Vom Umgang mit Krebs
Bezugspersonen können viel bewirken

An den Aktionstagen Psychische Gesundheit galt das Augenmerk den Angehörigen und ihrem Umgang mit der Krankheit.

Ornella Miller
Drucken
Teilen
Diskussion in der Aula des Berufsbildungszentrums in Solothurn (v. l.): Daniel Emmenegger (Experte), Rita Jauner (Angehörige), Dagobert Cahannes (Moderation), Barbara Kocher (Angehörige), Martin Heeb (Angehöriger), Christine Beer (Psychoonkologin).

Diskussion in der Aula des Berufsbildungszentrums in Solothurn (v. l.): Daniel Emmenegger (Experte), Rita Jauner (Angehörige), Dagobert Cahannes (Moderation), Barbara Kocher (Angehörige), Martin Heeb (Angehöriger), Christine Beer (Psychoonkologin).

Hanspeter Bärtschi

Wenn jemand Krebs hat, rückt der körperliche Aspekt ins Zentrum, schlagartig. Die psychische Seite übersieht man oft. An einer Veranstaltung der Aktionstage psychische Gesundheit in der Aula des BBZ Solothurn-Grenchen in Solothurn standen diese nun im Fokus. Besonderes Augenmerk erhielten die Angehörigen. Es wurde klar, wie wichtig die Bezugspersonen sind.

«Krebs ist ein Angriff auf die Überzeugungen, die wir haben, um im Alltag zurechtzukommen», beschrieb Christine Beer den Kontrollverlust von Krebskranken. Die Fachärztin für Innere Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie ist als psychoonkologische Psychotherapeutin in eigener Praxis in Solothurn tätig.

«Der Glaube an die Unverwundbarkeit, an eine gerechte und sichere Welt wird erschüttert», fährt sie im Referat fort. Angehörige litten mit. Auch sie hätten Angst und Ohnmachtsgefühle, Schlafprobleme, Erschöpfung. Sozial spürten sie Druck am Arbeitsplatz und finanzielle Belastungen.

Es braucht Mut, die Sprachlosigkeit zu durchbrechen

Einige Zitate von Krebspatienten, die Daniel Emmenegger palliativ betreute.

- «Meine Angehörigen haben Angst vor dem Tod. Ich wäre jedoch dankbar, wenn ich mit ihnen darüber sprechen könnte, denn auch ich habe Angst.»

- «Die Pflegenden sind korrekt wie im Flugzeug, alles geht speditiv zu und her, kein persönliches Wort, sie bringen mir das Essen und sagen dann: Haben Sie keinen Hunger?»

- «Bitte werfen Sie die mitgebrachten Essenspakete weg. Ich kann nichts essen und doch möchte ich meinen Angehörigen eine Freude bereiten. So meinen sie ich habe gegessen, denn sie sagen immer du musst essen, damit du gesund wirst.»

Gemeinsame Bewältigung

Auch die Kinder sprach Beer an: «Kinder von Krebskranken müssen mit veränderten Tagesabläufen und plötzlichen Trennungen umgehen. Oft wissen sie nicht, wie die Stimmung ist, wenn sie nach Hause kommen.

Und sie schämen sich manchmal, etwa wenn die Mutter die Haare verliert.» Die Belastung sei messbar: «Pflegende Angehörige haben vermehrt Bluthochdruck.» Je länger die Erkrankung dauere, desto mehr nähmen die psychischen Beschwerden zu.

Es gibt auch geschlechtsspezifische Unterschiede, sagte Beer den 80 vorwiegend weiblichen Interessierten: «Partnerinnen sind anfälliger für psychische Störungen, wenn sie jünger sind, schlechtere finanzielle Aussichten haben, ausser Haus arbeiten und einen geringeren Selbstwert besitzen.

Männer krebskranker Frauen sind anfälliger, wenn sie älter sind, ein schlechteres Bildungsniveau aufweisen und wenn sie wenig Möglichkeiten für Gespräche mit andern Leuten haben.»

Beer zeigte, dass die Qualität der Beziehung grossen Einfluss auf das Wohlbefinden, ja gar auf die Heilung hat. «Paare, die es schaffen, eine gemeinsame Bewältigung zu erreichen, haben weniger Stressfaktoren.» Sie lacht: «Das Beste ist, wenn jemand sagt «Wir haben Krebs».»

Wenn man ein gemeinsames Problem, eine gemeinsame Sorge und ein gemeinsames Ziel hat. Ist die Beziehung besser, sei etwa die Schmerzempfindlichkeit geringer. Es müsse nicht der Partner sein, auch eine andere Bezugsperson könne den Patienten mittragen.

Waren Beers Ausführungen vollgepackt mit Theorie, liess der zweite Referent unterschiedliche Beziehungsqualitäten und Situationen erspüren, indem er Zitate von Betroffenen einblendete. Daniel Emmenegger, Pflegeexperte mit Master in Palliative Care, ist unter anderem für die Krebsliga Solothurn tätig, arbeitet spitalextern onkologisch in der Palliativpflege und als palliativer Berater. Zudem leitet er das Trauercafé. Die Zitate stammten alle aus seinem Berufsalltag.

Persönliche Geschichten

Im Podiumsgespräch gesellten sich zwei Frauen und ein Mann hinzu, deren Partner in diesem Jahr an Krebs verstarben. In der von Dagobert Cahannes moderierten Diskussion erzählten die Betroffenen viel über ihr Erleben.

So wurde das Thema lebendig und persönlich. Man sah, wie unterschiedlich die Krankheit erlebt wird. Rita Jauners Mann litt unter Bauchspeicheldrüsenkrebs, der Tod kam rasch. «Wir hatten einen ungenierten Umgang mit dem Tod.

Aber mein Mann wollte nicht darüber reden, das war für uns schwierig.» Sie musste vieles ohne ihn verarbeiten. Auch bei Barbara Kochers Mann aus Altreu, war die Krankheitsdauer des Hirntumors kurz. «Ich sah nur noch schwarz, war blockiert. Mein Mann hat mich zuerst unterstützt, obwohl es umgekehrt hätte sein sollen.

Erst als ich selber in Therapie ging, habe ich Tritt gefasst.» Martin Heeb vom Amt für Umwelt begleitete während fünf Jahren seine Frau, die an einer Knochenkrebskrankheit litt. «Es war ein gewaltiger Schock, alles schien mir grau, die leuchtenden Farben waren vernebelt.» Trotz des ernsten Themas wurde am Donnerstagabend aber trotzdem recht viel gelacht. Auch beim gezeigten Kurzfilm, den der Sohn von Martin Heeb gedreht hat.

Seit zehn Jahren lebt er in England und empfand die räumliche Distanz als schwierig. Man sah, wie er sich aus Solidarität mit seiner Mutter die Haare vor laufender Kamera geschoren hat. Ein eindrückliches, starkes Zeichen. 600 000 Menschen seien allein in der Schweiz jährlich neu selbst oder als Angehöriger von Krebs betroffen.

Als Tipp für die vielen Betroffenen gaben die Anwesenden an, dass man sich öffnen solle. Man solle darüber sprechen, auch professionelle Begleitung holen. Und, so Heeb: «Wir haben versucht, eine gewisse Normalität zu behalten und nicht alles der Krankheit hinzugeben.»

www.psychische-gesundheit-so.ch

Aktuelle Nachrichten