Hindernisfreies Bauen
«Bei 50 Prozent der Neubauten und Sanierungen werden nicht alle Bestimmungen eingehalten»

Die Procap-Fachstelle Aargau/Solothurn feiert heute in Olten ihr 25-Jahr-Jubiläum. Die Fachstelle trägt dazu bei, dass Stufen und Schwellen verschwinden oder zumindest überwindbar werden.

Elisabeth Seifert
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An vielen Orten fehlen rollstuhlgängige Rampen. (Symbolbild)

An vielen Orten fehlen rollstuhlgängige Rampen. (Symbolbild)

Youtube / Scalevo

Stufen, Schwellen, Niveauunterschiede bei Haltstellen des öffentlichen Verkehrs oder das Fehlen eines Lifts. Wer einen Kinderwagen vor sich herschiebt, auf einen Rollstuhl oder einen Rollator angewiesen ist, kennt diese oft unüberwindbar scheinenden Hindernisse im Alltag.

Die Fachstelle «Hindernisfreies Bauen Aargau/Solothurn» der Behindertenorganisation Procap trägt seit 25 Jahren dazu bei, dass in den beiden Kantonen die Stufen und Schwellen am besten gleich ganz verschwinden oder doch immerhin überwindbar werden. «In den letzten Jahren ist vieles gelungen», sagt Architekt Remo Petri gegenüber dieser Zeitung. Er ist bei Procap Schweiz verantwortlich für den Bereich Bau und war zuvor Leiter der Fachstelle. «Viel geht aber auch schief», stellt er realistisch fest.

Um die gelungenen Beispiele zu würdigen und zur Nachahmung zu empfehlen, führt die Fachstelle heute an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Olten eine Jubiläums-Fachtagung samt Preisverleihung durch. Der Prix «Hindernisfreies Bauen Aargau/Solothurn» zeichnet je zwei Projekte aus den beiden Kantonen aus (siehe Kasten).

Preisverleihung

Auszeichnung für vier Projekte

Im Rahmen der heutigen Jubiläums-Fachtagung vergibt die Fachstelle den PRIX «Hindernisfreies Bauen Aargau/Solothurn 2016» für die besten hindernisfrei ausgeführten Bauten und Anlagen in den beiden Kantonen. Bauherrschaften, Planer und Behörden konnten sich mit ihren ausgeführten oder sanierten Bauten und Anlagen bewerben. Der Preis wird in vier Kategorien vergeben. Je zwei Preise gehen an die Kantone Aargau und Solothurn. Die Ausgezeichneten werden mit einer speziell gestalteten Platte geehrt. (esf)

- Sanierung Jesuitenkirche Solothurn (Kategorie öffentliche Bauten)

- Sanierung Göhnersiedlung Webermühle in Neuenhof AG (Kategorie Wohnbauten)

- Genossenschaft wia Lenzburg AG (Kategorie Altersgerechtes Bauen)

- Umgestaltung Rossmarktplatz in Solothurn (Kategorie Aussenanlagen und Verkehrsräume)

«Bereits bevor die Baugesuche gestellt worden sind, wurden wir in die Planung einbezogen», hält Remo Petri fest. Und die Resultate können sich, nicht zuletzt deshalb, sehen lassen. «Auf diese Weise kann vermieden werden, dass Fehler hinterher korrigiert werden müssen und dadurch das ganze Projekt verteuert wird.»

Denkmalpflege mit im Boot

In jedem der vier Beispiele war der Erfolg zudem abhängig davon, dass Architekten, Bauherren und Baubehörden optimal zusammenarbeiten, betont der Bauexperte von Procap. In der Stadt Solothurn musste jeweils auch noch die Denkmalpflege mit ins Boot geholt werden. Bei der Umgestaltung des Rossmarktplatzes in der Vorstadt etwa brauchte es einen Konsens bei der Strassenpflasterung. «Damit es mit dem Rollstuhl oder dem Rollator weniger rumpelt, wurde das Kopfsteinpflaster im besonders frequentierten Bereich gut abgeschliffen.»

Am liebsten wäre Remo Petri freilich eine Asphaltierung gewesen. Vorbildlich gelöst worden sei der Bau der neuen Bushaltestelle. «Die Kantenhöhe ermöglicht den niveaugleichen Ein- und Ausstieg», so der Fachmann. Und auch an sehbehinderte Männer und Frauen haben die Planer gedacht, indem die Anzeigetafel mit einer Sprechansage gekoppelt worden ist.

Remo Petri von Procap Schweiz demonstriert ein vorbildliches Beispiel: Die Kantenhöhe bei der Bushaltestelle Rossmarktplatz in der Solothurner Vorstadt.
6 Bilder
Wenn der Bus mit den Rädern so nahe heranfährt, dass die Reifen die untere Braue berühren, dann ist der Abstand zum einsteigen nur wenige Zentimeter
Wenn man hier drückt, meldet eine Stimme den nächsten Bus
Mit dem Kinderwagen kommt man gut in den Bus
Die oberen Bsetzisteine sind abgeschliffen, die unteren nicht
Die Fahrbahn unten ist auf das Niveau des Trottoirs angehoben

Remo Petri von Procap Schweiz demonstriert ein vorbildliches Beispiel: Die Kantenhöhe bei der Bushaltestelle Rossmarktplatz in der Solothurner Vorstadt.

Hansjoerg Sahli

Auf die Kompromissbereitschaft der Denkmalpflege und auch der städtischen Behörden waren die Bauberater von Procap ganz besonders beim Bau der Rampe hinauf zum Eingang der Jesuitenkirche in Solothurn angewiesen. Eine solch rollstuhlgängige Rampe an exponierter Stelle bedeutet immerhin einen gewissen Stilbruch mit der barocken Fassade.

Und: Die Rampe steht nicht auf dem Boden des Bauherrn, der katholischen Kirchgemeinde, sondern auf öffentlichem Grund. In Solothurn war das aber kein Problem, was nicht selbstverständlich ist: «Mir ist keine andere Gemeinde in der Schweiz bekannt, die öffentlichen Grund für den Bau einer Rampe abtritt.»

Fortschrittliche Richtlinien

Die Hauptaufgabe der insgesamt zehn Fachstellen Hindernisfreies Bauen von Procap Schweiz ist die Prüfung von Baugesuchen im Auftrag der Behörden. In aller Regel sind die Gemeinden für die Bewilligung der Baugesuche zuständig, manchmal der Kanton.

Per Gesetz auf ihre Behindertentauglichkeit überprüft werden müssen öffentlich zugängliche Bauten, Firmengebäude sowie Wohnblöcke. Und zwar immer dann, wenn neu gebaut wird oder eine Sanierung ansteht. Das Behindertengleichstellungsgesetz auf Bundesebene bleibt in Baufragen dabei eher unbestimmt. Konkretisiert wird der Grundsatz des behindertengerechten Bauens über die kantonalen Baugesetze.

«Aargau und Solothurn haben ein gutes Gesetz», betont Remo Petri. Und zwar vor allem deshalb, weil über eine Reihe von Normen definiert wird, was es heisst, behindertengerecht zu bauen. Geregelt ist etwa, wie breit eine Tür sein muss oder wie hoch eine Schwelle sein darf. Im Unterschied zu anderen Kantonen sind solche Richtlinien zudem bereits lange im Baugesetz verankert. Die Schaffung einer gesetzlichen Grundlage war denn auch vor 25 Jahren mit ein Grund für die Gründung der Procap-Fachstelle «Hindernisfreies Bauen» für die beiden Kantone Aargau und Solothurn. Zuvor unterhielten beide Kantone bereits eigene Beratungsstellen.

Angst vor hohen Investitionen

Die «vorbildlichen» Regelungen bedeuten aber nicht, dass alles in Ordnung ist. «Die Schwierigkeit ist der Vollzug», stellt der Procap-Bauexperte fest. Den zuständigen Gemeindebehörden fehle oft die Zeit oder das Know-how, die Baugesuche auch noch auf ihre Behindertentauglichkeit zu überprüfen.

In den kantonalen Baugesetzen ist dabei verankert, dass die baubewilligenden Behörden die Dienste der Procap-Fachstelle in Anspruch nehmen können. Eine Möglichkeit, die aber längst nicht von allen genutzt werde, so Petri. Rund 500 Baugesuche werden der Fachstelle pro Jahr zur Prüfung vorgelegt – gegen 900 müssten es ein.

Das bleibt nicht ohne Folgen: «Bei rund 50 Prozent der Neubauten und Sanierungen werden nicht alle Bestimmungen eingehalten.» Eine obligatorische Prüfung der Baugesuche durch die Procap-Fachstelle könnte zu entscheidenden Verbesserungen führen, meint Petri. Für unbegründet erachtet er die Befürchtung so mancher Gemeinde, dass ihnen die Fachstelle teure Investitionen aufbrummen könnte. «Das Prinzip der Verhältnismässigkeit ist gesetzlich klar verankert.»