Wanderwege
Bereits der Fahrtwind eines Autos reicht aus, um Amphibien innere Verletzungen zuzufügen

Sobald es wärmer wird, wollen die Amphibien in Massen zum Laichen an ihr Ursprungsgewässer zurück. Die Wanderungen sind von vielen Hindernissen gesäumt – und lebensgefährlich.

Severin Bommer
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Für wandernde Amphibien ist der Strassenverkehr in der Laichzeit eine grosse Gefahr.

Für wandernde Amphibien ist der Strassenverkehr in der Laichzeit eine grosse Gefahr.

Weil sich der Winter noch einmal mit Eiseskälte zurückgemeldet hat, warten nicht nur die Menschen sehnsüchtig darauf, dass der Frühling endlich die Oberhand gewinnt. Auch zahllose Amphibien warten darauf, dass es endlich wärmer wird. Sobald die Temperaturen konstant über dem Gefrierpunkt – bei ungefähr fünf Grad Celsius – liegen und die Luft genug feucht ist, beginnt für die Amphibien meist nachts der Weg zurück an ihren Ursprungsort. Wie jedes Jahr lassen sich dann wieder Frösche, Molche und Unken beobachten, die sich auf der sogenannten Amphibienwanderung befinden und in ihre Ursprungsgewässer zurückkehren, um dort zu laichen.

Um dem Fortpflanzungsdrang nachzukommen, legen manche Tiere Strecken von mehreren Kilometern zurück, wobei viele von ihnen ihr Leben lassen. Bei der natürlichen Selektion, wie sie schon Darwin propagierte, bleibt es jedoch nicht. Die Vögel, Katzen und Marder tragen durch die Jagd auf die Frösche und Kröten zwar auch ihren Teil zur Dezimierung der Amphibien bei, beeinflussen jedoch nicht den Fortbestand der bejagten Arten. Das Gleichgewicht wird vor allem durch den Menschen verändert. Die Wanderrouten der Tiere kreuzen nämlich Strassen, welche während der Wanderzeit zu Todeszonen werden.

Wenn Zugroute und Strassen sich kreuzen, wirds gefährlich

Im Kanton Solothurn gibt es laut der «Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz Schweiz» 70 sogenannte Zugstellen, an denen die Wanderrouten der Amphibien die Verkehrswege der Menschen kreuzen. Die Frösche, Kröten, Unken und Molche passieren in Zügen die Strassen und werden nicht selten vom hellen Scheinwerferlicht geblendet, weshalb sie länger als nötig in der Gefahrenzone verharren. Deshalb, und weil die Amphibien sehr langsam wandern, stellt das Überqueren der Strasse ein grosses Risiko dar. Kröten brauchen um von einer zur anderen Seite einer zweispurigen Strasse zu kommen, oft zehn Minuten und mehr. Zudem mögen die wechselwarmen Tiere den vergleichsweise warmen Asphalt und ruhen sich deshalb gerne auf den Strassen aus. Die Folgen sind bekannt: Hunderte von Tieren werden von Autos und Lastwagen überrollt und sterben.

Ausrücken zur Froschrettungsaktion im März 2017 in Lommiswil
14 Bilder
Die Frösche werden gezählt, das Geschlecht bestimmt, schriftlich erfasst und über die Strasse getragen.
Die Frösche werden gezählt, das Geschlecht bestimmt, schriftlich erfasst und über die Strasse getragen.
Ein Grasfrosch
Während der Wandersaison werden die Frösche zweimal täglich von Freiwilligen eingesammelt.
An diese Tag waren aussergewöhnlich viele Tiere in den Eimern
Die Frösche werden gezählt, das Geschlecht bestimmt, schriftlich erfasst und über die Strasse getragen.
Amphibienwanderung Lommiswil 2017
Die Frösche werden gezählt, das Geschlecht bestimmt, schriftlich erfasst und über die Strasse getragen.
Die Frösche werden gezählt, das Geschlecht bestimmt, schriftlich erfasst und über die Strasse getragen.
Die Frösche werden gezählt, das Geschlecht bestimmt, schriftlich erfasst und über die Strasse getragen.
Genaue Buchführung ist hier ebgenfalls gefragt
Die gesammelten Tiere werden an einem sicheren Platz wieder ausgesetzt.
Die Bilanz der Aktion: 356 gerettete Frösche

Ausrücken zur Froschrettungsaktion im März 2017 in Lommiswil

Hansjörg Sahli

Gemäss der Umweltorganisation «Pro Natura» reicht bereits der Fahrtwind eines schnell fahrenden Autos aus, um den Amphibien innere Verletzungen zuzufügen, an welchen sie sterben können. Es wird deshalb empfohlen, während der Wanderzeit in der Nähe von Gewässern nicht schneller als 30 km/h zu fahren.

Einen weitereren Risikofaktor für die Amphibien stellen Dolen dar. Durch die Rillen in den Deckeln fallen die Amphibien in die Schächte und verenden dort, da sie nicht mehr hinausklettern können.

Schutzzäune und Amphibien-Unterführungen

Im Kanton Solothurn wurde gemäss der «Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz Schweiz» bereits an 26 stark frequentierten Zugstellen reagiert. Teilweise werden jeweils Plastikzäune aufgestellt, hinter welchen sich die Grasfrösche, Erdkröten und Molche ansammeln und von Helfern über die Strasse getragen werden. Andernorts wurden für die Amphibien Tunnel in den Strassenbelag eingelassen, durch welche sie mittels Leitsystemen auf die andere Strassenseite gelangen können.

Ziel erreicht: Ein Grasfrosch hat die grosse Wanderung heil hinter sich gebracht.   

Ziel erreicht: Ein Grasfrosch hat die grosse Wanderung heil hinter sich gebracht.   

Franz Schweizer

An manchen Zugstellen, wo besonders viele Amphibien die Strasse überqueren, werden temporär Strassensperren errichtet, die jeweils in der Nacht geschlossen bleiben. Im Kanton Solothurn gibt es gemäss der «Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz Schweiz» inzwischen elf Unterführungen für Amphibien. An weiteren 19 Zugstellen werden jeweils temporäre Massnahmen ergriffen.

Die Bemühungen scheinen zu fruchten. Letztes Jahr wurden von Helfern im ganzen Kanton Solothurn 1525 Erdkröten, 1196 Grasfrösche und 414 Molche über die Strasse getragen. Wie viele Amphibien von den permanenten Massnahmen profitierten, lässt sich nicht abschätzen.