Carrosserie Hess AG
Bellacher Busse wieder gefragt - Auslagerung ins Ausland ist «unabdingbar»

Der Busbauer hat trotz Frankenstärke volle Auftragsbücher. Er plant aber, einen Teil der neu generierten Wertschöpfung wegen des Kostendruckes ins Ausland auszulagern – auch, um Standort Bellach halten zu können.

Franz Schaible
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Patron Alex Naef ist zufrieden mit der Auslastung der Busproduktion im Werk Bellach der Hess AG.

Patron Alex Naef ist zufrieden mit der Auslastung der Busproduktion im Werk Bellach der Hess AG.

Hans Ulrich Muelchi

«Nach zwei mageren Jahren erwarten wir ab Mitte 2015 drei bis vier starke Jahre.» Dies erklärte Alex Naef, Chef der Carrosserie Hess AG in Bellach, im Frühling 2014 gegenüber dieser Zeitung. Damals kämpfte Hess um Aufträge. In der Busproduktion wurden rund 30 Stellen gestrichen und teilweise Kurzarbeit eingeführt. Heute zeigt sich, dass er mit seiner Prognose voll ins Schwarze getroffen hat, wie Naef im Gespräch erläutert.

«Wir verzeichnen im ersten Halbjahr 2015 einen sehr guten Auftragseingang.» Nach einer Flaute würde die öffentliche Hand im In- und Ausland ihren Fahrzeugpark erweitern oder erneuern, es gebe viele Ausschreibungen. Es handle sich vorab um Trolleybusse, Buszüge (Diesel- oder Trolleyfahrzeuge plus Anhänger) sowie um Doppelgelenk-Trolleybusse mit Batteriehilfsantrieb. Diese verfügen nicht über einen Dieselmotor als Notaggregat, sondern eben über eine Lithium-Ionen-Batterie. Von Letzteren hat Hess 2014 bereits neun Stück an die Verkehrsbetriebe Luzern ausgeliefert. «Jetzt haben die Luzerner die Option auf weitere 17 Einheiten eingelöst.» Bei den Buszügen sei man bei der Postauto AG zum Zug gekommen und vorab aus Deutschland seien viele Bestellungen für diese Modelle eingegangen.

«Es folgen sehr gute Jahre»

Die Busproduktion in Bellach sei derzeit voll ausgelastet. Und der Auftragsbestand für die Jahre 2016 und 2017 sei hoch. «Auslastungsmässig werden es sehr gute Jahre werden», so Naef. Ebenfalls wichtig seien die beiden anderen in Bellach angesiedelten Sparten, welche mithelfen, das stark zyklische Busgeschäft auszugleichen. Der Reparatur- und Revisionsbereich sei seit Jahren ein wichtiger Pfeiler, um einerseits Berufsleute auszubilden und in schwierigen Buszeiten dort tätige Mitarbeitende mit Revisionen beschäftigen zu können. Während der Umsatz mit Personenwagen- und Elektriker-Reparaturen gut unterwegs ist, sei bei den Grosswagen-Reparaturen noch ein Rückstand vorhanden. Und der Nutzfahrzeugbau habe sich dank Aufträgen aus der privaten Transportbranche und der Schweizer Armee stark entwickelt.

«Ein gewaltiger Kostendruck»

Trotzdem wird der Auftragsboom beschäftigungsmässig in Bellach nicht voll durchschlagen. Rein volumenmässig müssten die Kapazitäten im Busbau stärker aufgestockt werden. «Wir schaffen in der Busfertigung aber ‹nur› etwa 8 neue Arbeitsplätze», erläutert Naef. Denn der noch einzige Busbauer der Schweiz ist «einem gewaltigen Kostendruck ausgesetzt, verschärft durch die Aufhebung der Wechselkursuntergrenze durch die Schweizerische Nationalbank». Dadurch wurden nicht nur die Hess-Busse im Ausland (der Exportanteil liegt bei 30 Prozent) auf einen Schlag um 15 Prozent teurer, sondern die ausländischen Konkurrenzfahrzeuge in der Schweiz im gleichen Umfang günstiger. «Unsere Hauptaufgabe ist es nun, die Kosten im Griff zu behalten, damit unter dem Strich noch etwas übrig bleibt», sagt Naef.

Auslagerung ist «unabdingbar»

Mehrere Operationsfelder hat das Hess-Management ausgemacht. Naef spricht von «einer teilweisen Wertschöpfungsverlagerung ins Ausland». Künftig werde man vermehrt Komponenten im Ausland einkaufen. Ferner gelte es, die Effizienz der Konstruktion und der Abläufe weiter zu verbessern, und es sei angedacht, die Produktion in Bellach auf hochkomplexe Produkte zu fokussieren. Andere, wie beispielsweise die Anhänger, könnten im Ausland gefestigt werden. Eine Möglichkeit wäre in Portugal, wo Hess bereits seit Anfang der 90er-Jahre die Flughafenbusse in Lizenz bauen lässt. Rückblickend betrachtet hätte man diesen Schritt wohl schon früher machen sollen, jetzt sei er aber unabdingbar. Diese Massnahmen würden Hess auch erlauben, preislich konkurrenzfähiger aufzutreten und neue Märkte zu erschliessen. Zudem habe man mit der Betriebskommission und der Gewerkschaft Unia vereinbart, die Arbeitszeit in Bellach bei gleichem Lohn von 41 auf 43,5 Wochenstunden zu erhöhen. Die vorerst bis Ende Jahr befristete Massnahmen soll mithelfen, die negativen Auswirkungen des SNB-Entscheides zu dämpfen. Zudem fordert Naef eine Anpassung des öffentlichen Beschaffungsrechtes an die Realität.

Unternehmer Alex Naef kämpft für gleich lange Spiesse

Die Busbauerin Hess AG in Bellach kämpft auch an politischer Front für bessere Rahmenbedingungen. Firmenchef Alex Naef ist das geltende öffentliche Beschaffungsrecht ein Dorn im Auge. Im Rahmen der laufenden Revision der Verordnung zum Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen hat er klar Stellung bezogen. «Die aktuelle Regelung fördert das Lohn-Dumping und benachteiligt den Werkplatz Schweiz.» Während inländische Anbieter die strengen schweizerischen Arbeitsschutzbestimmungen und Arbeitsbedingungen beachten müssten, hätten sich ausländische Anbieter lediglich an die Kernabkommen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zu halten, kritisiert er. Diese Mindeststandards bewegten sich aber auf sehr tiefem Niveau wie beispielsweise keine Kinderarbeit. Dabei seien bei vielen Gütern die Löhne das entscheidende Kostenelement. «Wir als Unternehmen stehen zur Sozialpartnerschaft und den ausgehandelten allgemein verbindlichen Gesamtarbeitsverträgen.» Obwohl deren Einhaltung bei Ausschreibungen verlangt wird, müssten sich Leistungserbringer im Ausland nicht daran halten. Gerade bei starken und raschen Währungsschwankungen, welche die effektive Kaufkraft nicht mehr reflektierten, sei die aktuelle Verordnung «untauglich». Es gelte, dass künftig in- und ausländische Anbieter bei der Leistungserbringung sowohl im In- und Ausland den Nachweis der hiesigen Bestimmungen zu erbringen haben. «Dieser Nachweis hat insbesondere auch die Einhaltung von GAV-Mindestlöhnen oder entsprechenden Kompensationszahlungen, beispielsweise in die Arbeitslosenversicherung, AHV oder IV zu umfassen», so Naef. (fs)

Starker Umsatzeinbruch

«Letztlich geht es darum, mit diesen Massnahmen den Produktionsstandort im jetzigen Umfang in Bellach erhalten zu können», sagt Naef, der das Familienunternehmen in fünfter Generation führt. Er ist überzeugt, dass dies gelingen wird. Ein Stellenabbau sei wie erwähnt nicht geplant, sondern ein Aufbau, wenn auch in moderatem Ausmass. Am Standort Bellach arbeiten derzeit 210 Angestellte, noch 2010 waren es 300 Beschäftigte. Wie stark das Busgeschäft seit damals gelitten hat, zeigt auch die Umsatzentwicklung. Denn im gleichen Zeitraum sei der Bus-Umsatz um rund 60 Prozent gesunken, so Naef. «Für die Jahre 2016 und 2017 sind erfreulicherweise wieder deutlich höhere Umsätze budgetiert.»

Insgesamt erwirtschaftete die Hess-Gruppe mit etwa 400 Angestellten 2014 einen Umsatz von rund 90 Mio. Franken. Dazu gehören die FBT Fahrzeug- und Maschinenbau AG in Thörigen, die Carrosserien Tüscher AG in Dällikon, die Muster + Müller AG in Oberbuchsiten und die Lauber SA in Prangins sowie die Glas Gressly AG in Bellach.

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