Planspiel
Bewahrt die Weissenstein-Seilbahn die Moutier-Bahn vor dem Ende?

Die Weissenstein-Gondeln, hoffen viele, werden die Moutier-Bahn retten. Ein Raumplaner kommt zu einer vielversprechenden Prognose – doch der Bund dämpft die Erwartungen.

Sven Altermatt
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Wer mit der Moutier-Bahn von Solothurn zur Seilbahn-Talstation nach Oberdorf fährt, geniesst einen atemberaubenden Ausblick über das Mittelland.

Wer mit der Moutier-Bahn von Solothurn zur Seilbahn-Talstation nach Oberdorf fährt, geniesst einen atemberaubenden Ausblick über das Mittelland.

Tina Dauwalder

Es liegt eine gewisse Ironie in der Luft, das wird wohl niemand bestreiten. Da erfüllt eine Bahnlinie jahrelang die wirtschaftlichen Vorgaben. Dann fällt ein wichtiger Abnehmer vorübergehend weg, und die Wirtschaftlichkeit rutscht unter den kritischen Wert. Klar, eine temporäre Schieflage. Könnte man meinen. Doch ausgerechnet jetzt prüft Bundesbern die Stilllegung der Bahnlinie.

Eine kuriose Geschichte, doch alles läuft nach Vorschrift. Es ist die Geschichte der Linie Solothurn–Moutier und ihrer potenziellen Heilsbringerin, der Weissenstein-Gondelbahn. Ein Traumpaar? Immerhin ist die Bahn darauf angewiesen, dass ihre Talstation in Oberdorf vom öffentlichen Verkehr erschlossen wird. Gleichzeitig, und das ist derzeit viel wichtiger, soll die Moutier-Bahn vom Passagieraufkommen der Gondeln profitieren. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Bevor der Sessellift im Jahr 2008 geschlossen wurde, lag der Kostendeckungsgrad der Linie Solothurn–Moutier stets über 30 Prozent. Heute beträgt dieser 22 Prozent. Eine Korrelation ist unbestritten, wie etwa Regierungsrat Roland Fürst bestätigt.

Alles ganz einfach?

Hat der Bund die Gunst der Stunde zu wissen genutzt? So oder so, sagt Daniel Cattin: «Man darf nicht alles hinnehmen.» Der pensionierte Raumplaner steckt viel Zeit in eigene Recherchen, durchforstet Dokumente und vertraut der Kraft von Zahlen. Über 30 Seiten umfasst der Bericht, den der Lommiswiler nun vorlegt. Darin wagt er – der Titel könnte passender nicht sein – eine «Prognose über das Passagieraufkommen der Seilbahn Weissenstein und der damit verursachten Steigerung der Anzahl Fahrgäste der Bahnlinie Solothurn–Moutier». Der 63-Jährige stützt sich auf die Daten, die er von der Seilbahn Weissenstein AG erhalten hat.

Der pensionierte Raumplaner Daniel Cattin kämpft an vorderster Front für den Fortbestand der Moutier-Bahn und steckt Zeit in eigene Recherchen.

Der pensionierte Raumplaner Daniel Cattin kämpft an vorderster Front für den Fortbestand der Moutier-Bahn und steckt Zeit in eigene Recherchen.

Tina Dauwalder

Ist der Bericht eines Bahnanhängers nicht mit Vorsicht zu geniessen? Mag sein. Sieht man diesen als Annäherung, wird das viel beschworene Potenzial der Moutier-Bahn zumindest fassbarer. Und eine optimistische Betrachtung bildet das Gegengewicht zu den ziemlich düsteren Annahmen des Bundes. Tatsächlich gleicht Cattins Fazit einem Seitenhieb gegen die Gelüste Berns: Es stelle sich nicht die Frage, ob eine grössere Nachfrage erzeugt werden kann, sagt er. «Es stellt sich die Frage, ob eine grössere Nachfrage auch beabsichtigt wird.» Alles ganz einfach? Zumindest versucht der 63-Jährige, diese Frage in einem Planspiel zu beantworten:

104 373 Besucher zählte die alte Weissenstein-Sesselbahn zwischen 1982 und 2008 im Durchschnitt pro Jahr. Massgebend dabei ist nur die Zahl der Bergfahrten; also von Gästen, die zuvor mit Auto, Bahn oder anderswie zur Talstation gereist sind.

Sechs Jahre sind seit der letzten Fahrt der Sesselbahn vergangen. Ein juristisches Hickhack hat den Bau der Gondelbahn jahrelang verzögert. Immerhin wird damit die Kapazität von 450 auf 1200 Passagiere in der Stunde steigen. Doch die Voraussetzungen auf dem Papier sind das eine; Raumplaner Cattin hat ein Dutzend weitere Faktoren ausgemacht, die sich positiv auf das Aufkommen auswirken sollen. Allein die Umrüstung auf Gondeln wird laut seiner Schätzung sieben bis zehn Prozent mehr Passagiere bringen. Das Sonntagsfahrverbot auf der Passstrasse soll zu einer Zunahme von vier bis sechs Prozent führen. Und schon heute sind auf dem Berg an Werktagen mehr Besucher zu verzeichnen. Konrad Stuber, Geschäftsführer der Seilbahn Weissenstein, sagt denn auch: «Diese Prognosen sind realistisch.»

Gestützt auf Wachstumsfaktoren und offizielle Angaben, rechnet Daniel Cattin in seiner Prognose mit einer markanten Zunahme des Passagieraufkommens. 48 Prozent (+50 500 Passagiere) soll diese beim «tiefen Szenario» betragen, 82 Prozent (+86 500 Passagiere) beim «hohen Szenario». Tatsächlich dürften Wachstumsraten in diesem Bereich durchaus erwartet werden, bestätigt Seilbahn-Mann Stuber.

Nun kommt die Bahnlinie Solothurn–Moutier ins Spiel. Der sogenannte Modalsplit zeigt, wie viele Passagiere jeweils mit dem Auto oder dem öffentlichen Verkehr anreisen. 46 Prozent der Passagiere, schätzt die Seilbahn, kamen bis 2008 mit den Öffentlichen. Dieser Anteil soll künftig 50 Prozent betragen, was Raumplaner Cattin jedoch ein wenig zu hoch erscheint. Deshalb rechnet er in seinem Bericht mit einem öV-Anteil von 46 Prozent. Die Busverbindung nach Oberdorf sei dabei vernachlässigbar, bestätigen die Seilbahn-Betreiber: Zwischen der Bushaltestelle und der Talstation liegt ein längerer Fussweg. Nimmt Cattin nun das Potenzial der Seilbahn als Basis, kommt er zu folgender Prognose: Im «tiefen Szenario» könnte die Zahl der Passagiere in der Moutier-Bahn um 71 Prozent steigen, beim «hohen Szenario» gar um 109 Prozent.

Wie wird sich das Passagieraufkommen auf den Kostendeckungsgrad der Moutier-Bahn auswirken? Die entscheidende Frage. Für die Antwort muss sich Daniel Cattin auf die, wie er sagt, «dürftigen Angaben des Bundes stützen». Die lauten: 500 Personenfahrten pro Tag und ein Kostendeckungsgrad von knapp 22 Prozent. Setzt der Raumplaner seine Prognosen in eine Relation zur heutigen Situation, lässt sich der mögliche Kostendeckungsgrad ableiten: rund 38 Prozent beim «tiefen Szenario», über 41 Prozent beim «hohen Szenario».

Rechnung hat einen Haken

Einen Haken hat diese Berechnung jedoch: Während der Kostendeckungsgrad für die ganze Strecke ausgewiesen wird, sind die 500 Personenfahrten nur solche durch den Weissensteintunnel. Auf Streckenabschnitten südlich des Tunnels ist die Zahl der Personenfahrten höher, nördlich des Tunnels tiefer. Genaue Zahlen sind nicht öffentlich zugänglich. Allerdings dürfte der potenzielle Kostendeckungsgrad tiefer liegen als in Cattins Prognose.

Bund dämpft Erwartungen

Und was meint der Bund? Sicher sei mit der neuen Gondelbahn «eine leichte Zunahme der Passagierzahlen» zu erwarten, schreibt der Bundesrat zu einer Interpellation von SP-Nationalrätin Bea Heim. Weil sich der Mehrverkehr jedoch vor allem auf die Strecke Solothurn–Oberdorf beschränke, sei der Tunnel kaum betroffen. Die Kosten einer Tunnelsanierung liessen sich mit dem Passagieraufkommen der Seilbahn auch nicht kompensieren.

Immerhin verteilt das Bundesamt für Verkehr eine Beruhigungspille: Wenn der Tunnel schliesse, so ein Sprecher, «könnte die Strecke zwischen Solothurn und Oberdorf weiterhin von der Bahn bedient werden». Für das Thal wäre das ein schwacher Trost.

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