Franco Supino arbeitete bis Anfang dieses Jahres die Geschichte seiner Mutter auf. Sie verliess ihre Heimat Italien als junge Frau – er wuchs als Secondo in der Schweiz auf. Im Gespräch äussert sich der Solothurner Schriftsteller zu seinem Hintergrund und erklärt, warum es ihm nicht immer so leicht fiel, diese Geschichte aufzuschreiben.

Franco Supino, wo ist Ihre Heimat?

Franco Supino: Das ist eine schwierige Frage. Ich sage immer: Heimat ist der Ort, der einem geschenkt wird. Ich glaube, für mich ist das inzwischen Solothurn.

Sie sagen «inzwischen» sei es Solothurn. War das nicht immer der Fall?

Nein. Nicht, als ich ein Kind war. Damals wurde darüber diskutiert, ob man die überzähligen Migranten, die in den 1970er-Jahren in die Schweiz kamen, zurück in die Heimatländer schicken soll. Da war ich in der ersten Klasse. Auch mir wurde gesagt, ich müsste wieder zurück in die Heimat. Damals wusste ich nicht, was Heimat bedeutet. Ich kannte das Land meiner Eltern ja nicht richtig.

Sie wuchsen als Sohn italienischer Eltern auf. Spielte das eine Rolle in ihrer Kindheit?

Für mich war das normal. Auch, dass meine Mutter viel gearbeitet hat und ich deswegen die Woche über bei einer Gastfamilie war. Oder, dass ich mit meinen Eltern italienisch sprach und meine Freunde diese Sprache nicht verstanden.

War das schwierig für Sie?

Ich habe immer versucht, die Vorteile zu sehen. Meine Hausaufgaben zum Beispiel haben meine Eltern nie kontrolliert. Andere sagten, ich sei nicht unterstützt worden. Ich hingegen sage: Ich konnte meinen Eltern sagen, ich hätte keine Zeit für Hausarbeit, weil ich Hausaufgaben habe.

Und dann konnte ich einen Krimi zum Vergnügen lesen, ohne dass meine Eltern das gemerkt hätten. Meine Mutter ging nur bis zur fünften Klasse in die Schule – Sie können sich ja vorstellen, was sie da gelernt hat. Mein Vater ging genau ein Jahr zur Schule.

Wurde Ihre Herkunft auch innerhalb der Familie diskutiert?

Es hiess oftmals einfach: Du musst besser sein. Du musst besser sein als der Schweizer. Du musst brav sein. Du musst dich anpassen. Wir mussten beweisen, dass wir hier gebraucht werden. Meine Eltern waren ja «Gastarbeiter». Und Sie wissen, was Gast bedeutet: Irgendwann muss er wieder gehen.

Ihre Eltern sind aber nicht zurückgegangen. Wann entschieden sie, in der Schweiz zu bleiben?

Als meine jüngere Schwester in die Schule kam. In diesem Moment sagten meine Eltern aber auch: Wir sind wegen dir hiergeblieben. Jetzt musst du etwas beweisen. Jetzt kannst du nicht einfach eine Lehre machen. Jetzt musst du beweisen, dass sich das gelohnt hat. Jetzt musst du studieren und nicht auf der Strasse herumlungern. Das könntest du auch in Neapel machen.

Das klingt belastend.

Für mich war das einfach normal. Und ich habe diesen Weg ja auch gewählt. Ich habe stets gearbeitet, mein Studium selbst finanziert.

Und Ihre Eltern waren schliesslich mit der Situation zufrieden?

Ich glaube schon. Meine Mutter ist zufrieden damit, was aus ihren Kindern geworden ist. Sie wollte auch nirgends hin, wo ihre Kinder nicht sind. Aber sie sagte mir einmal, dass sie manchmal daran denkt, ob ihr Leben nicht besser verlaufen wäre, wenn sie ihre Heimat nie verlassen hätte.

Ihre Eltern haben sie damals weggeschickt, damit sie Geld verdient. Meine Mutter meint, sie wäre vielleicht glücklicher geworden, wenn sie geblieben wäre. Aber auch, dass es so für uns Kinder besser ist.

Wie reagierte Ihre Mutter, als sie erfuhr, dass Sie ihre Geschichte aufschreiben möchten?

Ich habe mir überlegt, ob ich den Auftrag des Musée imaginaire des migrations annehmen soll. Meine Mutter war lange Zeit dagegen. Als sie schliesslich einwilligte, habe ich viel Zeit mit ihr verbracht und ihr Fragen zu früher gestellt.

Manchmal verstrickte sie sich in ihren Antworten und widersprach sich selbst – ich weiss nicht, ob das Absicht war ... Aber schliesslich war sie stolz darauf, dass ihrer Geschichte nun Bedeutung verliehen wurde. Sie selbst hat sich nämlich immer zurückgenommen, war nie selbstbewusst. Deshalb hat sie auch kein Deutsch gelernt. Sie hatte stets das Gefühl, sie könne das gar nicht. Und dass man sie nicht ernst nimmt.

Wenn Sie die Geschichte Ihrer Mutter mit dem Thema Migration heute vergleichen: Sehen Sie Unterschiede?

Ja. Alleine schon wegen der politischen Veränderungen. Die EU zum Beispiel ist für uns kein richtiges Ausland mehr. Das Ausland fängt irgendwo anders an. Das Verhältnis zwischen Ausland um Heimat hingegen ist gleich geblieben.

Das heisst?

Wir wissen, dass wir Migration brauchen. Wir haben aber gleichzeitig Angst vor dem Fremden. Ich bin der Meinung, dass wir Migranten brauchen. Sie füllen zum Beispiel Lehrstellen. Wenn die Abwaschmaschine kaputt geht, kommt oft ein Migrant, um sie zu reparieren. Dasselbe gilt beispielsweise für Paketverteiler.

Sie leben als Secondo in der Schweiz. Spüren Sie das in Ihrem Alltag?

Ich glaube nicht. Zumindest ergeben sich für mich keine Nachteile. Ich fühle aber heute noch den Drang, dass ich in der Schweiz etwas bewirken muss. Dass ich mir sage: Ich muss in diesem Land arbeiten – und nicht nur Bücher schreiben … Meine Mutter hat mir aber auch gesagt, dass sie es sinnvoll findet, dass ich für die Pädagogische Hochschule Nordwestschweiz Lehrerinnen und Lehrer ausbilde.

Ihre Geschichte in der Schweiz haben Sie auch im Buch «Solothurn liegt am Meer» aufgeschrieben. Dort haben Sie sich als «Tschinggenkind» bezeichnet. Heute hört man den Ausdruck nicht mehr so oft.

Das Wort ist vergleichbar mit dem heutigen Ausdruck «Jugo». Jetzt hört man nicht mehr Tschinggen. Früher waren die Italiener die Bösen, heute sind es die Eritreer. Heute sucht man in anderen Bevölkerungsgruppen negative Eigenschaften: Aggressivität, Intoleranz, Rückständigkeit, Frauenfeindlichkeit. Heute werden Italienern eher positive Eigenschaften zugeschrieben: Lebensfreude und Lockerheit.

Können Sie diese Veränderung irgendwie erklären?

Das sind Projektionen. Sie zeigen, wie wir mit dem Fremden umgehen. Wenn wir mit einer Bevölkerungsgruppe, so wie die Schweizer mit den Italienern, schon zehn Jahre zusammenleben, kennen wir sie irgendwann. Werden Freunde. Dann kommen wieder neue Fremde, wie Albaner oder Eritreer.

War es früher als Italiener schwieriger in der Schweiz als heute?

Ja, in den 1960er- und 1970er-Jahren schon. Ich erinnere mich auch noch gut daran, dass der Vater meiner Freundin – inzwischen mein Schwiegervater – damals ein Problem mit mir hatte. Ich weiss ja nicht, wie tolerant Ihre Eltern sind, aber das wäre vergleichbar, wie wenn Sie heute einen Eritreer nach Hause bringen würden. Ist es heute ein Italiener, ein Secondo, ist das wahrscheinlich weniger ein Problem. Der Secondo ist integriert, der Secondo hat sich ja schon angepasst.

Franco Supino, zu Beginn des Interviews fragte ich Sie nach Ihrer Heimat. Wo ist die Heimat Ihrer Mutter?

Ich glaube, dass sie selbst heute mit Grenchen antworten würde. Sie will nicht nach Italien zurück. Manchmal fährt sie nach Italien in die Ferien, aber nur um ihre Schwester zu besuchen. Ich denke, als Ausländerin hat sie in der Schweiz ihre neue Heimat gefunden.

Sie sagten, Ihre Mutter spricht manchmal davon, dass sie vielleicht in Italien glücklicher geworden wäre. War es ein Fehler, dass sie damals ihre Heimat verlassen hat? Bereut sie das heute?

Sicherlich bereut sie nicht, dass sie ihren Mann in der Schweiz kennen gelernt hat und Kinder in der Schweiz hat. Damals hat sie sich vermutlich schon von ihren Eltern zu etwas drängen lassen. Sie war 20, noch fast ein Kind, ohne eigene Pläne. Sie wollte einfach Geld verdienen, das sie nach Hause schicken konnte. Daran denkt sie heute noch. Sie spart immer noch und sagt: «Man weiss ja nie.»

Denken Sie manchmal ans Auswandern?

Ich finde, das Ausland ist eine Bereicherung und öffnet den Horizont. Aber für mich ist klar, dass ich hier bleibe. Als Kind musste ich dafür ja sogar kämpfen. Und dann bleibt man auch. Auch wenn man nicht mehr kämpfen muss. Man ist dankbar, dass man hier sein darf. Etwas anderes kommt gar nicht infrage.