Berufungsprozess
Genugtuung statt Freispruch: Obergericht bestätigt Urteil gegen Sozialpädagogen

Ein Sozialpädagoge muss wegen sexueller Übergriffe eine Genugtuung zahlen. Laut Gericht hat er die Zuneigung seines Opfers ausgenutzt.

Hans Peter Schläfli
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Obergericht Amthaus 1 Solothurn.

Obergericht Amthaus 1 Solothurn.

Hanspeter Bärtschi

Ausser Spesen nichts gewesen. So sieht die Bilanz nach dem Urteil des Obergerichtes für den wegen mehrfacher Ausnützung einer Notlage sowie mehrfacher sexueller Handlungen mit Anstaltspfleglingen verurteilten, heute 70-jährigen Sozialpädagogen nach seiner Berufung aus. Weder der Beschuldigte noch dessen Anwalt hatten ein nachvollziehbares Argument präsentiert, das die Neuauflage des Prozesses und den geforderten Freispruch gerechtfertigt hätte.

Das Urteil der Vorinstanz wurde entsprechend durch das Obergericht in allen Punkten bestätigt. Es bleibt bei der Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von 24 Monaten, die auf Bewährung ausgesetzt wird. Auch das zehnjährige Berufsverbot bleibt bestehen.

Opfer machte «glaubhafte» Aussagen

Die Genugtuung, die der missbrauchten jungen Frau zugesprochen wird, erhöhte das Obergericht auf 8000 Franken, das Richteramt Solothurn-Lebern hatte noch die Summe von 5000 Franken verfügt. Zusammen mit den zusätzlichen Gerichts- und Anwaltskosten wird deshalb diese Berufung für den pensionierten Sozialpädagogen sehr teuer. «Die Aussagen des Opfers sind glaubhaft», sagte Oberrichter Rolf von Felten in der Urteilsbegründung.

«Sie überzeugen durch zahlreiche Realkennzeichen. So sagte sie zum Beispiel aus, sie habe sich bei den ersten Umarmungen nichts gedacht und auch das erste Mal, als er sich zu ihr ins Bett gelegt hatte, legte, sei für sie noch in Ordnung gewesen.» Sie habe ihren ehemaligen Betreuer gern, es sei ihr peinlich und sie wünsche, dass es auch ihm gut gehe. Entsprechend habe sie die Anschuldigungen auch nicht ausgeschmückt, sondern den Angeschuldigten sogar in Schutz genommen.

Sie habe sich einfach nicht getraut, Nein zu sagen. Er habe sie nie bedroht oder Gewalt angewendet. «Zum Vorfall in der Kirche hat sie glaubwürdig geschildert, wie peinlich ihr das gewesen sei, den Beschuldigten auf der Empore zu befriedigen, während unten andere Leute waren.»

Täter nutzte «Schwäche» des Opfers aus

Dagegen seien viele Aussagen des Beschuldigten leicht als Schutzbehauptungen zu erkennen gewesen. «Er konnte die stark sexualisierten Inhalte seiner vielen SMS-Nachrichten nicht erklären. Diese Textnachrichten stützen die Aussagen des Opfers eindrücklich und sie widerlegen die Aussage des Betreuers, es habe kein Distanzproblem existiert», sagte der Richter.

«Die Privatklägerin war auf ihn angewiesen. Sie brauchte seine Unterstützung und er war ihre wichtigste Bezugsperson. Er war für sie eine Vaterfigur.» Besonders gravierend sei, dass der Sozialpädagoge wusste, dass das Opfer bereits früher sexuell missbraucht wurde.

«Er hat sich die kognitiven Schwächen seines Opfers, wegen denen es in einer geschützten Institution wohnt, schamlos zu nutzen gemacht. Sie war schlicht nicht in der Lage, sich gegen seine Zudringlichkeiten zu wehren.»

Insgesamt geht das Gericht von 30 sexuellen Übergriffen aus, die zweifelsfrei den angeklagten Tatbestand erfüllten. Für die Erhöhung der Genugtuung auf 8000 Franken waren für das Obergericht zwei Punkte: Die Privatklägerin sei in sexuellen Bereichen unerfahren gewesen, vergleichbar mit einer Person, die sich noch im Schutzalter befindet, und sie leide bis jetzt stark unter der Tat.

Die Verhandlung vor dem Obergericht zeigte auch, dass der Bereich des betreuten Wohnens ein sensibler Bereich ist und Institutionen hinschauen müssen, wenn sich ein inniges Verhältnis zwischen Betreuern und Bewohnenden entwickelt.

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