Strafprozess

Behinderte in Wohnheim vergewaltigt – Protokoll eines Albtraums

(Symbolbild)

Eveline Roos, Opfer-Anwältin: «Der Angeklagte ist nicht halb so blind und krank, wie er tut.» (Symbolbild)

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Der nigerianische Angeklagte ist in den Augen des Amtsgerichts nur wenig glaubwürdig

Der Inhalt der Anklageschrift kann durchaus als Protokoll eines Albtraums bezeichnet werden: Ein damals 46-jähriger Mann aus Nigeria hat im September 2011 eine geistig behinderte Frau vergewaltigt. Das Martyrium ereignete sich im Zimmer der 48-Jährigen in einer therapeutischen Wohngemeinschaft, wo auch der Täter während einiger Monate untergebracht war.

Gestern wurde der Mann vom Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten verurteilt. Die Hälfte davon wird bei einer Probezeit von zwei Jahren bedingt aufgeschoben. Seinem Opfer muss der Angeklagte zudem eine Genugtuung von 15 000 Franken zahlen.

Das Gericht stützte sich bei seinem Urteil weitgehend auf die Anklage. Gerichtspräsident Stefan Altermatt sprach von einem «klassischen Vieraugendelikt»: Es waren nur zwei Personen dabei, Zeugen gab es keine. Und die Beweislage ist problematisch – zumindest auf den ersten Blick: Gutachten sprechen nämlich eine ziemlich klare Sprache.

Dann waren die Windeln unten

September 2011, ein warmer Sonntagnachmittag. Gegen halb zwei Uhr klopft der Angeklagte an die Zimmertüre der Frau. Diese denkt, eine Betreuerin der Wohngemeinschaft will sie besuchen und gewährt Einlass. Der Mann schliesst die Türe, tritt zur Frau ans Bett und zieht sich aus. «Psst! Psst!», sagt er mehrmals, sie solle still sein. Dann greift er an ihren nackten Busen, zieht ihr die Trainingshose samt Windeln gegen die Knie und legt sich mit seinem ganzen Gewicht auf sie. Trotz abwehrender Gesten führt er seinen Penis in ihre Vagina. Zu einer Erektion kommt er allerdings nicht.

Und genau deshalb, so der Angeklagte, habe sich die Frau mit einer Anzeige an ihm rächen wollen. Mit knappen Sätzen und brüchiger Stimme schilderte er seine Version der Geschichte. Nicht nur aus diesem Grund war seine Einvernahme äusserst schwierig: Der Angeklagte spricht einen nigerianischen Dialekt, den in der Schweiz nur zwei Dolmetscher beherrschen. Doch selbst der Übersetzer hatte seine liebe Mühe, den Ausführungen des Mannes zu folgen.

Klar ist: Der Mann und die Frau hatten bereits vor der Tat zweimal Geschlechtsverkehr, mehr oder weniger einvernehmlich. Für die geistig Behinderte waren es die ersten sexuellen Kontakte ihres Lebens. Allerdings blieben ihr diese «alles andere als positiv» in Erinnerung, zitierte der Staatsanwalt aus einem Gutachten. Mit Süssigkeiten und Schokolade habe der Mann die Frau subtil unter Druck gesetzt. Dass diese jeweils durch das Zimmer ihres späteren Peinigers gehen musste, um in ihr Zimmer zu gelangen, bezeichnete das Gericht als fatal.

Ganz anders die Version des Angeklagten. Demnach sei die Frau im Heim längst seine Freundin gewesen. Tatsächlich soll die Frau dem Nigerianer auch stets den Rücken gestärkt haben, wenn andere fremdenfeindliche Töne angeschlagen haben.

Und an jenem Sonntag im September? Da habe er natürlich zuerst mit ihr besprochen, ob sie Sex wolle. Sie habe zugestimmt. Für eine Vergewaltigung sei er körperlich ohnehin zu schwach.

«Nicht halb so blind»

Im Gerichtssaal sass gestern ein Mann mit zwei Gesichtern; ein Mann, der seine Sehkraft nach eigenen Angaben fast vollständig verloren hat. Am Gehstock humpelte er durch den Flur, der Schmerz stand ihm im Gesicht geschrieben. «Ein richtig armer Teufel», sagte Verteidiger Oliver Wächter. 

2008 kommt der Mann in die Schweiz. Sein Asylgesuch wird abgelehnt, wegen seines schlechten Gesundheitszustands darf er jedoch bleiben. Ihm geht es offenbar so mies, dass die Unterbringung in einem Asylheim nicht möglich ist. Eine Odyssee beginnt. Der Nigerianer lebt in mehreren Heimen, Freunde macht er sich nirgends. Immer wieder habe er Frauen begrapscht, so die Anklage. Zwei Gutachten beschreiben die Gesundheit des Beschuldigten weit weniger dramatisch, als er selbst vermittelt. «Der Angeklagte ist nicht halb so blind und krank, wie er tut», sagte Rechtsanwältin Eveline Roos. Sie vertrat das Opfer, das bereits im Vorfeld befragt wurde.

Die Staatsanwaltschaft verlangte eine Freiheitsstrafe von vier Jahren. Die Verteidigung plädierte auf einen Freispruch und stellte die Glaubwürdigkeit des Opfers infrage. Ihr Verdacht: Erst nach Suggestivfragen in den polizeilichen Vernehmungen habe die Frau den Tatbestand einer Vergewaltigung beschrieben.

Entscheidend für das Gericht ist jedoch ein weiteres Gutachten, das die Glaubwürdigkeit der Frau geprüft hat. «Hinweise auf suggestive Einflüsse finden sich darin keine», sagte Gerichtspräsident Altermatt. Im Gegenteil: «Es weist nichts darauf hin, dass die Frau nicht glaubwürdig ist.» – Etwas, das man vom Angeklagten nicht behaupten könne.

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