Krankheit

Betreuung eines Alzheimer-Patienten – «Traurig wie er langsam entgleitet»

Über zehn Jahre hat Isabelle Dreier ihren Mann zu Hause betreut. Hp. Bärtschi

Über zehn Jahre hat Isabelle Dreier ihren Mann zu Hause betreut. Hp. Bärtschi

Isabelle Dreiers Mann leidet an Alzheimer. Wie sie mit dieser Tatsache umgeht, erzählt sie offen und ehrlich.

«Ich war am Limit. Ich musste selber zum Arzt», sagt Isabelle Dreier, «wenn man 30-mal in der Nacht aufstehen muss, kann man sich einfach nicht erholen.» Ihr 68-jähriger Mann hat Alzheimer am Beginn des Spätstadiums.

«Das ganze letzte Jahr war so schwierig für mich, diese Inkontinenz. Er konnte tagsüber kaum Wasser lassen, dafür nachts, schwallweise.» Die Berge von Bettwäsche kann man sich vorstellen, ebenso die Verzweiflung.

Vor zwölf Jahren erfolgte die Diagnose. Damals war ihr Mann 56, sie erst 52. So jung ist man selten von Alzheimer betroffen. Auch letztes Jahr noch, als der Zerfall des Gehirns auch die Blasenkontrolle verunmöglichte, sorgte Dreier alleine für ihren Mann in ihrem Haus in Derendingen. Ab und zu mit etwas Entlastung.

Nicht wütend, aber sehr unruhig

Diesen Frühling änderte sich vieles. Hansruedi Dreier wurde ein Blasenkatheter eingeführt. «Sein Gehirn hat das aber nicht kapiert und es hat ihn völlig durcheinandergebracht», meint Dreier. «Seither hat er die typische Unruhe der Demenzkranken.»

Weil man mit Katheter nicht baden kann, musste die Dusche umgebaut werden. Denn: «Er konnte schon vor sechs Jahren nicht mehr selber einen Wasserhahn anstellen.» Sie fand einen familiären Ferienplatz in Selzach in der «Aussenwohngruppe für Menschen mit Demenz» des Bettlacher Kompetenzzentrums Baumgarten. Für die dreiwöchigen Umbauarbeiten. «Er hätte den Tumult der Handwerker nicht ertragen.»

Danach kehrte er heim. «Wir haben die Dusche eingeweiht. Zwei Tage und Nächte später sagte ich, ich kann nicht mehr.» Sie war am Anschlag. Ihr Mann konnte wieder nach Selzach, wo er sich auf Anhieb wohlgefühlt hatte.

Dreimal in der Woche besucht sie ihn. Hilft ihm beim Essen, bei der Pflege. Sie ist als Coiffeuse Körperpflege gewöhnt. Allerdings war ihr vertrauter Kontext Ästhetik, nicht Zerfall.

Die Krankheit habe sie sehr verändert, sagt sie nachdenklich in ihrem Wintergarten. «Ich sagte früher, ich könnte nie Fusspflege machen und dergleichen. Aber da kommst du in Situationen, was willst du machen – die Nachbarin holen?»

Nachbarn, Bekannte und ihre drei Kinder haben schon manchmal etwas mit ihm unternommen. Gingen spazieren, besuchten einen Fussball-Match. Vor allem im Frühstadium ging das gut. «Die bieten schon ihre Hilfe an. Aber ich brauchte Regelmässigkeit.

Deshalb muss ich sagen, es geht nur mit einer Institution.» Regelmässigkeit wäre sehr wichtig gewesen, da sie ja berufstätig war. Abgesehen von einer kurzen Babypause hat sie immer gearbeitet. In ihrem Coiffeursalon stand sie alleine. Und war auf den Verdienst angewiesen, erst recht, nachdem der Lohn ihres Manns weggefallen war.

Immer wieder der Papierkram

Mithilfe von Organisationen wie der IV, dem Rotkreuzdienst oder der Alterspsychiatrischen Tagesklinik Arkade konnte sie für einige regelmässige Stunden entlastet werden. Das war trotzdem mit viel Aufwand verbunden. Sie musste etwa dafür sorgen, dass ihr Mann rechtzeitig angezogen mitten im Vormittag bereit war, um abgeholt zu werden.

«Als einmal wegen Ferienablösung ein anderer Rotkreuzfahrer Dienst hatte, brachte er Hansruedi nicht wie üblich in die Wohnung. Sodass dieser vor dem Haus herumirrte. Ein Kunde machte mich im Coiffeursalon darauf aufmerksam.» Immer wieder erzählt Isabelle Dreier, wie sie zwischen Salon unten und der Wohnung oben im Haus hin und her wechselte, um nach dem Rechten zu sehen.

Hinauf, hinunter … «Die Doppelbelastung ist enorm.» Vor drei Jahren konnte sie den «Assistenzbeitrag» der IV in Anspruch nehmen. Wer noch nicht im Pensionsalter ist und «hilflos im mittleren Stadium» ist, hat Anspruch darauf, wenn ein Heimaufenthalt so hinausgezögert werden kann.

Damit zog ich eine Frau bei, welche mit meinem Mann spazieren ging. Diesen und manch anderen Tipp erhielt sie von der Alzheimervereinigung, speziell von den Mitgliedern der Alzheimer-Angehörigengruppe, zu deren monatlichen Treffs sie hingeht, zur Gruppe für jüngere Betroffene.

«Solche Leistungen werden einem nicht nachgeworfen.» Dreier erzählt vom mühsamen Formular-Ausfüllen. Sie schildert auch, wie sie auf einen Hinweis hin den – für sie beschämenden – Gang zum Sozialdienst wagte. Schliesslich liess sie sich zwei Jahre vorzeitig pensionieren, um sich ganz ihrem Mann widmen zu können.

Erinnerung an eine gute Zeit

Etwas findet Dreier wichtig, nämlich dass man die Krankheit nicht verheimlicht. «Es geht nur übers Kommunizieren. Dann verstehen einen die Leute auch besser. Ich habe es von Anfang an offengelegt.»

Die Leute hätten es gleichwohl nicht so recht glauben können: «Weil er so vital ausgesehen hat und er sportlich war, haben sie immer gedacht, das ist nicht so schlimm.» – «Dass er nicht mehr duschen und sich nicht mehr anziehen kann, sah man nicht.» Isabelle Dreier schaute stets, dass zum Beispiel ihre Kinder nicht unangenehme Pflegeaufgaben übernehmen mussten. Sie fand, das sei ihre eigene Sache.

Hilfreich waren auch kleine Unterstützungsdienste. Etwa beim Besuch des Turnvereins. Jeder Fähigkeitsverlust musste mithilfe der Kollegen irgendwie aufgefangen werden. Als ihr Mann sein Velo nicht mehr schliessen konnte, als er nicht mehr duschen oder in der Beiz bezahlen konnte.

Sogar bei der Arbeitsstelle ihres Mannes, er arbeitete als Schriftsetzer beim Bund, wurde Dreier vorstellig und sorgte dafür, dass die Mitarbeiter um die Situation ihres Mannes wussten. Das erleichterte einiges.

Sie holt schön gestaltete Fotobücher hervor. Eines von ihren gemeinsamen Ferien in Interlaken der Alzheimervereinigung Schweiz. Jedes Ehepaar erhielt eine Begleiterin, welche beispielsweise dem Patienten am Buffet hilft, während man selber am Tisch das Essen geniessen kann.

«Das war meine erste schöne Woche», schwärmt Dreier. Und klopft aufs Album: «Das ist super!» Hansruedi lächelt einem auch aus einem andern Album entgegen, aus jenem ihrer gemeinsamen Afrikaferien. Damals hatte er schon Alzheimer. – Sie ist mit Hansruedi zusammen, seit sie ein 18-jähriges Mädchen ist.

Man spürt die enge Verbundenheit. Isabelle strahlt trotz allem. Freut sich. Sie hat den Mann in ihrem Herzen. Denkt an die schönen Momente, die sie bewusst mit ihm gestaltet. Wenn sie zum Beispiel zusammen Ländlermusik hören. Oder spazieren gehen. Noch letztes Jahr konnte man mehr unternehmen.

Jetzt weiss er manchmal schon nicht mehr, wie man ins Auto oder wie man Treppen steigt. Hilfreich war, dass er «ein Lieber ist», nicht aggressiv reagiert. Meistens summe er zufrieden vor sich hin. Traurig, wie er ihr langsam entgleitet.

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