Die Solothurner Kantonstierärztin Doris Bürgi Tschan spricht von einer «aussergewöhnlichen Situation», wenn sie an den Mittwoch denkt. Viehhändler wollten Rinder zum Schlachten anliefern und standen quasi vor verschlossener Tür. Statt Rinder befanden sich im Schlachthof 134 Aktivisten der Organisation 269 Libération Animale und kämpften für Gerechtigkeit für die Tiere.

Es komme schon vor, dass die Kühe wieder dorthin zurück müssten, woher sie stammen, so Bürgi Tschan. Zum Beispiel wenn ein Bauer die falsche Kuh auflädt und diese dann wieder lebendig vom Schlachthof gebracht werden muss. Dann schaut sich der Veterinärdienst das Tier betreffend Infektionsgefahr an und erteilt eine ausserordentliche Bewilligung für die Rückführung. Grund dafür ist die Gefahr, Krankheiten zu verbreiten.

Am Mittwoch war der Seuchenaspekt kein Thema. Und wenn, dann wäre es schlichtweg nicht machbar gewesen, jede Kuh abzuklären, so Bürgi Tschan, denn dafür brauche man viel Zeit. 

«Tiere haben genauso Gefühle wie wir Menschen!»

«Tiere haben genauso Gefühle wie wir Menschen!»

Rund 140 Tierschützer belagerten heute die Bell-Produktionsstätte in Oensingen. Die Aktivisten aus der Schweiz, Italien und Belgien wollten damit die «Todesmaschinerie» stoppen und den Tieren, die hätten geschlachtet werden sollen, einige Stunden mehr Lebenszeit verschaffen, sagt Tierschützerin Elisa Keller. (21.11.2018)

Für die Händler bedeute die Protestaktion Ärger. Viehhändler Gotthard Plüss war einer der  Lieferanten, die am Mittwochmorgen Rinder zur Schlachtung bringen wollten. «Mindestens dreieinhalb Stunden bin ich für nichts umher gefahren», erzählte der Roggwiler im TeleM1. Die drei geladenen Tiere hätten dadurch Stress gehabt.

Plüss gehört zu den wenigen, die in Oensingen vor verschlossener Tür landeten. «Die Lieferanten und Viehhändler wurden am Mittwochmorgen früh informiert, dass in Oensingen nicht geschlachtet werden kann», teilt die Bell Food Group AG auf Anfrage mit. Der grösste Teil der Anlieferungen hätte so rechtzeitig gestoppt werden können. «Jene Lieferanten, die nicht gestoppt werden konnten, wurden an andere Schlachthöfe weitergeleitet», so Bell. Daran hatte die Organisation 269 Libération Animale wohl nicht gedacht, als sie am Mittwoch auf ihrer Facebook-Seite triumphierte: «Es gibt heute kein Opfer im Schlachthof Bell, was einem Sieg gegen diese Industrie entspricht.» 

Tierschützer blockieren Bell-Schlachthof

Tierschützer blockieren Bell-Schlachthof

Über 100 radikale Tierschützer besetzten heute das Firmengebäude des Fleischverarbeiters Bell in Oensingen und legten den Betrieb zum grossen Teil lahm.

Schonender Umgang

Der Roggwiler Viehhändler nervte sich neben seinem Aufwand auch über den Stress, den die Rinder durch den Transport unnötigerweise erlebten. Dabei sind dreieinhalb Stunden keine lange Zeit verglichen mit dem, was im gesetzlichen Rahmen liegt. Laut Gesetz darf ein Transport nämlich insgesamt acht Stunden dauern. Darin sind die reine Fahrzeit, aber auch Unterbrüche enthalten. Während eines Unterbruchs sollten die Tiere Zugang zu Wasser haben und je nach dem auch gefüttert werden. Nachdem die Tiere verladen wurden, darf die reine Fahrzeit höchstens sechs Stunden betragen.

Laut Tierschutzverordnung dürfen Schlachttiere «nur von fachkundigen oder ausreichend instruierten Personen» transportiert werden. Auf einen schonenden Umgang während des Transports, beim anschliessenden Abladen, Unterbringen und Betäuben im Schlachthof wird hingewiesen.

Artikel 152 zur Verantwortlichkeit der Fahrerinnen und Fahrer besagt:

Die Fahrerin oder der Fahrer muss:

  • sich vergewissern, dass die notwendigen Dokumente vorhanden sind;
  • nach dem Einladen den Transport schonend und ohne unnötige Verzögerungen durchführen;
  • die von den Tieren auf dem Transport erlittenen Verletzungen schriftlich festhalten;
  • der Empfängerin oder dem Empfänger die Ankunft der Tiere umgehend melden;
  • bei der Übergabe von Klauentieren sowie von Tieren, die zur Schlachtung transportiert werden, die Fahrzeit und die Dauer des Transports schriftlich festhalten.

Veterinärdienst überprüft

Wie viel Platz die Tiere benötigen ist genau vorgeschrieben. Für ein 250-300 Kilogramm schweres Rind muss 1 Quadratmeter eingerechnet werden. Zudem muss das Abteil 35 Zentimeter höher sein als die Widerristhöhe beträgt. Auf einem typischen Viehlaster haben bis zu 25 Rinder Platz. Meistens werden sie auf verschiedenen Höfen aufgeladen – oder sie kommen von Schlachtviehmarkt. 

Der Schlachtbetrieb Oensingen wird vom Solothurner Veterinärdienst überprüft. «Die Schlachtungen werden vollständig kontrolliert, der ganze Betrieb mindestens einmal im Jahr», erklärt Kantonstierärztin Doris Bürgi Tschan. «Drei bis vier unserer Tierärzte sind dauernd vor Ort. Dazu kommen noch 15 Fachassistenten.» Jedes Tier werde lebendig und auch geschlachtet begutachtet. Hier werde entschieden, ob das Tier gesund und für den Verzehr geeignet sei. Tiere mit Abszessen oder anderen schweren Infektionen kommen nicht in die Verarbeitung. Weist das Tier eine Verletzung auf, besteht laut Bürgi Tschan keine Gefahr bezüglich Lebensmittelsicherheit. Wie viele Rinder täglich in Oensingen geschlachtet werden, gibt das Unternehmen «aus Konkurrenzgründen» nicht bekannt.

Bei der Anlieferung können sich die Tierärzte vor Ort auch gleich den Laster anschauen. «Wenn zu viele Tiere geladen sind, gibt es eine Beanstandung», so die Kantonstierärztin. Ebenfalls mangelhaft ist, wenn sich zu wenige Tiere auf zu vielem Raum im Laster befinden. Dann könnten die Tiere nämlich in den Kurven herumgeschleudert werden.

An gewissen Tagen werden die Fahrzeuge auch genauer vermessen; oder der Veterinärdienst kontrolliert die Tiertransporte zusammen mit der Kantonspolizei auf der Autobahn A1. Dann gibt es auch mal eine Anzeige, weil etwa am Laster kein Schild mit der für die Tiere verfügbaren Ladefläche in Quadratmetern und der Aufschrift «Lebende Tiere» angebracht ist. Laut Gesetz muss dies auf Fahrzeugen, die zum gewerbsmässigen Transport von Nutztieren verwendet werden, stets der Fall sein.