Karl Brander
Beim Namen Biogen hatte er sogleich ein Kribbeln im Bauch

Karl Brander ist ein Beamter der anderen Art. Der Leiter Standortpromotion bei der Solothurner Wirtschaftsförderung war massgeblich an der Ansiedlung von Biogen in Luterbach beteiligt.

Theodor Eckert
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Entspannter Karl Brander nach der Biogen-Vertragsunterzeichnung – jetzt kann er wieder ruhiger schlafen.

Entspannter Karl Brander nach der Biogen-Vertragsunterzeichnung – jetzt kann er wieder ruhiger schlafen.

Hanspeter Baertschi

Als die Biogen-Neuansiedlung medial spektakulär gefeiert wurde, sass er ganz diskret in der zweiten Reihe. Abseits von Kameras und Mikrofonen konnte sich Karl Brander seit Monaten erstmals etwas zurücklehnen und die Szenerie einfach nur beobachten. Er, der Mann, der das Geschehen seit dem 10. Dezember des vergangenen Jahres an vorderster Front geprägt hat.

Hinter den Kulissen wird gar herumgeboten, dass dieses ambitionierte Projekt ohne ihn nie und nimmer in Solothurn gelandet wäre. Wollen Sie dem widersprechen, Herr Standortförderer? Branders schelmischer Blick sagt alles, dann folgt ein bescheideneres: «Ganz falsch ist es nicht.»

Bereits nach wenigen Sätzen aus dem Mund des 51-Jährigen ist herauszuspüren, welche Rolle er im Deal mit dem US-Biotechunternehmen gespielt haben dürfte. Wir sitzen ganz offensichtlich einem strategisch funktionierenden Schnelldenker gegenüber. Offen bis offensiv, von Zaudern keine Spur. Als Gesprächspartner eine wahre Freude, im Berufsalltag dagegen dürfte er für sein Umfeld eine Herausforderung darstellen.

Selbstbewusst an Chance glauben

Die Bekanntgabe der Biogen-Vertragsunterzeichnung umschrieb die Volkswirtschaftschefin mit den saloppen Worten «wie ein Sechser im Lotto». Als würde der Handel einem reinen Glücksfall gleichkommen. Was der Sache selbstverständlich nicht gerecht wird. Tatsächlich ein Glücksfall war es dagegen, einen Beamten wie Karl Brander in den eigenen Reihen zu haben.

Das ist kein Geheimnis: Die Amis wollten das neue Werk ursprünglich in den USA bauen. Durch eine behördliche Verzögerung ging ein Zeitfenster auf, das die Sicht auf Europa und die Schweiz freimachte. Als Brander davon Wind bekam, mussten bei ihm, dem Molekularbiologen mit Praxiserfahrung im Bereich Bioreaktoren, alle Lichter aufgeleuchtet und sämtliche Alarmsirenen losgegangen sein. «Ich habe die Tragweite natürlich gleich erkannt und gesagt, da müssen wir Vollgas geben.» Dass in dieser Phase der eine oder andere gut solothurnische Zweifler alles für eine Nummer zu gross einstufte, konnte einen wie Brander nicht aufhalten. Im Gegenteil, es stachelte ihn an.

«Eigentlich plante ich damals gerade Weihnachtsferien mit meiner Familie, dieses Ding war nicht eingeplant.» Doch Karl Brander wusste intuitiv, dass der Kanton Solothurn sämtliche Bedingungen erfüllte, um die Amerikaner zumindest neugierig zu machen. «Ich wollte mit dem Standort Luterbach ganz einfach die Nummer 1 in der Schweiz sein.» So wurde innerhalb von lediglich zwei Wochen ein offenbar wasserdichtes Dossier «hingeklepft».

Man war im Rennen und im April hatte Solothurn die Nase vorn. Das hört sich im Nachhinein locker, flockig an. Brander jedoch hat eine knüppelharte Zeit hinter sich: «Ich habe während sechs Tagen in der Woche gearbeitet und in der Nacht darüber nachstudiert.» Meist sei er todmüde ins Bett gefallen und innerhalb einer Minute eingeschlafen. Dann allerdings morgens um drei Uhr aufgewacht, ohne die Gedanken an das Projekt wieder ausschalten zu können.

Das heisst fertig Privatleben? Die Freude zu Hause habe sich verständlicherweise in Grenzen gehalten, doch sie hätten das gemanagt. Und wie stand es mit der Erholung? Brander bezeichnet sich als unverbissenen Freizeitsportler: «Etwas Joggen, Velofahren, im Winter Skifahren, was in diesem Fall gänzlich ausfiel. Ich kann aber auch sehr gut überhaupt nichts tun. Einfach den Wolken zusehen, wie sie vorbeiziehen.»

Letzteres ist nur schwer zu glauben, wenn man dem Energiebündel gegenübersitzt. Immerhin gibt er preis, dass er in der intensiven Phase einmal untertags drei Stunden auf dem Velo herumgekurvt sei: «Ich musste durchlüften und auftanken.» Was nicht weiter verwunderlich ist, hat er doch anfangs restlos alle Fäden bei sich zusammenlaufen lassen. Selbst für Übersetzungsdienste war er sich nicht zu schade.

Vom Solist zum Teamworker

Die Solothurner Wirtschaftsförderung ist ein kleiner Laden. Das normale Tagesgeschäft mussten die andern Mitarbeiter, man kann sie an einer Hand abzählen, übernehmen und seine Chefin, Sarah Koch, habe ihm jederzeit den Rücken freigehalten. Selbstverständlich musste Brander den Fächer schrittweise öffnen. Nur Lob verteilt er dem Baudepartement.

Die Zusammenarbeit mit Guido Keune von Hochbauamt habe bestens geklappt. «Man kann sich gar nicht vorstellen, was ein derartiges Projekt bedeutet. Alles musste derart schnell gehen, es ist überaus komplex und zudem viel massiver, als es zu Beginn den Anschein machte.» In der Anfangsphase seien wesentlich kleinere Brötchen gebacken worden. Doch in Folge habe das Ganze immer grössere Dimensionen angenommen. «Biogen wird in Luterbach die modernste Biotechnologie-Anlage der Welt hinstellen. Wir dürfen stolz sein, dass miterleben zu dürfen.»

Das sei das Beste, was dort angesiedelt werden könne. «Die haben eine dreimal höhere Wertschöpfung als wir sie von der Uhrenindustrie her kennen.» Zudem betrachtet er Biogen als Impulsgeber für die ganze Region. «Apropos Attisholz, ich könnte mir im Turm auf der Nordseite durchaus ein gediegenes Loft, erreichbar über eine Aussentreppe, vorstellen, und im unteren Bereich würde sich ein Restaurant ganz gut machen», schmunzelt ein sichtlich entspannter Karl Brander.

Selbstverständlich ist der Solothurner Erfolg, so er auch ausgekostet werden kann, letztlich ein Gemeinschaftswerk. Dass ein Einzelner jedoch den Braten sofort gerochen und die Chance kompromisslos gesucht hat, war matchentscheidend. Genauso, wie der Umstand, dass der promovierte Wissenschafter Brander mit den anspruchsvollen Amerikanern auf Augenhöhe debattieren und verhandeln konnte. «Es war absolut faszinierend zu beobachten, wie sie zu Beginn staunten, dass wir nicht mit vielköpfigen Teams auftraten, so wie sie es gewohnt sind», erinnert er sich.

Und, wie ist es im Rückblick?

Hand aufs Herz, wären Sie rückblickend nicht lieber in die Weihnachtsferien gefahren? Er lacht herzhaft: «Wenn ich von Anfang gewusst hätte, welche Dimensionen diese Sache annimmt, wäre ich wohl gefahren.» Was man ihm natürlich nicht abnimmt. Letzte Frage, hat es Sie nicht gewurmt, dass sich am Schluss andere im Glanz der Blitzlichter sonnen konnten? «Das war mein Job, für den ich bezahlt werde, ich mache ihn sehr gerne», kommt es trocken und cool, so wie er in den vergangenen Monaten an die Sache herangegangen sein dürfte.