Auf einen Kaffee mit ...

Bestatter: «Tote haben es besser als wir, sie haben ihre Ruhe gefunden»

Ruedi Messer bei seiner täglichen Arbeit: Er kümmert sich um Tote und hilft den Angehörigen.

Ruedi Messer bei seiner täglichen Arbeit: Er kümmert sich um Tote und hilft den Angehörigen.

Der Bestattungsdienst ist einem stetigen Wandel unterworfen. Nur noch 60 Prozent wünschen heute eine traditionelle Bestattung, weiss Ruedi Messer. Der 66-jährige Bestatter glaubt an ein Leben nach dem Tod.

Man sieht die Sonne untergehen und erschrickt doch, wenn es dunkel wird. Wer in diesen Tagen nach Sonnenuntergang über unsere Friedhöfe spaziert, wandelt kaum im Dunkeln: Überall brennen Kerzen. Menschen in unseren Breitengraden begehen Allerheiligen, Allerseelen und später den Totensonntag. Für viele sind es besondere Tage. Nicht so für Ruedi Messer.

Der 66-jährige Bestatter kennt den Tod von klein auf. Für ihn ist er Alltag. Bereits als Zehnjähriger hat er dem Vater geholfen, Särge zu den Trauerfamilien zu transportieren: «Die Aufbahrungshallen waren damals noch kein Thema, deshalb fanden die Einsargung und die Aufbahrung zu Hause statt», erzählt er mit ruhiger Stimme.

Ein unaufgeregter, besonnen wirkender Mann, der ungekünstelt formuliert: «Als mein Vater gesehen hat, dass Tod und Trauer von Angehörigen bei mir keine negativen Folgen haben, durfte ich ihm als 13-, oder 14-Jähriger, ich weiss es nicht mehr genau, auch beim Einsargen vor Ort zur Hand gehen.»

Die Begegnung mit der Endgültigkeit hat die bei Ihnen nie Angst ausgelöst? «Nein, Angst war nie damit verbunden, aber der Respekt begleitet mich heute noch», offenbart Messer. Er, der mittlerweile die Bewohner einer ganzen Kleinstadt unter die Erde, in die Luft, oder ins Wasser gebracht hat. «Ja, es sind über zehntausend Menschen, mit deren sterblicher Hülle ich konfrontiert gewesen bin.»

Und all diese Erlebnisse haben keine Spuren hinterlassen? «Es gibt schon Fälle, die unter die Haut gehen. Wenn Kinder betroffen sind zum Beispiel, oder bei schrecklichen Unfällen. Aber wir dürfen nicht mittrauern, sonst halten wir das nicht lange durch.»

«Teilweise schier handlungsunfähig»

Für die Welt bist du irgendjemand, doch für irgendjemand bist du die Welt – diesen Leidzirkularspruch entnehmen wir einer Broschüre seines Unternehmens, das in der Zusatzbezeichnung den Begriff «Begleitung», vor «Bestattung» aufführt. Dies erklärt Messer mit den Worten: «Stellen Sie sich einen unerwarteten Todesfall vor. Zum Beispiel einen Unfall. Die meisten Hinterbliebenen sind in solchen Fällen völlig schockiert. Teilweise schier handlungsunfähig und dann springen wir mit Rat und Tat ein.»

Die Begleitung geht aber darüber hinaus: Das Unternehmen bietet die Teilnahme an Trauergruppen an. «Das Trauerkaffee wird besonders geschätzt. Betroffene können sich dabei mit anderen Betroffenen austauschen. Da läuft keine Seite Gefahr, mit Floskeln abgespeist zu werden.»

Tönt einleuchtend. Ruedi Messer ergänzt: «Wir haben zudem eine Gruppe Neutrauernder mit Hinterbliebenen zusammengebracht, deren Todesfall schon weiter zurückliegt. Interessanterweise hat das ebenfalls verbindende Elemente zutage gefördert. Die einen haben gesehen, dass sich die Dunkelheit früher oder später lichtet, und die andern haben gestaunt, wie weit unten sie unmittelbar nach dem schmerzlichen Ereignis einmal gewesen waren.»

Ein Leben nach dem Tod?

Die Frage beschäftigt wohl alle, gibt es ein Leben nach dem Tod? Herr Messer, wissen Sie es? Ein Lächeln huscht über sein Gesicht: «Ausgerechnet ich soll es wissen? Wenn ich die Evolution betrachte, komme ich zum Schluss, das kann nicht alles Zufall sein. Handkehrum kommen Zweifel auf, dann, wenn ich die vergängliche Materie vor mir sehe.»

Zusammenfassend sagt er: «Ich bin Christ. Letztlich glaube ich an ein Leben nach dem Tod.» Gleichzeitig zückt er ein Blatt Papier. Darauf hat er einen Satz von Albert Einstein geschrieben: Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben. Philosophische Fragen beschäftigen den Mann ganz offensichtlich. Und wie steht es mit kommerziellen?

60 Prozent wünschen traditionelle Besattung

Wir erfahren, dass das Bestattungsgeschäft einem steten Wandel unterworfen ist. Lediglich noch rund 60 Prozent wünschten eine traditionelle Bestattung. Die restlichen 40 Prozent gliedern sich auf in ganz einfache Bestattungen (der Begriff «Entsorgung» schwingt mit) oder dann aber anspruchsvolle, ausgesprochen individuell geprägte Begräbnisse. Da wolle man sich bei allen Schritten des Abschiednehmens einbringen. Im ersten Fall dagegen habe man es nicht selten mit Streitfällen innerhalb der Familie, finanziellen Engpässen oder geografisch weit entfernten Angehörigen zu tun. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass die Religion längst nicht mehr überall eine Rolle spiele.

Wie wird denn heute beerdigt? «Erdbestattungen verzeichnen wir hier bei uns noch knapp zehn Prozent. In katholisch geprägten Gegenden sind es deutlich mehr. Von den Urnengräbern wählen etwa 50 Prozent das Gemeinschaftsgrab. Zunehmend wird die Asche jedoch auch dem Wasser, oder der Luft übergeben.»

Doch eigentlich will der Mensch von heute mit dem Tod möglichst nicht konfrontiert werden, weshalb? Messer erklärt es damit, dass in einer konsumorientierten Leistungs- und Spassgesellschaft dafür ganz einfach kein Platz sei. Dann schiebt er nach: «Doch machen wir uns nichts vor, Tote haben es besser als wir zwei, sie haben ihre Ruhe gefunden.»

Man kommt nicht darum herum: Ruedi Messers Umgang mit der Vergänglichkeit, mit dem Tod beeindruckt. Wir entdecken einen letzten Trauerspruch: Seid nicht traurig über meinen Abschied, denn ich gehe zu jenen, die ich liebte, um auf jene zu warten, die ich liebe. Tröstlich. Schön, wem es über die ersten schweren Stunden hinweghilft.

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