«Dass sie sich nicht mehr erinnern kann, heisst nicht, dass etwas gegen ihren Willen geschah», trug Verteidiger Severin Bellwald mehrmals vor. Sein Klient wurde letztes Jahr vom Amtsgericht Olten-Gösgen vom Schändungsvorwurf freigesprochen. Die Betroffene legte Berufung ein, der Fall wurde vor Obergericht neu aufgerollt. Dieses hat das Urteil des Amtsgerichts gekehrt und den jungen Mann der Schändung schuldig gesprochen.

Die Geschichte trug sich im Milieu der Modelszene zu. Der zum Tatzeitpunkt 23-jährige Agim B.* mit kosovarischem Hintergrund war als Model tätig, lud aber auch als Agent Models für Events in einen Zürcher Nachtclub ein. Cindy D.*, eine damals 20-jährige Schweizerin mit teils exotischen Wurzeln, sagte zu, nachdem sie zweimal vorher abgesagt hatte, stellte jedoch sicher, dass auch eine Freundin anwesend sein würde.

Edna*, eine als Zeugin aussagende junge Kroatin und Bekannte Agims, fuhr Ende März 2013 diesen und Cindy abends in den Club. Cindy trank gemäss eigenen Angaben nur zwei Gläser Wodka Redbull. Sie war jedoch sturzbetrunken, als sie um vier Uhr mit Agim das Lokal verliess. Ihr war übel, sie erbrach, weinte und lachte zugleich. Agim musste sie tragen. Edna fuhr sie im Auto zu seinem Domizil in der Nähe von Olten. Während der Fahrt erbrach Cindy wiederum und schlief auch. Sie habe aber schon ab ein oder halb zwei Uhr keine Erinnerungen mehr.

Komatös und wehrlos?

Als Agim mit Cindy allein in seiner Wohnung war, erbrach sie erneut. Er zog ihr Hose und Bluse aus und gab ihr eines seiner T-Shirts. Sie legten sich in sein Einzelbett, wo es ihm zufolge zu gegenseitigen Küssen und Berührungen kam. Der Geschlechtsakt folgte. Als Cindy am nächsten Tag bemerkte, dass sie ohne Unterhosen an einem ihr fremden Ort war, entfernte sie sich fluchtartig. Ohne Geld, mit wenig Akku konnte sie gerade noch einen Zug für die Heimfahrt ausfindig machen und ihren Vater anrufen.

Untersuchungen bestätigten den Geschlechtsverkehr. Der Alkoholgehalt hat zum Tatzeitpunkt 1,41 bis 2,65 Promille betragen. Dem Beschuldigten war bewusst, dass die Frau betrunken war, gar «krankenhausreif», er meinte jedoch, dass sie mit ihm habe schlafen wollen. Sie habe ihm erzählt, wie einsam sie sei – ihr Freund weilte gerade in Übersee. Er fand es «normal», dass es in dieser Situation zum Beischlaf komme.

Auf Richter Marcel Kambers Frage - «Ist das richtig, selbst wenn eine Beteiligte schwer alkoholisiert ist?» – antwortete er: «Das kann ich nicht beurteilen.» Agim sorgte sich vor allem darum, dass sein One-Night-Stand aufflog: «Ich hatte nicht gedacht, dass mein Freundeskreis und meine damalige Freundin das erfahren.» Viele Kollegen hätten daraufhin nicht mehr mit ihm gesprochen.

Staatsanwältin Kerstin von Arx, die zwei Jahre bedingte Haft forderte, sagte, es sei für eine Schändung nicht nötig, dass das Opfer «gänzlich» wehrlos sei, z.B. komatös. Cindys Anwältin, Andrea Stäuble Dietrich, meinte, Agim habe schon im Club ein Auge auf ihre Mandantin gelegt und sie angetanzt, es also von Anfang an geplant. Sie tönte die Möglichkeit von KO-Tropfen an – nach neun Stunden seien solche jedoch nicht mehr nachweisbar. Sie forderte Schadensersatz von über 4000 Franken sowie eine Genugtuung von 20'000 Franken.

Cindy habe sich einer HIV-Behandlung unterziehen müssen, mit schweren Nebenwirkungen, und habe eine Psychotherapie benötigt. «Sie schämt sich für das Erlebte und hat nun Mühe, Beziehungen einzugehen.» Cindy wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt, hatte aber immer noch keine Erinnerung an die Tat.

Die Zeugin Edna entpuppte sich teils als unzuverlässig. Erst bei ihrer zweiten Befragung habe sie angegeben, dass Agim auf der Rückfahrt gesagt habe: «Ich will heute eine Frau knallen.» Denn in der Zwischenzeit habe sie sich mit Agim verkracht, wobei es auch um Geld geht.

«Verhütungsmittel» gegoogelt

Der Vater berichtete davon, wie aufgelöst seine Tochter gewesen war. Verteidiger Severin Bellwald zweifelte an Cindys Glaubwürdigkeit. Er zeigte auf, wie in diversen Chats ihr Alkoholproblem zu Tage komme. Sie sei öfter betrunken, als sie zugebe. Auch habe sie sehr wohl One-Night-Stands gehabt, obwohl sie dies verneinte. Er zeigte auf, dass sie auch während ihres «Blackouts» fähig war, auf dem Handy Nachrichten zu tippen, Fehler nachträglich zu korrigieren, Bilder zu posten, das Wort «Verhütungsmittel» zu googeln.

Auf einem Youtube-Video des Clubabends tauche sie dreimal kurz auf dem Bild auf «voll dabei» mit Champagner in der Hand. Sie habe sich auch bei der Autofahrt ausdrücken können, als sie sagte, ihr sei kalt. Sein Mandant habe wegen der Geschichte seine Modeltätigkeit aufgeben müssen und es sei zu einem Bruch mit seiner Familie gekommen. Agim arbeitet jetzt im Ausland im Service und verdient monatlich 1'700 Euro.

Das Richtergremium mit Marcel Kamber, Daniel Kiefer und Lisa Lamanna Merkt sprach Agim der Schändung schuldig bei einer bedingten Strafe von 18 Monaten. Das Opfer sei widerstandslos gewesen und habe nicht darüber entscheiden können, ob es den Beischlaf wolle, und dieser Zustand sei auch Agim bewusst gewesen. Die «rudimentären Handlungen», welche das Model noch ausführen konnte (wie auf der Rückfahrt noch an die im Club zurückgelassene Tasche zu denken oder Dinge zu googeln) reichten nicht, um ihre Widerstandslosigkeit infrage zu stellen.

Doch dass er nach Plan gehandelt hätte, könne man ihm nicht nachweisen. «Schändungsfälle sind sehr selten in der Gerichtspraxis», erklärte Kamber, deshalb habe sich die Genugtuungssumme auch an Urteilen zu Vergewaltigungsfällen bemessen, sie betrage 10'000 Franken. Agim muss auch Schadensersatz von über 4'000 Franken bezahlen.