Biberist
Kommt neues Leben in die «Papieri»? Solothurner plant nationales Recycling-Zentrum für Batterien aus Elektroautos

Ein zentraler Standort Nahe der A1 zwischen Bern und Zürich, sehr gelegen kommt auch die Nähe zum Stahlwerk Gerlafingen. In der ehemaligen Papierfabrik Biberist möchte der längst nach St. Gallen «ausgewanderte» Solothurner Jodok Reinhardt sein Recycling-Zentrum aufbauen. Und er hat Grosses vor.

Christina Varveris
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Das Areal der ehemaligen Papierfabrik Biberist wäre ein idealer Standort für das Recycling-Zentrum.

Das Areal der ehemaligen Papierfabrik Biberist wäre ein idealer Standort für das Recycling-Zentrum.

zvg

Die Zeit drängt: Der Schweizer recycelt zwar rekordverdächtig Alu, Papier, Karton und Plastik, aber die grossen, schweren Autobatterien der Elektroautos werden eingeschmolzen oder landen gar auf Mülldeponien im Ausland, wo sie Mensch und Umwelt gefährden. Aktuell sind es zwar nur wenige, doch der Elektroauto-Markt boomt und so muss bald eine Lösung her. «Librec» heisst die Firma, die dafür ein nationales Recycling-Zentrum aufbauen will. Und zwar im Kanton Solothurn.

«Es braucht eine effiziente Sammellogistik und der Standort soll zentral an der A1 zwischen Bern und Zürich liegen», sagt Geschäftsführer Jodok Reinhardt, der zufällig aus Solothurn stammt, seit vielen Jahren aber in St. Gallen wohnt.

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Biberist und Oensingen liegen im Rennen vorne. Reinhardt möchte das Werk in der ehemaligen Papierfabrik Biberist einbauen.

«Ich bin Umweltwissenschafter und möchte keine grüne Wiese bebauen»

, sagt er. Viel nachhaltiger sei es, die Papierfabrik zu neuem Leben zu erwecken.

Industriegeschichte

10 Jahre nach der «Papieri»-Schliessung

Ironie oder schöner Zufall der Geschichte: Die Aussicht, dass in Biberist mit der Librec AG eine zukunftsweisende Firmenansiedlung gelingen könnte, kommt genau 10 Jahre nach dem bitteren Ende der «Papieri». Die 1860 gegründete «Papieri» war über Jahrzehnte einer der grössten Arbeitgeber in der Region und Stolz des Dorfes. Nach einer gewagten Expansionsstrategie war «Biberist» die grösste Papierfabrik der Schweiz. Doch dann trieben riesige internationale Über- kapazitäten, der starke Franken, hohe Zellstoffpreise und ein wachsender Preisdruck die einst stolze Biber Holding in den Konkurs. Die Papieri wurde 1997 zunächst vom finnischen Papierkonzern M-real übernommen, elf Jahre später, 2008, aber an den südafrikanischen Sappi-Konzern abgestossen.

Doch schon drei Jahre später folgte das endgültige Aus: Im konzernweiten Poker darum, welcher europäische Standort geschlossen werden soll, wiesen die Südafrikaner Biberist den schwarzen Peter zu. Im Juli 2011, 149 Jahre nach der Gründung, wurde die Schliessung bekannt gegeben. In den folgenden Monaten verloren rund 550 Personen die Stelle, viele von ihnen hatten ihr ganzes Arbeitsleben in der Firma verbracht.

Bis Ende 2011, so wurde damals vermeldet, konnten rund 80 Prozent der Entlassenen dank intensiver Bemühungen aller Beteiligten an neue Stellen vermittelt werden. Im Sommer 2012 übernahm der schweizweit tätige Arealentwickler Hiag Immobilien das riesige Firmen-gelände. In Zusammenarbeit mit den kommunalen und kantonalen Behörden wurden die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass auf der Industriebrache wieder neues wirtschaftliches Leben einziehen kann. Entsprechend werden hier heute wieder einige Dutzend Jobs in verschiedenen Branchen angeboten. Die Librec AG wäre zweifellos ein attraktiver Neuzugang. (ums.)

Biberist hat viele Vorteile, auch die Nähe zum Stahlwerk Gerlafingen

Der Transport einer alten Batterie kann gefährlich und damit teuer sein. «Kritische Batterien müssen für den Transport in Sand eingelegt und in einen Keflarsack verpackt werden», erklärt Jodok Reinhardt. Um Kosten zu sparen, will Librec deshalb «neben Batterien auch das ganze Auto annehmen, die Batterien vor Ort ausbauen, reparieren oder rezyklieren und das Auto an die Autoverwerter weitergeben».

Deshalb sei die Nähe zur Autobahn wichtig und die Nähe zum Stahlwerk Gerlafingen ein Plus. Autoverwerter könnten so Stahl nach Gerlafingen bringen und Autos ohne Batterie aus Biberist wieder mitnehmen, damit keine Leerfahrten entstehen, so die Vision. «Und wir könnten die Stahlfraktionen von den Batterien in Gerlafingen abgeben», so Reinhardt. Unterschrieben sei aber noch nichts, betont der Librec-Geschäftsführer. Die Gespräche mit Gemeinden und Behörden hätten erst begonnen.

Gemeinde und Kanton begrüssen Ansiedlung

Zumindest von Seiten des Gemeindepräsidenten von Biberist sollte es keine Einwände geben: «Ich setze mich stark dafür ein, dass Librec in die Papierfabrik kommt», sagt Stefan Hug-Portmann. Erstens sei es begrüssenswert, wenn die einzelnen Komponenten der Batterien wieder zurück in den Kreislauf geschickt werden können, und zusätzlich würden Arbeitsplätze geschaffen.

Beim kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit tönt es ähnlich: «Die potenzielle Ansiedlung der Librec AG wäre ein riesiger Gewinn für den Investitionsstandort Kanton Solothurn», sagt Sarah Koch, Leiterin Standortförderung. «Dieses Start-up bringt innovatives und klimarelevantes Know-how aus einer zukunftsträchtigen Branche und wird mittelfristig rund 70 Arbeitsplätze in unserem Kanton schaffen.»

Eine internationale Expansion ist bereits angedacht

Und Emissionen wird es laut Librec auch keine geben, weder Lärm noch Gerüche. «Es wird nur ein mittelgrosses Unternehmen», sagt Reinhardt. Die Grösse hänge von der Menge der Batterien ab. «Das ist die Gretchenfrage: Was kommt auf uns zu?» Über ein Jahr hätten sie zusammen mit der EMPA (Eidgenössische Materialprüfungsanstalt), mit der Stiftung Auto-Recycling Schweiz und mehreren Auto-Importeuren über diese Frage gebrütet.

Autoimporteure

Branchenlösung wäre sinnvoll

Interessieren dürfte das Projekt vor allem die Autoimporteure (Auto Schweiz). Ab nächstem Jahr müssen sie auf die Batterien eine vorgezogene Entsorgungsgebühr bezahlen, sofern sie keine eigene Lösung vorweisen können. Auto Schweiz möchte dazu aber noch keine Stellung nehmen, Pressesprecher Christoph Wolnik, verweist auf laufende Gespräche. Da der Markt für Elektroautos boomt, ist «Librec»-Geschäftsführer Jodok Reinhardt aber zuversichtlich, dass man in der einen oder anderen Form mit Auto Schweiz zusammenarbeiten wird. Das Bundesamt für Umwelt ist von «Librec» jedenfalls bereits überzeugt. Es hat dem Start-up 400000 Franken Fördermittel zugesprochen. Mit an Bord sind ausserdem Partner aus der Ölindustrie, der Autobranche sowie private Investoren. Für die Anlagenkosten von rund 20 Millionen Franken wird es eine weitere Finanzierungsrunde geben. (cv)

Heute beenden 65 Prozent der Autos ihren Lebenszyklus nämlich im Ausland, bei den Elektroautos geht Reinhardt von ähnlichen Zahlen aus. «Trotzdem zeigen die Prognosen, dass sich die Recycling-Anlage für alle Beteiligten lohnen wird», sagt Reinhardt.

Auch, weil Librec kaum Konkurrenz hat. Heute steht nur in Deutschland eine ähnliche Anlage, die theoretisch 90 Prozent einer Batterie recyceln kann. «Sie verlieren aber das Grafit», sagt Reinhardt. Er ist ehrgeizig, will das Grafit zurückholen und weitere Verfahrensschritte verbessern.

«Gut möglich, dass wir bei Betriebsaufnahme die höchste Rückgewinnung erreichen werden – weltweit.»

Über 90 Prozent aller Batterie-Rohstoffe sollen zurückgewonnen und in neuen Batterien eingesetzt werden. Eine neue EU-Norm, die ab 2025 in Kraft treten soll, wäre damit mehr als erfüllt. Diese spielt Librec in die Hände, denn sie setzt Firmen mit tieferer Recycling-Quote unter Druck. «Die Schweiz ist vielleicht nur der Anfang», sagt Reinhardt. Das Librec-Team hat Spanien, Italien und den Balkan für weitere Werke im Visier.

Die Librec-Gründer erklären hier (auf englisch) bei einer ausgedachten Verleihung des «Green Globe Awards 2040», warum sie in den 2020er-Jahren die Firma gründeten: