«Sie leben in der Schweiz im Jahre 2027, der totalitäre Staat hat eine Mitgliederliste des verbotenen katholischen Frauenbundes Solothurn in die Finger bekommen. Sie rechnen damit, verfolgt zu werden, und beschliessen, zu fliehen. Welche fünf Gegenstände nehmen sie mit sich?»

Mit dieser Fragestellung konfrontierte Gérard Bottazzoli, der Verantwortliche für Erwachsenenbildung bei der schweizerischen Flüchtlingshilfe, die am Bildungs- und Besinnungstag anwesenden Frauen des katholischen Frauenbundes Solothurn.

Zeit für den Entscheid: 90 Sekunden. Im Wechselspiel mit dieser Übung informierte Bottazzoli mit aktuellen Bildern und Statistiken über eine Problematik, die trotz rückläufiger Flüchtlingszahlen in der Schweiz weit davon entfernt ist, gelöst zu sein. Weiter ging das Gedankenexperiment: Sie beschliessen, sich an Schlepper zu wenden und nach Deutschland zu fliehen. Der Preis: Drei der fünf Gegenstände.

Am Ende der Odyssee, es kam zu Problemen mit den Schleppern, die Sie einen weiteren Gegenstand kosteten und auch bei den deutschen Behörden fühlen Sie sich nicht in Sicherheit, versuchen viele, sich alleine bei Verwandten im Ausland durchzuschlagen. Und was blieb von den Gegenständen? Ein Handy, ein paar Flaschen Wasser, etwas Geld. Andere haben bereits nichts mehr, sind sogar schon im Minus. Und dann legte Gérard Bottazzoli noch einen drauf: All die Entscheidungen können Personen auf der Flucht oftmals gar nicht treffen, sind sie doch vollkommen Schlepperbanden oder den Behörden ausgeliefert.

Einen Anstoss geben

Das ganze Jahr über beschäftigen sich die schweizerischen katholischen Frauenverbände mit dem Thema Flüchtlinge. Der Bildungs- und Besinnungstag sei dazu gedacht, «die Frauen auf das Thema aufmerksam zu machen», so die Geschäftsleiterin des Solothurner Bundes, Yvonne Gasser. «Und so etwas in Bewegung zu setzen.»

Katholischer Frauenbund Solothurn, Bildungs- und Besinnungstag in Riedholz, Thema: Fremd in unserem Land Kanchana Chandran, Gerard Bottazzoli, Yvonne Gasser

40 Frauen trafen sich am Bildungs- und Besinnungstag.

Katholischer Frauenbund Solothurn, Bildungs- und Besinnungstag in Riedholz, Thema: Fremd in unserem Land Kanchana Chandran, Gerard Bottazzoli, Yvonne Gasser

Eine geflüchtete Person berichtet

In einem zweiten Teil erzählte Kanchana Chandran ihre Geschichte. «Das erste Mal vor Erwachsenen», wie sie selber sagt. Die junge Frau flüchtete 2009 mit ihrem Mann zusammen aus Sri Lanka in die Schweiz. In der Heimat sah sich das Paar, beide arbeiteten als Journalisten, politischer Verfolgung ausgesetzt. Nach mehreren Drohungen, gegen die beiden persönlich wie auch gegen ihre Familien, beschlossen sie, zu fliehen.

Auch nach über acht Jahren ist ihr anzuhören, wie schwer dieser Entscheid gefallen sein muss. Das gesamte, bisherige Leben, von Familie und Beruf bis hin zu persönlichen Träumen, alles gab sie für eine Zukunft auf, von der sie nicht einmal wusste, wie sie aussehen würde. Erst einmal in der Schweiz schienen die Hürden, die es zu überwinden gab, über Jahre nicht abreissen zu wollen.

Privat wie auch öffentlich stellte sie sich aber mit Engagement und Optimismus den Widrigkeiten entgegen. Erst als sie von der Scheidung erzählte, versagte ihr kurz die Stimme und eine Träne musste weggewischt werden. Die alleinerziehende Mutter einer Tochter arbeitet heute als Migrationsfachperson. «Um den Leuten zu helfen», endete sie mit einem Lächeln. «Um ihnen zu sagen: Du bist nicht alleine, wir verstehen.»