«Jetzt heben wir gleichzeitig den rechten Arm und das linke Bein.» Bewegungscoach Hanspeter Freudiger erklärt Klara Ingold*, wie die nächste Übung auszuführen ist. Da die Strassen draussen mit Schnee bedeckt sind, findet das heutige Treffen in der Wohnung statt. Anlass ist das Projekt «Bewegungspatenschaften – Bewegungscoach» von Pro Senectute Kanton Solothurn. Dabei werden sowohl jüngere als auch ältere Freiwillige zu Bewegungscoaches ausgebildet, die Senioren im AHV-Alter bei ihren Alltagsaktivitäten begleiten. Die individuelle Bewegungsförderung hilft, mehr Sicherheit zu erlangen, das Selbstvertrauen zu stärken, neue soziale Kontakte zu pflegen und der Einsamkeit entgegenzuwirken.

«Ich habe mich im Mai zum Bewegungscoach ausbilden lassen und betreue seit Oktober Klara Ingold», erklärt Bewegungscoach Hanspeter Freudiger. Als er vor über einem Jahr pensioniert wurde, merkte er, dass ihm etwas fehlte. «Als Eheberater war ich immer in Kontakt mit Menschen. Ich gab die nötigen Impulse, um ihre Lebenssituation zu verbessern. Ich vermisste einfach das Sinnstiftende nach der Pensionierung.» Seitdem begleitet Freudiger jeweils am Mittwochmorgen die Seniorin in den Alltagsaktivitäten.

Bewegung mit Unterhaltung

Gemeinsam am Waldrand spazieren gehen, im nahe gelegenen Dorfladen Lebensmittel einkaufen oder über aktuelle Themen zwischen der einen und der anderen Bewegungsübung sprechen, gehören zum Programm. Da die Beine nicht mehr so richtig wollen, hat Klara Ingold einen Rollator. «Aber sie ist trotzdem sehr vif, sie ist lebendig und liest immer die Zeitung», berichtet Freudiger. Wenn die 80-Jährige an die frische Luft wolle, so empfange sie ihn schon im Mantel. Heute beschränken sich Freudiger und Ingold auf Bewegungsübungen in der Wohnung. Zu gross ist die Unfallgefahr auf den eisigen Strassen. «Wir machen Übungen für die Beweglichkeit, für die Kraft, für die Koordination und für die Ausdauer», erklärt der Bewegungscoach. Was zu Hause trainiert wird, zeige sich auch an der frischen Luft, Spaziergänge ohne längere Pausen werden zum Beispiel möglich.

Bevor Klara Ingold das Angebot «Bewegungspatenschaften – Bewegungscoach» in Anspruch nahm, besuchte eine Physiotherapeutin sie regelmässig. Da die Krankenkasse aber nur eine begrenzte Anzahl Stunden vergütet, sorgte die Physiotherapeutin dafür, dass Ingold weiterhin aktiv bleiben kann. Pro Senectute vermittelte die Seniorin mit einem Bewegungscoach. «In meinem Alter bin ich nicht mehr so empfänglich für Neues, und am Anfang war ich skeptisch. Aber ich mochte Herrn Freudiger auf Anhieb», sagt Klara Ingold. Er sei einfach ein «gmögiger». Nicht nur die Seniorin profitiert von der Bewegungspatenschaft. «Auch ich kann viel lernen», erklärt Freudiger. «Es ist schön zu sehen, wie sich Frau Ingold und ihr Ehemann ergänzen. Geht es einem nicht gut, springt der andere für ihn ein.» Manchmal gesellt sich auch der Ehemann zu den beiden und macht einige Übungen mit. Aber lieber bereitet er das Mittagessen zu, bäckt Brot und Brezel oder arbeitet im Garten.

Sozialer Kontakt im Vordergrund

Längere Spaziergänge kann momentan die Seniorin wegen Schmerzen in den Beinen und in den Schultern nicht machen. «Wir wollen jetzt die Beweglichkeit aufrechterhalten», erklärt Bewegungscoach Hanspeter Freudiger. Sobald es besser gehe, werde man wieder einmal zusammen nach Solothurn gehen, um dort einzukaufen. «Es gibt da schon ein paar Sachen, die ich von der Migros gebrauchen könnte», sagt Klara Ingold.

* Name von der Redaktion geändert