Wann sind Kinder schulreif? Diese Frage ist wohl so alt wie die Volksschule selbst. Dabei wäre sie noch im Mittelalter, viele Jahrhunderte vor Einführung der Schulpflicht, leicht zu beantworten gewesen: Um zur Ritter-Ausbildung zugelassen zu werden, musste ein Kind zwischen einem Apfel und einer Münze wählen. Entschied es sich, weitsichtig wie es war, für die Münze, galt dies als Ausdruck seiner Reife.

Apfel oder Münze, so einfach ist das zum Glück nicht mehr. Heute ist grundsätzlich das Alter für die Einschulung entscheidend – was gleiche Bedingungen für alle garantieren soll. Ein Stichtag entscheidet darüber, wer eingeschult wird und wer noch ein Jahr warten muss. Oder darf.

Im Kanton Solothurn werden Kinder mit dem vollendeten vierten Lebensjahr eingeschult; seit dem Schuljahr 2014/2015 ist dabei der 31. Juli massgebend. Der Stichtag rückte näher an den Tag der Einschulung, sodass die jüngsten Kinder nun knapp nach ihrem vierten Geburtstag den Kindergarten besuchen.

Stichtag verfolgt Schüler

Das verstärkt ein Phänomen, das Wissenschafter als «Relative Age Effect» bezeichnen. Zu Deutsch so viel wie «relativer Alterseffekt». Dieser beschreibt die Benachteiligung der jüngsten Klassenmitglieder und ist eine Folge der fixen Stichtage bei der Einschulung. Je jünger ein Schüler ist, desto grösser ist sein Unterschied in der Lebenserfahrung.

Im Extremfall heisst das: Wer am 1. August 2013 zur Welt gekommen ist, bei der Einschulung im Kindergarten am 13. August 2018 seinen fünften Geburtstag also schon gefeiert haben wird, hat einen Fünftel mehr Lebenserfahrung als sein am 31. Juli 2014 geborenes Gspänli.

Welchen Vorteil bringt die Gnade der frühen Geburt? In der Schweiz ist bisher kaum erforscht worden, ob sich das relative Lebensalter negativ auf die Schulleistungen auswirkt. Es existieren keine Langzeitstudien, die diesen Schluss zulassen würden. Immerhin soll der «Relative Age Effect» im nationalen Bildungsbericht, der vierjährlich erscheint und im nächsten Frühjahr wieder publiziert wird, erstmals genauer beleuchtet werden.

Im Ausland ist die Forschung da schon weiter. Das European University Institute in Florenz etwa hat internationale Daten über den Schulerfolg ausgewertet – mit dem Resultat, dass die jüngsten Schüler einer Klasse über ihre ganze Schulzeit hinweg im Nachteil sind. Konkret hätten sie deutlich schlechtere Noten als die ältesten Kinder derselben Klasse.

Zumindest Indizien lassen erahnen, wie der «Relative Age Effect» hierzulande spielen könnte: Dass die Jüngsten eines Jahrgangs jeweils die grösste Fraktion unter den später eingeschulten Kindern bilden, ist ein Fakt im Kanton Solothurn. Und offenbar ist das Phänomen zeitlich nicht beschränkt. Vielmehr scheint es bis in die Kantonsschule anzuhalten. Das zeigt eine im vergangenen Herbst veröffentlichte Auswertung der «Schweiz am Wochenende». Wer zu den Älteren einer Klasse gehört, schafft es eher an die Mittelschule. Unter den Solothurner Gymnasiasten ist die ältere Hälfte eines Jahrgangs um über 25 Prozent übervertreten.

Im Sport schon länger bekannt

In der Sportwissenschaft ist der «Relative Age Effect» übrigens schon seit Jahrzehnten bekannt. Es gibt zahlreiche Studien zu dem Thema, auch aus der Schweiz. Die Eidgenössische Hochschule für Sport in Magglingen hat den Nachwuchs der Schweizer Skifahrer analysiert.

Der relative Alterseffekt lässt sich gemäss einer im Jahr 2014 publizierten Untersuchung klar nachweisen; die ältesten Nachwuchsathleten haben einen geistigen und körperlichen Entwicklungsvorsprung gegenüber ihren jüngeren Konkurrenten.

Doch selbst wenn sich Sporttrainer oder Lehrer des Alterseffekts bewusst sind: Stichtage, um Stufen zu trennen, lassen sich kaum verhindern. Vor diesem Hintergrund darf es sogar als Fortschritt gewertet werden, dass Eltern ihre Kinder ohne bestimmte Gründe ein Jahr später in den Kindergarten schicken können.