Lernmethode
Bewegung im Unterricht steigert schulische Leistung

Jonglieren, balancieren und Einradfahren im Unterricht: Koordinationsübungen helfen beim Lernen. Vor 20 Jahren wurden solche alternative Methoden noch belächelt, heute sind sie gefragter denn je.

Daniel Fasel
Drucken
Teilen
Im Schulzimmer von Eduard Buser-Batzli ist vieles in Bewegung
14 Bilder
Abwechslungsreicher Unterricht erleichtert das Lernen
Für viele ein ungewohntes Bild, in dieser Klasse Alltag
Balancieren und jonglieren zugleich ist nicht einfach
Jonglieren fördert die Konzentrationsfähigkeit
Jonglieren hilft auch, um den Kopf zu lüften
Ruhige und bewegte Sequenzen wechseln sich ab
Schüler lernen in Bewegung
Lernen am Pult gibt es auch in dieser Klasse
Gehend übt sich der Wortschatz leichter
Der Balken ist uneben, um die Balance schwieriger zu gestalten
Im Mathematikunterricht gehen die Hände hoch
Die Schüler wechseln sich ab mit den bewegten Übungen
Das Einmaleins üben die Schüler auf einer Rolle

Im Schulzimmer von Eduard Buser-Batzli ist vieles in Bewegung

Hanspeter Bärtschi

Auf einer Rolle aus Karton balancieren drei Schüler und büffeln das Einmaleins. Nebenan gehen einige auf einem langen Balken auf und ab und üben einen Französischdialog. Ein Junge hat seine Aufgaben am Pult gelöst, steht auf und beginnt zu jonglieren. Derweilen sitzen die anderen Schüler an den Pulten und lassen sich von nichts ablenken. Sie haben gelernt, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Und jeder der Schüler weiss genau, wann auch er sich bewegen darf. Die fünfte Klasse B in Biberist lernt mit Methoden, von denen man früher nur zu träumen gewagt hätte.

Ihr Lehrer Eduard Buser-Batzli - Kopf des Projektes «Lernen in Bewegung» (LiB) - unterrichtet seine Primarklassen schon seit 20 Jahren so. Mit Erfolg: Die Wissenschaft steht hinter seiner Lehrmeinung (siehe Box). Einige jüngere Lehrkräfte ziehen nach.

Gegen den Bewegungsmangel

Warum solche Unterrichtsmethoden?, mag man sich fragen. Der 60-jährige Lehrer hat den gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahrzehnte hautnah miterlebt und meint dazu: «Elektronische Medien verhindern oft, dass die Schüler ihren Bewegungsdrang ausleben können.» Hinzu komme das Problem, dass viele Kinder zu Hause auf nichts verzichten müssen. «Fehlendes Körperbewusstsein, Übergewicht, Konzentrationsprobleme und emotionale Instabilität kommen viel öfter vor als noch vor einigen Jahren», stellt der Stadtsolothurner fest.

Experte: Schüler lernen besser

Bewegung steigere die Durchblutung und die Sauerstoffzufuhr des Gehirns, sagt Stephan Zopfi, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Luzern. Zudem würden Nervenzellen besser vernetzt, was die Aufnahmefähigkeit verbessere. Der Experte bringt ein Beispiel: An der Primarschule der Stadt Luzern wird seit acht Jahren eine tägliche Sportlektion durchgeführt.

Fachleute versorgen die Klassenlehrer mit Tipps. Gemäss bisherigen Tests ist die Konzentrationsfähigkeit bei den 1300 Schülerinnen und Schülern der Projektklassen höher und der Body-Mass-Index der Knaben tiefer. «Es wurde auch ein besserer Gleichgewichtssinn festgestellt. Eine erste Studie deutet darauf hin, dass bei Schülern der Projektklassen weniger Ritalin verschrieben wird.» Zopfi schwärmt von den volkswirtschaftlichen und gesundheitlichen Vorteilen bei mehr Bewegung in der Schule: «60 Prozent der Kinder, die sich in der Schule mehr bewegen, tun dies auch in ihrer Freizeit. Und wer sich im Kindesalter viel bewegt, tut dies auch im Erwachsenenalter.» So könnten die Schulen gegen Übergewicht vorgehen. Koordinationsfähigkeit zu vermitteln sei auch ein bewährtes Mittel, um Velounfällen vorzubeugen. (daf)

Dem will er mit seinem Unterricht entgegenwirken: Jonglieren könne man beispielsweise nicht einfach so erlernen, da stecke Knochenarbeit und am Anfang auch eine gewisse Portion Frust dahinter. «Es schafft bei den Schülern das dringend nötige Bewusstsein, dass man sich anstrengen muss, um etwas zu erreichen.»

Kurze Bewegungssequenzen seien als Kontrast zum Stillsitzen sinnvoll, um die Konzentration und die Aufnahmefähigkeit zu steigern, so Buser-Batzli weiter. Die Schüler hätten mehr Spass am Unterricht und seien einsatzbereiter. Auch bei der Integration fremdsprachiger Kinder und der Entwicklung von Sozialkompetenz seien Fortschritte schneller spürbar. «Die schulische Leistung wird tendenziell gesteigert, ein Wundermittel zum Schlauwerden ist das LiB aber nicht.»

Eine von vielen Methoden

Lernen in Bewegung funktioniert so: Durch Bewegungs- und Koordinationsübungen werden unterschiedliche Gehirnregionen aktiviert. Spricht man noch die Sinne an, zum Beispiel mit Farben, dann laufen die Köpfe der Schüler auf Hochtouren. Man müsse diese Art des Lernens sanft angehen und die Schwierigkeit der Übungen nur ganz langsam erhöhen, betont Eduard Buser-Batzli. Nach zwei Jahren Unterricht bei ihm könne aber ein Grossteil der Klasse Einrad fahren und dazu einen Text lesen. Solches helfe den jungen Jugendlichen, ein gesundes Selbstvertrauen zu entwickeln.

Dominique Högger von der PH Nordwestschweiz unterstützt das LiB vollkommen. Er betont aber, dies sei längst nicht der einzige Ansatz, um Bewegung im Schulzimmer sinnvoll zu nutzen. Methoden, bei denen die Bewegung direkt an den Lerninhalt gekoppelt ist, seien genauso sinnvoll. Högger bringt den «Planetenweg» auf dem Weissenstein als Beispiel: Indem man den sieben Kilometer langen Wanderweg ablaufe, würden Distanzen und Massstäbe unseres Sonnensystems plötzlich ganz anschaulich. Die Wirkung: «Das ist sehr eingängig.»

Vom «Zirkus» zur Lehrmeinung

Als der Primarlehrer vor 20 Jahren mit dem Projekt LiB begann, belächelte man ihn gerne. «Du mit Deinem Zirkus in der Schule», habe es jeweils geheissen. Mittlerweile hat sich in Sachen Pädagogik viel verändert. Im Jahr 2009 verlieh die PH Nordwestschweiz dem Solothurner den Comenius-Preis für «besondere Innovation im Bildungsbereich». Heute wird LiB im Inland wie Ausland schon an einigen Schulen praktiziert, Tendenz steigend.

Noch wichtiger: Es gibt viele ähnliche Projekte. Weiterbildungskurse für Lehrer und Interessierte werde er auch nach seiner baldigen Pensionierung leiten, sagt Buser-Batzli. Mit 40 Dienstjahren auf dem Buckel ist er mehr denn je davon überzeugt, dass langes Stillsitzen kontraproduktiv ist.