Der Auftritt an einer oder gleich mehreren Bundesfeiern gehört zum Pflichtprogramm der Regierungsräte. Dieses Jahr hielten Landammann Roland Heim, Remo Ankli, Roland Fürst, Susanne Schaffner und Brigit Wyss die Festansprache in elf Gemeinden. Den Reden gemein war ein Appell an «ihr» Volk, Mitverantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen.

Das Schweizer Kreuz hat kein Parteibuch

Landammann Roland Heim trat in Härkingen und in Beinwil auf. Sein Thema war die Einheit in der Vielfalt. Es erfülle ihn mit Besorgnis, dass die Schweizer Fahne, Symbol dieser Einheit in der Vielfalt, plötzlich von Parteien für sich alleine reklamiert werde. Trotz gleicher Flagge sei für die Schweizer klar, dass jeder Kanton, jede Region und Gemeinde verschieden ist und dass sie in der Einheit der Eidgenossenschaft ihre Verschiedenartigkeit auch leben können. Darum Heims Aufruf an die Parteien: «Lasst die Schweizer Fahne politisch neutral sein, sie gehört der Schweiz und ihren Einwohnern, aber sicher nicht einer Partei.» Der Landammann erinnerte in seinen Gedanken zum «Geburtstag» des Landes an die sogar in der Verfassung verankerte Verantwortung jedes einzelnen für sich selber, aber auch für das Gemeinwesen.

Heim forderte zum Engagement in Vereinen oder in der Politik auf. «Hätte die Schweiz als Geburtstagskind einen Wunsch frei, würde sie sich euer gesellschaftliches Engagement wünschen», rief er seinen Zuhörern zu. «Erfüllen wir ihr doch diesen Wunsch.» Verantwortung zu übernehmen sei nicht nur Last, sondern auch Chance, so der Landammann. Verantwortung beinhalte die Freiheit, sich für oder gegen etwas zu entscheiden. Und verantwortlich sei man nicht nur für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht macht. Darum Heims Aufruf: «Benutzt Eure politischen Rechte und Pflichten.»

Der 1. August als Anlass zur Dankbarkeit

Vom Schwarzbubenland ins Gäu zog es Bildungsdirektor Remo Ankli, der in Gunzgen und Niederbuchsiten als Festredner auftrat. Er sinnierte über die Eigenschaft des Menschen, sich intensiver mit negativen Meldungen und Erfahrungen zu beschäftigen als mit positiven. Das sei schade, denn so kämen positive Entwicklungen nicht angemessen zur Geltung und es komme so der Eindruck auf, dass früher alles besser war. «Das ist nicht richtig», so Ankli. «Andernfalls wäre es für die Jungbürger dieses Jahres, die den symbolisch eindrücklichen Jahrgang 2000 haben, eine ziemlich traurige Sache.» Statt Traurigkeit ist für Ankli vielmehr Dankbarkeit die passende Haltung zum 1. August.

Remo Ankli, Bildungsdirektor

Remo Ankli, Bildungsdirektor

Unter allen Ländern sei die Schweiz eines der reichsten, innovativsten und wettbewerbsfähigsten. Die Bundesfeier biete Anlass, sich dankbar an diese Tatsache zu erinnern. Und er rief mit einem Zitat von Oscar Wilde dazu auf, einerseits optimistisch in die Zukunft zu blicken und sich anderseits aktiv an der Gestaltung dieser Zukunft zu beteiligen: «Am Ende wird alles gut – und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende.» Ankli möchte diese Worte als Aufmunterung verstanden wissen, sich als mündige Bürger immer wieder an der Suche nach Antworten auf sich neu stellende Fragen zu beteiligen. Dazu brauche es das aufrichtige, ernsthafte und respektvolle Gespräch untereinander.

Es ist höchste Zeit, Alarm zu schlagen

Das Engagement für das Gemeinwesen war auch ein zentrales Thema in der Ansprache von Gesundheits- und Sozialdirektorin Susanne Schaffner in Walterswil. Gerade auf Gemeindeebene sei dieses Engagement überlebenswichtig für eine lebendige Demokratie. Wer sich in einem Gemeinderat, einer Kommission oder einem Dorfverein für das Allgemeinwohl engagiert, der habe Anerkennung verdient. Für Susanne Schaffner bietet der 1. August Gelegenheit, dieses gemeinsame Engagement für das Wohl der Gemeinschaft zu würdigen – gerade in Walterswil und dem benachbarten aargauischen Safenwil, die zusammen feierten und viele grenzüberschreitende Kooperationen pflegen.

Beim zweiten Auftritt am Abend in ihrer Heimatstadt Olten ging es nicht um Kantons- oder Gemeindegrenzen, sondern vielmehr um politische rote Linien. Solche seien für sie überschritten, wenn Grundprinzipien des rechtsstaatlichen Zusammenlebens zur Diskussion gestellt würden. Während man Roland Heims Kritik an der parteipolitischen Vereinnahmung der Landesflagge noch als dezenten Wink mit dem Zaunpfahl verstehen konnte, griff Susanne Schaffner die SVP ganz direkt an: Wenn völkerrechtlich vereinbarte Mindeststandards für eine friedliche, sichere und rechtsstaatliche Gesellschaft durch die sogenannte Selbstbestimmungsinitiative infrage gestellt würden, sei es höchste Zeit, Alarm zu schlagen. «Ich hoffe, dass wir uns da über Parteigrenzen einig sind und gemeinsam kämpfen werden», appellierte sie an das Publikum auf dem Oltner Klosterplatz.

Heimat ist, wo man sich wohl fühlt

Ohne politische Kampfansage gestaltete Baudirektor Roland Fürst seine Bundesfeier-Auftritte in Lostorf und Schönenwerd. Was auch bei ihm nicht fehlen durfte, war der Appell ganz besonders an die Jungbürger, sich aktiv am politischen und gesellschaftlichen Leben zu beteiligen: «Nutzt das Recht, dass Ihr wählen und abstimmen könnt und noch besser: Stellt Euch für ein Amt oder eine Funktion zur Verfügung. Wir brauchen Euch.» Weiter liess Fürst seine Gedanken zum Nationalfeiertage vor allem um den Heimatbegriff kreisen. Während für die einen Heimat die Gemeinschaft bedeute, sei für die anderen das Gegenteil zentral: die Unabhängigkeit.

Roland Fürst, Baudirektor

Roland Fürst, Baudirektor

Jeder und jede definiere den Begriff Heimat letztlich anders, aber für ihn sei Heimat auch dort, wo man sich wohl fühlt, so Fürst. Und das brachte ihn auf ähnliche Gedanken wie Regierungskollege Ankli: Dass man sich in der Schweizer Heimat wohlfühlen kann und es den Schweizern gut geht und man am Nationalfeiertag auch mal Dankbarkeit dafür zeigen darf. Bei den jüngsten Problemen mit der Trinkwasserverunreinigung im Niederamt sei ihm durch den Kopf gegangen, dass man das, was üblicherweise immer funktioniert, nicht einfach als gegeben betrachten, sondern stets optimieren und auch schätzen sollte.

Der Kitt muss alle Fugen ausfüllen

Die fleissigste Festrednerin war dieses Jahr Volkswirtschaftsdirektorin Brigit Wyss, die an drei Bundesfeiern in Kienberg, Neuendorf und auf dem Bleichenberg auftrat. Und sie machte sich dafür auch die Mühe, drei verschiedene Reden aufzusetzen. Im ausgesprochen ländlichen Kienberg – wo der Begriff Nachbarschaftshilfe vermutlich noch ein gelebtes Wort sei – stand für sie wie bei anderen Festrednern das freiwillige Engagement für die Gesellschaft im Zentrum. Statistiken, wonach sich der Geldwert der in der Schweiz geleisteten Freiwilligenarbeit auf 400 Milliarden jährlich beläuft, liessen sie ratlos zurück.

Wyss bezeichnete es als «nicht zielführend», jeder menschlichen Handlung einen Geldwert beizumessen. Freiwillige, unbezahlte Arbeit sei der Kitt der Gesellschaft. Wichtig sei, dass dieser Kitt alle Fugen ausfüllt und gleichmässig verteilt ist. Nur so verliere man den Wert der Gemeinschaft nicht aus den Augen. Dass eine funktionierende Gesellschaft auf das persönliche Engagement von allen angewiesen sei und auf die Bereitschaft, Verantwortung für das Ganze zu übernehmen, darum ging es Wyss auch in Neuendorf. Hier stellte sie die Nachhaltigkeit ins Zentrum – «ein Begriff den manche nicht mehr hören können und manche etwas ernster nehmen sollten». Anlass gab ihr die Zukunftskonferenz Neuendorf 2040, in der Visionen für eine hohe Lebensqualität im Dorf mit einem begrenzten Wachstum erarbeitet wurden. Auf dem Bleichenberg schliesslich, an der Bundesfeier von Biberist, Derendingen und Zuchwil, knüpfte Wyss am gescheiterten Fusionsprojekt der drei Gemeinden mit Solothurn und Luterbach an.

Brigit Wyss, Volkswirtschaftsdirektorin

Brigit Wyss, Volkswirtschaftsdirektorin

Wyss hatte das Projekt als Gemeinderätin von Solothurn miterlebt und ist überzeugt, dass es – wenn auch letztlich gescheitert – Mehrwert geschaffen hat: Weil man die Ideen, Ängste und Zukunftsvisionen aus den anderen Gemeinden eins zu eins mitbekommen habe und das Verständnis füreinander in dieser Zeit gewachsen sei. Dass trotz allen Differenzen in der Fusionsfrage die Wichtigkeit regionaler Zusammenarbeit nie infrage gestellt worden sei, sei ein Leistungsausweis, der Mut macht. Und der beispielhaft für die Gedanken zum 1. August ist: Das föderalistische System Schweiz funktioniert nicht ohne Solidarität – zwischen ländlichen und urbanen Gebieten, zwischen wirtschaftlich starken und schwächeren Regionen, zwischen den Sprachregionen.