In einem Kanton mit bloss sechs Nationalratsmandaten braucht es in der Regel schon gehörige Verschiebungen der Kräfteverhältnisse, damit sich das auch in der Sitzverteilung auswirkt. Dementsprechend hatte man sich von den nationalen Wahlen im Herbst im Kanton Solothurn bislang nur mässige Spannung versprochen. Den zweiten Sitz wieder zurückzuerobern ist zwar ein trotzig proklamiertes Ziel der Freisinnigen, das aber kaum wirklich in Griffnähe liegt. Spannend ist vielleicht, wer bei der SP das Rennen um die Nachfolge der abtretenden Bea Heim macht. Einen dritten Sitz anzupeilen, ist für die Partei aber illusorisch. Dass sie einen verliert, hat sie kaum zu befürchten. Zu gross ist dafür dann doch der Vorsprung auf die Grünen. Grünliberale und BDP mischen sowieso nur unter «ferner liefen» mit.

Das war der Stand bis vor zwei Wochen. Doch nun kommen die Grünen und verkünden keck, als sei das nicht mit einem Frage-, sondern Ausrufzeichen zu versehen: «Wir holen einen Sitz.» Und nach den letzten kantonalen Wahlen in Zürich, Baselland und Luzern hört sich das nicht mehr bloss nach üblicher Wahlkampfrhetorik an. Ein schwedischer Teenager scheint es nicht nur geschafft zu haben, die ganze Welt in Aufruhr zu versetzen, sondern auch die politischen Blöcke in der Schweiz durcheinander zu wirbeln. Möglicherweise sogar in Solothurn. Legt man die Verschiebungen bei den Wahlen der letzten Wochen auf das Ergebnis der letzten Nationalratswahlen im Kanton Solothurn um, ergibt sich ein interessantes Bild. Im bürgerlichen Lager hätten sich die Rückschläge nicht auf die Sitzverteilung ausgewirkt, die SVP wäre trotz einem markanten Wähleranteilverlust von fast fünf Prozent immer noch als klar stärkste Partei aus den Wahlen hervorgegangen und mit zwei Nationalräten in Bern vertreten. Freisinnige und CVP wie gehabt mit je einem Sitz. Hingegen hätten wohl tatsächlich auch die Grünen nach der Abwahl der heutigen Regierungsrätin Brigit Wyss 2011 wieder eine Vertretung nach Bern schicken können: auf Kosten der SP.

Es könnte im Alleingang reichen

Der Befund ist an sich noch nicht spektakulär. Was im Hinblick auf die kommenden Wahlen im Herbst aber schon spannender ist: Sollte sich der Trend tatsächlich im gleichen Ausmass wie bei den jüngsten Wahlen in anderen Kantonen bestätigen, wären die Grünen nicht bloss wieder mehr als Steigbügelhalter für den zweiten Sitz der SP als deren traditioneller Listenverbindungspartner: Es könnte für sie mit einiger Wahrscheinlichkeit sogar auch im Alleingang für einen eigenen Sitz reichen. Dass man bei den Genossen noch auf eine Antwort der Grünen auf das Angebot für eine erneute Listenverbindung wartet, wie SP-Präsidentin Franziska Roth bestätigt, scheint darauf hinzudeuten: Die Grünen kommen in ihrer Hochrechnung auch zu diesem Schluss. Am Nominationsparteitag vom Mittwoch gab man sich weiterhin bedeckt, der Wahlausschuss werde zu gegebener Zeit über die Listenverbindungsfrage entscheiden. Auch dass die Grünen erstmals seit 1995 wieder mit einem eigenen Ständeratskandidaten antreten, scheint aber eher ein Signal zu sein, dass ein links-grünes Zusammengehen diesmal tatsächlich auch für die Nationalratswahlen keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Bei der SP ist man sich des Risikos bewusst. «Gehen wir von den Resultaten in Zürich, Luzern und Baselland aus, wäre es ohne markante Zugewinne unsererseits höchst wahrscheinlich, dass wir den zweiten Sitz ohne Listenverbindung abschreiben müssten», sagt SP-Präsidentin Roth. Zu wessen Gunsten das Pendel mit einer erneuten Listenverbindung SP/Grüne ausschlagen würde, möchte sie dann aber doch etwas offener beurteilt haben: Zwei linke Sitze zu verteidigen werde so oder so kein Sonntagsspaziergang, ohne Listenverbindung werde es generell «sehr schwierig, zwei linke Sitze zu halten».

GLP wird zur attraktiven Braut

Listenverbindungen werden im Kanton Solothurn traditionell nicht bloss als rein wahlarithmetisches Vehikel betrachtet, sondern schon auch als Ausdruck eines gewissen inhaltlichen Bündnisses. Darum führten auch die Avancen der SVP für einen geschlossenen Bürgerblock bisher nie zum Erfolg, obwohl FDP und CVP eigentlich längst nicht mehr wählerisch sein konnten, von wo vielleicht auch ein paar Stimmen zu ihren Gunsten abfallen
würden.

Nun stellt sich die Gewissensfrage im links-grünen Lager. Eigentlich müsste man hier die Grünliberalen umwerben, die sich allerdings als bürgerliche Partei verstehen. Immer unter der Annahme, dass sich die Resultate der letzten Wochen bei den nationalen Wahlen im Herbst auf den Kanton Solothurn umlegen lassen, können die Grünliberalen das Zünglein an der Waage spielen. Selbst wenn sie ähnlich zulegen wie jüngst in anderen Kantonen, würde ein auf rund 6 Prozent nahezu verdoppelter Wähleranteil nur so um die 30 000 Stimmen bedeuten, was nie und nimmer für einen eigenen Sitz reicht. Hingegen: Käme es statt einem Zusammengehen der GLP mit CVP und BDP zu einer grossen Mitte-Links-Listenverbindung mit SP, Grünen und Grünliberalen, könnte an diesen Block tatsächlich ein dritter Sitz auf Kosten der SVP
gehen.

GLP-Präsident Georg Aemissegger lässt auf Anfrage offen, ob er für entsprechende Avancen empfänglich wäre: «Was wir bei diesen Wahlen als optimal wähnen, werden wir erst kurz vor der Listeneingabe entscheiden.» Auch SP-Präsidentin Franziska Roth setzt das Pokerface auf: «Mit der GLP sind wir nicht im Gespräch, sollte sie es suchen, werden wir reden.» Und dies immerhin obwohl die GLP «in den meisten Themen bürgerlich orientiert ist, zum Teil rechts von der FDP», wie die SP-Präsidentin zu bedenken gibt.

Hier sieht auch Laura Gantenbein, Präsidentin der Grünen, eher einen kritischen Punkt. Obwohl: «Es wurde noch nichts dahingehend besprochen, aber die Idee steht im Raum», sagt sie zum Gedanken einer um die Grünliberalen erweiterten Wahlkoalition.