Dornach
Beschäftigungsprogramm soll Sozialhilfempfängern helfen: «Wenn ich nur zu Hause sitze, fällt mir das Dach auf den Kopf»

Ein neues Programm vermittelt Sozialhilfebezügern im Kanton eine unbezahlte Beschäftigung. Einer der ersten Teilnehmer ist Michel Ducres, der in einem Pflegeheim mithilft.

Noëlle Karpf
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Ehrenamtlicher Jass: Auch das gehört zum Einsatz des Sozialhilfebezügers.

Ehrenamtlicher Jass: Auch das gehört zum Einsatz des Sozialhilfebezügers.

Hanspeter Bärtschi

Drei Männer sitzen an einem Tisch. In der Mitte liegt ein Jassteppich. Der Reihe nach schmeissen sie Karten auf den grünen Filz. Zwei von ihnen sind Bewohner des Heims Engel in Dornach, eine Institution für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung. Der Dritte ist der 57-jährige Michel Ducres aus Bärschwil. Braune Turnschuhe, Jeans, blauer Pullover, an den Ärmeln ausgeleiert.

Ducres ist Sozialhilfebezüger, seit Jahren arbeitslos. «Seit dem vierten September helfe ich hier mit», erklärt der kleine Mann ganz genau. Diesen Herbst wurde er in ein Programm des Hilfswerks der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) aufgenommen. Die Heks Visite Aargau-Solothurn vermittelt ausgesteuerten Menschen eine ehrenamtliche Beschäftigung (siehe Box). «Die Arbeit macht mir Spass», erzählt der 57-Jährige kräftig nickend. «Das bringt Struktur in meinen Alltag. Wenn ich nur zu Hause sitze, fällt mir das Dach auf den Kopf.» Vier Nachmittage hilft Ducres im Pflegeheim aus.

Das Programm: Heks Visite

Seit diesem März befindet sich das Programm der Heks Visite Aargau-Solothurn im Aufbau. Die Sozialregionen des Kantons Solothurn vermitteln ausgesteuerte Personen und Flüchtlinge oder Migranten (mit Status F), die nie eingesteuert worden sind, an die Heks. In einem Erstgespräch klärt das Hilfswerk, in welchem Bereich die Teilnehmer arbeiten möchten. Diese können in Nonprofit-Organisationen wie Altersheimen, Kindertagesstätten oder Mittagstischen aushelfen.

Nach einem vierteiligen, je zweistündigen Kurs und einem Vorstellungsgespräch bei der jeweiligen gemeinnützigen Institution beginnen die Sozialhilfebezüger ihren ehrenamtlichen Einsatz. Dieser dauert maximal acht Stunden pro Woche, um keine Konkurrenz zum ersten Arbeitsmarkt zu bilden. Das Programm läuft noch mindestens während des Jahres 2018. Laut Madeleine Egloff handelt es sich um ein «vergleichsweise günstiges Programm», welches sich im vom Kanton vorgegebenen Rahmen bewege. (NKA)

Nie eine Lehre gemacht

Der Bärschwiler hat nach der Schule im Lager einer Lastwagenfirma gearbeitet. Vor Jahren verlor er seine Stelle. Eine Ausbildung hat er nie gemacht. «Ich schreibe jeden Tag Bewerbungen», sagt Ducres und hebt schulterzuckend beide Hände hoch. Er suche permanent Arbeit. Gefunden hat er bisher nichts. Deshalb habe er sofort zugesagt, als ihn das Sozialamt gefragt hatte, ob er Interesse an einem ehrenamtlichen Einsatz habe. «Ich habe ja sonst nichts zu tun», sagt der 57-Jährige. Bei einem Erstgespräch mit der Heks Visite Aargau-Solothurn hat er erklärt, dass er gerne mit Menschen arbeiten würde. Darauf wurde ihm die Stelle in Dornach vermittelt, wo er aufgewachsen ist. Nach einem Einführungskurs in Solothurn und einem Gespräch im Heim konnte er anfangen. «Ich wurde von Mitarbeitern und Bewohnern sofort aufgenommen», erzählt Ducres kräftig nickend.

Brettspiele und Spaziergänge

Bei seinen Einsätzen im Heim geht Ducres mit den Bewohnern spazieren, an die Basler Herbstmesse oder veranstaltet einen Jass – «aber nur, wenn das Wetter schlecht ist». So wie an diesem Tag, Regen fällt gegen die Fenster im Essraum, draussen ist es schon am Nachmittag dunkel. Die Lampen im Raum leuchten auf den grünen Filzteppich und die jassenden Männer.

Ducres und ein Heimbewohner gegen den Dritten. «Der gewinnt ja sowieso», meint der Teamkollege von Ducres. Er schmeisst seine Karten auf den Tisch. Der Gegner lacht und zieht die Karten über den Jassteppich zu sich. «Bei der nächsten Runde hältst du dich aber etwas mehr zurück», mahnt Ducres mit erhobenem Finger und seinem Basler Akzent, die Jasser lachen und spielen Runde um Runde weiter. Hinter dem Esszimmer sitzt ein anderer Bewohner alleine auf dem Sofa, eine Frau läuft vor sich hin murmelnd durch die Gegend.

Madeleine Egloff, Projektverantwortliche HEKS Michel Ducres ist Sozialhilfebezueger und hilft im Heim Engel für Psychisch Beeinträchtigte aus. Im Rahmen des Projekts HEKS Visite. Im Bild Madeleine Egloff, Projektverantwortliche HEKS

Madeleine Egloff, Projektverantwortliche HEKS Michel Ducres ist Sozialhilfebezueger und hilft im Heim Engel für Psychisch Beeinträchtigte aus. Im Rahmen des Projekts HEKS Visite. Im Bild Madeleine Egloff, Projektverantwortliche HEKS

Hanspeter Bärtschi

Nachgefragt bei Madeleine Egloff

Madeleine Egloff, seit März baut die Heks im Kanton Solothurn das Programm für Sozialhilfebezüger auf. Wie verlief der Start?

Madeleine Egloff: Der Einstieg ist etwas harzig. Wir haben mittlerweile zwei Teilnehmer. Wir sind aber optimistisch, dass das mehr werden, sobald das Programm besser bei den Sozialregionen verankert ist.

Was ist das Ziel des Programmes?

Die Teilnehmer erarbeiten sich neue persönliche Perspektiven und leisten einen aktiven Beitrag zur sozialen Reintegration. Ziel ist, dass die Sozialhilfebezüger Wochen-Struktur kriegen, neue Kontakte pflegen und Wertschätzung für ihren Einsatz erhalten. Sie sollen zufrieden sein, wenn sie abends nach Hause gehen. Auch die gemeinnützigen Institutionen sollen vom Programm profitieren.

Wie das?

Die beiden Herren, die mit Herr Ducres jassen, erleben so viel mehr, als wenn sie alleine herumsitzen würden.

Profitiert das Heim so nicht von einer günstigen Arbeitskraft?

Um das zu verhindern, führen wir regelmässige Gespräche mit den Teilnehmern. Wir überprüfen, wie grosszügig das Heim mit dem Teilnehmer ist – wie er im Team eingebunden ist. Ob er beispielsweise gratis Getränke konsumieren oder an Mahlzeiten teilnehmen darf.

Wir fragen die Teilnehmer auch regelmässig, ob ihnen die Arbeit Freude macht. Zudem dürfen Teilnehmer höchstens acht Stunden die Woche im Einsatz sein, damit wir dem ersten Arbeitsmarkt eben keine Konkurrenz
machen.

Interview: Noëlle Karpf

«Wie eine Familie»

Für ihn sei klar gewesen, dass er im Rahmen des ehrenamtlichen Einsatzes in einem Heim arbeiten wolle, erzählt Ducres. «Ich bin ja schliesslich auch froh, wenn sich jemand um mich kümmert, wenn ich mal alt bin.» Er wisse schon jetzt, dass er dann auch in diesem Heim leben wolle. Er lacht, Fältchen graben sich in sein kerbiges, braungebranntes Gesicht. «Das Heim ist wie eine Familie für mich.» Hier wolle er auf jeden Fall weiterhin arbeiten. Mit seinen «Jasskumpanen» wolle er schliesslich noch an einen Fussballmatch des FC Dornach.
Am Jasstisch erklärt Ducres den Heimbewohnern, dass im März die Fussball-Saison weitergeht. «Die von Solothurn, die wollen aufsteigen», der Heimbewohner neben Ducres schüttelt den Kopf. Dabei seien die Mannschaften aus Kriens und Yverdon doch die Favoriten. Ducres teilt die Karten aus, der Bewohner ihm gegenüber lacht schallend auf. «Warum lachst du, hast du etwa wieder alle Trümpfe?!», empört sich Ducres und neigt sich vor zu den Karten seines Gegners.

«Er bringt Freude ins Haus»

«Wir haben den Plausch hier», erzählt Ducres, während die Heimbewohner im Esszimmer Zvieri essen. Holztische, weiss-rot karierte Sitzkissen auf den Stühlen, in deren Lehnen eine Herzform ausgeschnitten ist, ein grüner Kachelofen in einer Ecke. Ducres sammelt dreckiges Geschirr von den Tischen ein und legt es auf einen Wagen, den er Richtung Küche schiebt. Unterwegs erblickt ihn eine Bewohnerin, die in einem Sessel ein Magazin gelesen hat. Sie springt auf, Ducres lächelt und schüttelt ihr die Hand. Er gebe der Zeitung ein Interview, weil er hier arbeite, erklärt er der Bewohnerin. Sie nickt eifrig. «Ja, klar, das macht er – er bringt Freude in das Haus», erklärt sie. «Auflockerung in den Heimalltag.» –
«Dangge», sagt Ducres, nickt ihr zu und lächelt.

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