Der Bauboom dauert seit 30 Jahren an, die Häusli-Schweiz wächst, die zahlreichen Zuwanderer brauchen Wohnungen, die Schweizer werden älter und bleiben länger in ihren Häusern und zu allem zu nehmen auch die Einpersonenhaushalte zu. Verbauen wir uns unsere Zukunft – oder welche Zukunft bauen wir?

Das wollte vor diesem Hintergrund die Baloise Bank SoBa wissen. Sie lud am Montagabend zu einem hochkarätig besetzen Podium ins volle Solothurner Landhaus ein, um einen Blick in die Kristallkugel zu wagen. «Eine langfristige Bebauungsstrategie wäre wichtig. Der Boden ist knapp», umriss Michael Müller, Verwaltungsratspräsident der Baloise Bank SoBa das Thema.

Benedikt Loderer, Architekturpublizist und Stadtwanderer, zeigte sich bei seinem Blick in die Kristallkugel skeptisch. «Es kommt ganz anders, als wir uns das vorstellen.» Der Bieler wurde gleich zu Beginn der ihm zugedachten Rolle als – erfrischend querdenkender – Agent Provocateur der Runde gerecht. «Das Schicksal der Schweiz wird nicht in der Schweiz entschieden», sagte er. «Die Welt dreht sich und wir werden mitgedreht.»

Für Loderer ist wahrscheinlich, dass die Schweiz dereinst nicht mehr im Wohlstand schwimmt. Weniger Wohlstand sei auch das einfachste Rezept, die Zersiedelung zu bremsen, hielt er fest. Denn wie viel Raum der einzelne benötigt, hängt davon ab, was er sich leisten kann. «Sollte es uns schlechter gehen, brauchen wir weniger Raum.»

SoBa-Panel-Gespraech "Welche Zukunft bauen wir?" v.l. Benedikt Loderer, Juerg Stoeckli, Ernst A. Brugger, Oona Horx-Strathern, Roland Fuerst

Blickten in die Kristallkugel (v.l.): Stadtwanderer Benedikt Loderer, Jürg Stöckli (Chef Immobilien SBB), Moderator Ernst A. Brugger, Zukunftsforscherin Oona Horx-Strathern und der Solothurner Regierungsrat Roland Fürst.

SoBa-Panel-Gespraech "Welche Zukunft bauen wir?" v.l. Benedikt Loderer, Juerg Stoeckli, Ernst A. Brugger, Oona Horx-Strathern, Roland Fuerst

«Städte werden bedeutender»

Am Tisch sass auch ein Mann, dessen Blick in die Kristallkugel in der Schweiz unglaublich viel Gewicht hat: Jürg Stöckli ist Leiter Immobilien bei den SBB und damit Herr über 3800 Gebäude und Milliardeninvestitionen. «Wir planen 20 Jahre im Voraus», sagt Stöckli. «Die Städte werden bedeutender», so seine Prognose. «Die zentrale Lage wird extrem gefragt sein.» Die SBB werde jedoch stärker ins Wohnen als in die Büros investieren. Denn die Arbeitsplätze wandeln sich. Sie benötigen immer weniger Platz; der Digitalisierung sei Dank.

Auch beim Detailhandel werfe die Digitalisierung ihren Schatten voraus: Der Detailhandel wird laut Stöckli, ausser im Lebensmittelbereich, viel weniger Fläche benötigen. «Bildung und Gesundheit werde nachrücken.» Die Konsequenz daraus: «Wir werden viel schneller umbauen müssen.» Es werde deshalb wichtiger, flexibler zu bauen.

Individualisierung nimmt zu

«Die Verstädterung wird zunehmen», prognostizierte auch der Solothurner Baudirektor Roland Fürst. Er rechnet mit Rentnern, die länger und gesund in den eigenen vier Wänden leben. Damit waren sich der Regierungsrat und Zukunftsforscherin Oona Horx-Strathern einig. Sie bezeichnete die älter werdende Gesellschaft und die Individualisierung als zwei grosse Megatrends. Es werde mehr Single-Haushalte geben. Und weil wir mehr Lebenszeit hätten, änderten sich auch die Wohnformen. So würden Co-Living- und Co-Working-Projekte zunehmen. Die Jungen würden lieber Geld für Erfahrungen als für Dinge ausgeben. Der Wandel habe aber noch weitere Folgen: «In vielen Städten sehen wir die Einsamkeit.»

Deshalb müsse die Architektur stärker über ihre soziokulturelle Wirkungen nachdenken. Dass die von der Zukunftsforscherin genannten Trends bestehen, bestritt SBB-Konzernleitungsmitglied Stöckli nicht. «Wir sehen ihn.» Er warnte allerdings mehrmals: «Es wird sich nicht alles so schnell ändern.» Die Gewohnheit sei ein wichtiger Faktor, der Trends und Veränderungen etwas träger mache, als manch einer vermutet.

Kein Verständnis für Bähnli-Rettung

Sowohl Jürg Stöckli als auch Benedikt Loderer vermissten eine konzentrierte Planung von Verkehr und Raumplanung auf Bundesebene. Beide Bereich würden unabhängig voneinander geplant. Loderer unterstellte dem eine Absicht, für die er den «Erzföderalismus» verantwortlich macht. Man dürfe in der Schweiz nicht fragen, wo man den Infrastrukturfranken am besten einsetzen würde. Im Gegenteil: Alles müsse aus föderalistischen Gründen gleich gerecht verteilt werden. «Die SBB soll das Läufelfingerbähnli erhalten, weil das föderalistisch und gerecht ist.» Ob es Sinn mache, sei eine andere Frage. Loderers Fazit: «Prioritäten setzen macht die Schweiz nur unter äusserstem Druck.»

Dabei müsse man der Wahrheit ins Auge blicken. Diese laute, dass es nicht überall den gleichen Service geben könne und nicht jeder den gleichen Anspruch stellen könne. Gefördert werden müssten laut Loderer zuerst die wichtigsten Knotenpunkte. Dem widersprach Regierungsrat Roland Fürst nicht grundsätzlich. Auch er sah Gebiete, deren Stärken vielleicht eher in der Landschaft als in der wirtschaftlichen Entwicklung liege. Dass Fürst aber vielleicht genau mit der Rettung des Moutierbähnlis selbst einen solchen Sündenfall begangen hatte, da hakte Moderator Ernst A. Brugger nicht nach.

Allerdings hatte der Solothurner Regierungsrat schon zuvor deutlich gemacht, dass es gerade in der Raumplanung für Politiker nicht einfach sei, die einzelnen Ansprüche und Interessen unter einen Hut zu bringen. Fürst war sich sicher, dass mit dem neuen Richtplan im Kanton die wichtigen Leitplanken zur Eindämmung der Zersiedelung vorgegeben worden seien. Moderator Brugger zeigte sich nicht restlos davon überzeugt. Er schloss den Abend mit dem Eindruck, dass die Politik in dieser Thematik noch «ziemlich in den Seilen hängt».