Der Rückgang an Schulaustretenden spitzt den Kampf um Lernende zu. Die Folge: Die Rekrutierung erfolgt früher und früher. «Dieser Trend ist nicht nur in Solothurn, sondern schweizweit erkennbar», bestätigt Stefan Ruchti, Chef des Amtes für Berufsbildung, Mittel- und Hochschulen (ABMH) beim Kanton. Die Firmen hätten Angst, keine geeigneten Kandidaten zu finden. Er spricht von einem «War for Talents».

Das Phänomen trete grundsätzlich in anspruchsvolleren Berufen auf, wo leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler gefragt seien. Dabei wäre es wichtig, den Jugendlichen genügend Zeit für die richtige Berufswahl zu gewähren. Deshalb verschickt das Amt seit fünf Jahren den Lehrbetrieben ein «Fairplay-Regulativ». Darin wird den Firmen empfohlen, mit der Rekrutierung von Lernenden erst nach den Sommerferien zu beginnen und Lehrverträge jeweils erst ab November abzuschliessen. «Wir appellieren an die Firmen, das Regulativ einzuhalten.» Aber rechtlich lässt sich dieser Appell nicht durchsetzen.

Verträge für 13-Jährige

Das ist offensichtlich, wie Kurt Jäggi beobachtet. Er ist Leiter der HR-Gruppe beim Industrieverband Solothurn und Umgebung (Inveso), die sich mit Personalfragen auseinandersetzt, und Leiter Personal bei der Solothurner Glutz AG. «Die Empfehlung wird dauernd unterlaufen.» Dieser Trend halte seit Jahren an. «Ich bin jetzt seit 17 Jahren Leiter Personal bei der Firma Glutz. Zu Beginn haben wir die Lehrstelleninserate nach den Herbstferien geschaltet, dann die Gespräche geführt und gegen Ende Jahr die Verträge abgeschlossen», erinnert sich Jäggi.

Er stelle heute fest, dass Firmen Inserate für Lehrstellen im Folgejahr schon im April oder Mai publizieren, mit Anmeldeschluss im Juli oder August. Das führe dazu, dass je nach Geburtstag bereits 13-jährige Schülerinnen und Schüler Lehrverträge unterschrieben. Den Kindern sollte aber für die Berufswahl mehr Zeit eingeräumt werden, denn deren Bedürfnisse und Wünsche könnten noch wechseln. «Damit einher geht das Risiko von Fehlbesetzungen und daraus folgen vermehrt Lehrabbrüche», warnt Kurt Jäggi. Es sei ferner schwierig, die Motivation eines Schülers hochzuhalten, wenn dieser bereits zu Beginn des letzten Schuljahres den Lehrvertrag im Sack habe, ergänzt Stefan Ruchti.

«Eine gefährliche Entwicklung»

«Die ersten Lehrverträge trudeln jetzt schon ein», sagt Amtschef Ruchti. Im Durchschnitt würden jeweils rund 50 oder 2 Prozent aller Lehrverträge vor November eintreffen. «Die Anzahl der bereits abgeschlossenen Vorverträge und Absichtserklärungen mit zukünftigen Lernenden dürfte jedoch deutlich höher liegen.» Für Kurt Jäggi ist das «eine gefährliche Entwicklung. Sie führt zu einer Zweiklassen-Gesellschaft».

Die vorpreschenden Firmen versuchten, die jeweils besten Jugendlichen frühzeitig an sich zu binden. Wer sich an die Empfehlung halte, habe dann vielfach Mühe, geeignete Kandidaten zu finden. Stefan Ruchti will aber festgehalten wissen, dass sich die Mehrheit der Lehrbetriebe nach den Empfehlungen des Kantons richte.

Banken mit eigener Empfehlung

So hat etwa die AEK Energie AG in Solothurn, die jährlich zwischen 10 und 15 neue Lehrverträge abschliesst, kein Problem mit dem «Fairplay-Regulativ». «Wir halten uns an die Empfehlung des Kantons», wie Mediensprecherin Pia Daumüller versichert. «Wir schliessen keine Lehrverträge vor November ab.» Das sei im Sinne aller Beteiligten. «Die Einhaltung der Fairplay-Empfehlung ermöglicht gleich lange Spiesse für die Betriebe wie für die Jugendlichen.» Ein eigenes Fairplay-Abkommen haben die Banken auf dem Platz Solothurn, wie Janine Klossner, Berufsbildungsverantwortliche bei der Regiobank, erklärt.

Pro Jahr schliesse die Bank drei Lehrverträge ab, die letzten drei seien im November unterzeichnet worden. «Wir hatten bisher noch keine Lehrabbrüche.» Unter den Banken gelte die Empfehlung, Lehrstellen nicht vor September zu vergeben, präzisiert Marco Sauser, Direktionsmitglied bei der Baloise Bank SoBa. «Daran halten wir uns.» «In den letzten zehn Jahren hatten wir keinen einzigen Lehrabbruch und alle Lernenden haben die Abschlussprüfung bestanden.»

Empfehlung aufgeweicht

Trotz aller Kritik an der Rekrutierungspraxis schliesst der Kanton die Augen nicht vor der Wirklichkeit. «Wir haben in Rücksprache mit Wirtschafts- und Personalverbänden unser Fairplay-Regulativ terminlich etwas angepasst», sagt Stefan Ruchti. Künftig gilt, dass keine Lehrverträge vor dem 1. Oktober statt wie bisher 1. November unterschrieben werden sollen. «Diese Anpassung an die Realität unterstützen wir», sagt Kurt Jäggi vom Inveso-Vorstand.