ist eine wichtige und andauernde Aufgabe.»

www.access-for-all.ch

Dass sich die bisherigen Bestrebungen in der Accessibility-Studie nun nicht niederschlagen, sei schlicht bedauernswert. Für Wyler ist klar: «Damit wird man der Realität nicht gerecht.»

Bewusstsein fehlt oft

Die Stiftung «Zugang für alle» äussert sich nicht näher zu den Resultaten einzelner Kantone. Man suche mit den Getesteten das Gespräch. Allgemein könne man aber eines festhalten, sagt Anton Bolfing, der Leiter Forschung und Entwicklung: «Webangebote von Behörden sind für Sehbehinderte noch immer wenig zugänglich.»

Anders als gerne behauptet, liege das jedoch nicht daran, dass es immer mehr komplexe und interaktive Anwendungen gibt. «Fast alles könnte problemlos barrierefrei gemacht werden», sagt Bolfing. Vielmehr sei das Bewusstsein dafür vielerorts schlicht noch nicht bis zu den Verantwortlichen durchgedrungen. Diese Aussage dürfte sich zumindest im Kanton Solothurn relativieren.