Ankreuzen: Das machte Schulproben immer einfacher. Komplizierter waren Fragen, die ausführliche Antworten verlangten. An der Urne ist das etwas anders: Müssten die Solothurner am 18. Mai auf ihrem Stimmzettel ausführlich beantworten, warum sie den Bettag feiern, hiesse es einfach: Frageübersprungen, Bettag durchgerasselt. Nun haben die Solothurner am 18. Mai aber Ja oder Nein zur Auswahl - und das macht die Sache offenbar komplizierter.

Die Bettagsabstimmung ist voller Widersprüche. Rund 70 Prozent der Solothurner haben 2005 Ja zum Bettag gesagt. Aber: Wie viele unter ihnen haben gewusst, wofür der Tag steht? Wie viele der Ja-Stimmenden leben die religiösen Traditionen überhaupt noch in ihrem Alltag? Und wie viele derjenigen, die in Feiertagen eine «Oase der Ruhe» sehen, waren am Ostermontag im Shoppyland oder in der Lyssacher Einkaufsmeile?

Wir handeln offensichtlich ganz anders, als wir abstimmen. Auch weniger religiöse Menschen haben etwas für einen Bettags-Brauch übrig. Sie spüren eine leise, kaum greifbare Ehrfurcht und Hemmungen davor, eine alte Tradition aufzugeben. Darf man einfach so einen Wert aufgeben, der über Generationen gepflegt wurde? Plötzlich ist spürbar, dass da halt noch etwas sein könnte - unterstützt von einem ebenso diffusen Gefühl, das sich gegen Hektik, Druck und Globalisierung wehrt. So soll ein Tag bleiben, an dem man die hyperaktive Welt mal stillsetzen kann. Ein Tag, an dem die Maschinerie gar nicht anläuft.

Die Heso - der Hauptgrund, weshalb es am 18. Mai überhaupt eine Abstimmung gibt - ist der brennende Stachel in der Wunde all derer, die Ehrfurcht vor der Tradition verspüren. An der Messe entzündet sich die Wertfrage: Wird hier ein Feiertag nur für Profit in der Reithalle und Party im Schanzengraben geopfert? Die HESO, das alljährliche Schaulaufen des Gewerbes. - Plötzlich sprechen da Politiker, die sich die KMU als «Rückgrat der Schweizer Wirtschaft» auf die Fahne geschrieben haben, nicht mehr von Patrons, die sich die Füsse an der Messe wundstehen, sondern von Kommerz, von der Profitgier der Kleinen und Mittleren.

Unter dem Strich bleibt ein Tag, der eine grosse ökumenische und staatspolitische Vergangenheit hat. Aber auch ein Tag, der immer weniger Leuten sehr viel, aber immer mehr Leuten weniger bedeutet. Warum wollen wir an Traditionen festhalten, die wir gar nicht mehr leben? Wir brauchen Ruhe - aber muss die staatlich verordnet sein? Reicht ein einziger Tag, um zu sich zu finden oder sollte sich da nicht jeder grundsätzlich 365 Tage selbst Leitplanken setzen und Mails abends nicht mehr lesen? Opfern wir wirklich Werte und Traditionen, wenn wir nicht einmal mehr wissen, was hinter dem Bettag steckt?

Werte und Traditionen sind wichtig. Sie sollen und müssen gepflegt werden. Aber dafür müssen sie gelebt werden. Sie können nicht mit einem Gesetz beibehalten werden.

Wenn wir ehrlich sind, ist der Bettag im Leben der meisten Menschen heute kein hoher Feiertag mehr wie Ostern und Weihnachten, sondern - bestenfalls - ein gewöhnlicher Feiertag wie Fronleichnam und Auffahrt, die uns unter der Woche immerhin eine Verschnaufpause geben. Der Bettag aber ist immer an einem Sonntag, an dem schon frei ist. Warum sollte da nicht jeder das tun, was er möchte? Einige werden sich nun fragen, was für eine Einstellung das ist, wenn man Feiertage nur noch als freie Tage sieht. Man kann diesen Wertverlust hin zu Beliebigkeit und «anything goes» bedauern. Es ist aber ehrlich. Den Bettag als hohen Feiertag beizubehalten, ändert an diesem Trend nichts.

lucien.fluri@azmedien.ch