Auf einer Rolle aus Karton balancieren drei Schüler und büffeln das Einmaleins. Nebenan gehen einige auf einem langen Balken auf und ab und üben einen Französischdialog. Ein Junge hat seine Aufgaben am Pult gelöst, steht auf und beginnt zu jonglieren. Derweilen sitzen die anderen Schüler an den Pulten und lassen sich von nichts ablenken. Sie haben gelernt, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Und jeder der Schüler weiss genau, wann auch er sich bewegen darf. Die fünfte Klasse B in Biberist lernt mit Methoden, von denen man früher nur zu träumen gewagt hätte.

Ihr Lehrer Eduard Buser-Batzli - Kopf des Projektes «Lernen in Bewegung» (LiB) - unterrichtet seine Primarklassen schon seit 20 Jahren so. Mit Erfolg: Die Wissenschaft steht hinter seiner Lehrmeinung (siehe Box). Einige jüngere Lehrkräfte ziehen nach.

Gegen den Bewegungsmangel

Warum solche Unterrichtsmethoden?, mag man sich fragen. Der 60-jährige Lehrer hat den gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahrzehnte hautnah miterlebt und meint dazu: «Elektronische Medien verhindern oft, dass die Schüler ihren Bewegungsdrang ausleben können.» Hinzu komme das Problem, dass viele Kinder zu Hause auf nichts verzichten müssen. «Fehlendes Körperbewusstsein, Übergewicht, Konzentrationsprobleme und emotionale Instabilität kommen viel öfter vor als noch vor einigen Jahren», stellt der Stadtsolothurner fest.

Dem will er mit seinem Unterricht entgegenwirken: Jonglieren könne man beispielsweise nicht einfach so erlernen, da stecke Knochenarbeit und am Anfang auch eine gewisse Portion Frust dahinter. «Es schafft bei den Schülern das dringend nötige Bewusstsein, dass man sich anstrengen muss, um etwas zu erreichen.»

Kurze Bewegungssequenzen seien als Kontrast zum Stillsitzen sinnvoll, um die Konzentration und die Aufnahmefähigkeit zu steigern, so Buser-Batzli weiter. Die Schüler hätten mehr Spass am Unterricht und seien einsatzbereiter. Auch bei der Integration fremdsprachiger Kinder und der Entwicklung von Sozialkompetenz seien Fortschritte schneller spürbar. «Die schulische Leistung wird tendenziell gesteigert, ein Wundermittel zum Schlauwerden ist das LiB aber nicht.»

Eine von vielen Methoden

Lernen in Bewegung funktioniert so: Durch Bewegungs- und Koordinationsübungen werden unterschiedliche Gehirnregionen aktiviert. Spricht man noch die Sinne an, zum Beispiel mit Farben, dann laufen die Köpfe der Schüler auf Hochtouren. Man müsse diese Art des Lernens sanft angehen und die Schwierigkeit der Übungen nur ganz langsam erhöhen, betont Eduard Buser-Batzli. Nach zwei Jahren Unterricht bei ihm könne aber ein Grossteil der Klasse Einrad fahren und dazu einen Text lesen. Solches helfe den jungen Jugendlichen, ein gesundes Selbstvertrauen zu entwickeln.

Dominique Högger von der PH Nordwestschweiz unterstützt das LiB vollkommen. Er betont aber, dies sei längst nicht der einzige Ansatz, um Bewegung im Schulzimmer sinnvoll zu nutzen. Methoden, bei denen die Bewegung direkt an den Lerninhalt gekoppelt ist, seien genauso sinnvoll. Högger bringt den «Planetenweg» auf dem Weissenstein als Beispiel: Indem man den sieben Kilometer langen Wanderweg ablaufe, würden Distanzen und Massstäbe unseres Sonnensystems plötzlich ganz anschaulich. Die Wirkung: «Das ist sehr eingängig.»

Vom «Zirkus» zur Lehrmeinung

Als der Primarlehrer vor 20 Jahren mit dem Projekt LiB begann, belächelte man ihn gerne. «Du mit Deinem Zirkus in der Schule», habe es jeweils geheissen. Mittlerweile hat sich in Sachen Pädagogik viel verändert. Im Jahr 2009 verlieh die PH Nordwestschweiz dem Solothurner den Comenius-Preis für «besondere Innovation im Bildungsbereich». Heute wird LiB im Inland wie Ausland schon an einigen Schulen praktiziert, Tendenz steigend.

Noch wichtiger: Es gibt viele ähnliche Projekte. Weiterbildungskurse für Lehrer und Interessierte werde er auch nach seiner baldigen Pensionierung leiten, sagt Buser-Batzli. Mit 40 Dienstjahren auf dem Buckel ist er mehr denn je davon überzeugt, dass langes Stillsitzen kontraproduktiv ist.