So wirklich hat mit diesem Resultat gestern niemand gerechnet: weder im Lager der Befürworter noch bei den Gegnern. Mit 55,2 Prozent hat sich eine deutliche Mehrheit des Solothurner Stimmvolks für die Totalrevision des Gesetzes über die öffentlichen Ruhetage ausgesprochen. Heftig umstritten war im Vorfeld der Abstimmung einzig die Herabstufung des Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettages von einem hohen Feiertag zu einem normalen Feiertag.

Noch vor neun Jahren hat das Solothurner Stimmvolk eine solche Degradierung des Bettages wuchtig verworfen. Umso sicherer fühlten sich in den letzten Wochen kirchlich-konservative und gewerkschaftliche Kreise in ihrem Kampf gegen die neue Bettags-Regelung – und wurden mit dem gestrigen Resultat eines Besseren belehrt. Der Bettag wird im Kanton Solothurn ein normaler Feiertag. Und das heisst: Am dritten Sonntag im September dürfen öffentliche Grossveranstaltungen wie die HESO ihre Tore öffnen und zudem gibts auch kein Verbot mehr für sportliche und kulturelle Events aller Art.

Kritik an «verwirrender» Kampagne

«Wir sind enttäuscht, das hätten wir nicht erwartet», so die Stimmungslage bei Bernadette Rickenbacher, CVP-Kantonsrätin und Co-Präsidentin des Referendumskomitees. Rickenbacher tut sich denn auch schwer mit einer Erklärung des Abstimmungsausgangs – und kritisiert die Kampagne der Befürworter als «verwirrend». Auf rosa Plakaten war dort zu lesen: «Ja zum Bettag als Feiertag.»

«Wir haben Rückmeldungen, dass einige Stimmbürger deshalb Ja gestimmt haben, obwohl sie eigentlich Nein meinten.» Trotzdem: Immerhin hätten sich 45 Prozent der Stimmenden für eine Weiterführung des Bettages als hoher Feiertag ausgesprochen. «Wir verstehen das als Auftrag, uns weiterhin dafür einzusetzen, dass christliche Traditionen und auch Inseln der Ruhe in der Gesellschaft ihren Platz haben».

Selbst wenn einzelne Stimmbürger fälschlicherweise ein Ja in die Urne gelegt haben sollten – verworfen worden wäre das neue Ruhetagsgesetz deshalb nicht. Zu deutlich ist das Mehr der Befürworter.

Abgelehnt haben die Gesetzesrevision einzig zwei Bezirke, das Gäu mit 50,9 Prozent knapp, das Thal mit 59,1 Prozent klar. Alle anderen Regionen stimmten zu, am höchsten ist der Ja-Anteil in Dorneck (68,8 Prozent), gefolgt von Solothurn (61,8 Prozent). In den übrigen Bezirken liegen die Zustimmungsraten zwischen 58,2 Prozent (Bucheggberg) und 53,5 Prozent (Gösgen). Auffallend ist, dass im unteren Kantonsteil der Ja-Stimmenanteil eher geringer ausfällt als im oberen Kantonsteil. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass in den Bezirken rund um die Stadt Solothurn der HESO-Effekt den Abstimmungsausgang im Sinne der Befürworter beeinflusst hat.

Erstaunt über die Herabstufung des Bettags ist auch Volkswirtswirtschaftsdirektorin Esther Gassler. Im Unterschied zur Mehrheit des Parlaments hatte sich die Regierung für eine Weiterführung der Tradition starkgemacht – «und zwar aus Überzeugung», wie die Esther Gassler gestern betonte. «Wenn aber das Volk anderer Meinung ist, dann ist das eben so.»

«Ich hoffe aber, dass öffentliche Veranstaltungen am Bettag mit dem nötigen Respekt durchgeführt werden.» Ob die HESO bereits diesen Herbst am Bettag-Sonntag geöffnet werden kann, ist noch ungewiss. Gassler: «Stand jetzt tritt das neue Gesetz am 1. Januar 2015 in Kraft.»

«Ein liberaler Entscheid»

Grosse Freude herrscht indes bei den Befürwortern. Dezidiert für den Bettag als normalen Feiertag ausgesprochen haben sich Sport- und Kulturveranstalter, Gewerbekreise, FDP, Grüne, GLP, BDP – und natürlich die HESO.

«Wir freuen uns sehr über diesen offenen und liberalen Entscheid des Solothurner Stimmvolks», sagte gestern FDP-Kantonrätin Marianne Meister als Vertreterin der Allianz «Ja zum Ruhetagsgesetz». Nicht gelten lässt sie die Kritik des Referendumskomitees an der vermeintlich «verwirrenden» Kampagne. «Wir wollen den Bettag nicht abschaffen, er soll ein Feiertag bleiben», unterstrich Meister. «Dadurch aber, dass der Bettag ein normaler Feiertag wird, haben verschiedene Gesinnungen nebeneinander Platz.»