Der Nebel hängt tief am Weissenstein. Oberdorf liegt im Grau, das ist öde, aber nun gut. Wer an diesem Morgen durch die halbhohen Fenster des alten Bahnhofs blickt, sieht ein Dutzend Männer, wie sie ihre Köpfe zusammenstrecken und in Unterlagen blättern. Der Tisch ist mit Akten übersät.

Im früheren Wartesaal hat die Führung der Seilbahn Weissenstein ihr Sitzungszimmer eingerichtet. Das provisorische Büro von Geschäftsführer Konrad Stuber liegt eine Tür weiter; der Wind bläst durch die Ritzen. Trübsal blasen mag Stuber deswegen nicht. Denn wenige Meter neben dem Bahnhof, im Untergeschoss der Talstation, wächst gerade sein neues Büro heran. Läuft alles nach Plan, wird er hier in vier Wochen einziehen können. Stuber selbst hat daran keine Zweifel.

Noch ragen Kabel aus Boden und Wänden. Doch schon jetzt führt der Chef stolz durch den Raum; schon jetzt erzeugt viel Holz ein Gefühl von Wärme. Stuber spricht mit sanfter Stimme, in deren Ruhe jedoch Bestimmtheit liegt. Und wie der 53-Jährige da steht, sieht er aus, wie sich viele vielleicht einen zupackenden Typen vorstellen: Schuhe mit Profil, abgewetzte Jeans, Funktionsjacke.

Freigabe am 19. Dezember?

Während der Blick des Besuchers zur kühn geschwungenen Dachlinie schweift, verspürt er plötzlich so etwas wie Vorfreude. Schaut er dann rüber an den Berg, schweben Gondeln zwischen den Masten. Der Probebetrieb läuft. Eine bezaubernde Szenerie.

Heile Welt am launigen Aussichtsberg? Denkste. Die Idylle findet gleich ein jähes Ende. Ein Zeitgenosse ohne Gespür für Musse – so ärgert sich der Besucher im ersten Moment – lässt eine Motorsäge kreischen. Doch halt – schiesst es ihm dann bald in den Kopf: Lass das Ding nur rattern, du tapferer Arbeiter! Schliesslich gibt es noch viel zu tun, und schon am 20. Dezember soll die Bahn ja bekanntlich in Betrieb gehen.

Der Zeitplan ist eng getaktet. Man denke nur an die Hürden, bis das entscheidende Papier aus Bern ins Haus flattert: Läuft alles nach Plan, wird es am 19. Dezember so weit sein. Ist das nicht knapp, einen Tag vor der Eröffnung? Stuber schüttelt den Kopf, wirft die Hände in die Luft und lächelt fein. «Es wird klappen.» Es muss klappen. Allein, dieser Mann ist es sich gewohnt, gegen Schwarzmalerei anzukämpfen. Diesen Umstand würde nach dem Sesseli-Gondeli-Hickhack wohl niemand bestreiten.

Der unerschütterliche Chef

An den drei Bahnstationen sind noch immer Bauarbeiter am Werk, derweil unterziehen Ingenieure die Bahn einer gründlichen Prüfung. Statt Menschen befinden sich heute noch 540 kg schwere Betonblöcke in den Gondeln, etliche Tonnen Last sind da unterwegs.

In der Mittelstation drückt einer auf den roten Knopf. Notbremsung. Halten die Seile? Und wie reagiert die Umlenkrolle? Stuber schaut immer wieder im Kontrollraum vorbei, verfolgt den Test mit Kopfnicken und fragt nach, ob denn alles glattlaufe. Sein vorläufiges Fazit: «Die Vorabnahme läuft wie gewünscht. Das zeigt, wie präzis beim Bau gearbeitet wurde.» Nur da und dort brauche es noch kleine Feinarbeiten oder Justierungen.

Die Bauarbeiten an den Stationen sind da vielleicht schon der grössere Brocken. Kahle Wände, Fensterrahmen ohne Scheiben, Kabelbündel? Ach, beruhigt Stuber den Besucher abermals, er solle sich deswegen keine Sorgen machen. «Die Arbeiter sind höchst motiviert, die schaffen das.» Er will sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Nicht von den Zweiflern, die nur nach Fehlern suchen. Nicht von den Enthusiasten, die lieber heute als morgen mit der Bahn auf den Berg wollen.

Der Dirigent, scheints, ist weniger nervös als das Publikum da unten in der Stadt, wo Berg und Bahn irgendwie immer im Gerede sind. Als ob der Weissenstein nicht nur so etwas Ähnliches wie Heimat stiftet, sondern dem Solothurner Lebensgefühl etwas Gutes tut.

Der Antrieb brummt schon

Für eine Pause hat Stuber, der seit anderthalb Jahren auf Ferien verzichtet, freilich keine Zeit. Er setzt sich mit dem Besucher ins Auto und düst die Passstrasse hinauf, mitten durch die Nebelsuppe. Hinter dem Steuer berichtet er von der ersten Testfahrt in einer der 49 Gondeln. Ein Moment, von dem Stuber seit sechs Jahren träumte. Und von dem er manchmal fürchtete, er würde nie kommen. «Klar», sagt er, «die Fahrt war ein schönes Gefühl. Richtig schön.»

Ankunft bei der Mittelstation auf dem Nesselboden. Männer in Latzhosen laufen über das Gelände, manche sind mit roter Farbe besprenkelt. Gleich will Stuber also das viel beschworene Herzstück der Bahn präsentieren.

Doch zuerst gönnt er sich ein wenig Schwärmerei. Die Architektur der Stationen hat es ihm angetan. «Ich fühle mich darin einfach wohl.» Da sei es auch egal, ob man diese nun mit einer Kathedrale oder mit einem Hangar vergleiche. Wie dem auch sei: Zweifellos stehen da keine spiessigen Zweckbauten.

Drinnen, im Erdgeschoss, riecht es nach Metall. Stuber öffnet die Türe zum Maschinenraum. Der Antrieb brummt, oben dreht sich die Umlenkrolle. Natürlich erinnert Konrad Stuber nun daran, dass seinerzeit zwei Antriebe, je einer pro Abschnitt, geplant gewesen seien. Damit hätten die beiden Bahnsektionen unabhängig voneinander betrieben werden können. Dann wurden die Pläne überarbeitet – um den Lärm zu reduzieren und die Bahn-Gegner zu besänftigen. «Seis drum», sagt Stuber. Die Bahn habe jetzt eben einen Antrieb. Bald werden seine Worte vom Rattern der Anlage erstickt.

Sehnsucht, keine Melancholie
Ja, mit den Gondeln ist die Zeit der Sessel ein für alle Mal abgelaufen. Die letzten Zweifel sind beseitigt, Bedenken zerstreut. Unweigerlich. Für die einen mag das schwer zu ertragen sein, doch beim Seilbahn-Chef ist die Sehnsucht unendlich viel grösser als die Nostalgie.

Was bringt der Endspurt? Stuber muss nicht lange nachdenken, den Zeitplan kennt er auswendig: Am 29. November folgt die «Katastrophe mit Ansage», eine grosse Rettungsübung. Anfang Dezember wird die Bahn vom Bundesamt für Verkehr an mehreren Tagen eingehend geprüft. Die alles entscheidende Abnahme. Am 19. Dezember soll die Betriebsfreigabe erfolgen. Gewerkelt, sagt Stuber, werde bis zum Schluss.

Für den Geschäftsführer, aber nicht nur für ihn, beginnt das letzte Kapitel eines aufreibenden Krimis. Kalt lassen wird es niemanden. Volkes Seele bangt mit, auch auf der Zielgeraden. Gibt es ein spektakuläres Finish? Die Gondeln jedenfalls schaukeln schon den Berg hoch. Und das ist derzeit das Wichtigste.