Latein, die tote Sprache, ist für Beat Jung so lebendig wie nie zuvor. Dank des Internets. Jahrzehntelang hat der 53-jährige Lateinlehrer die alte Sprache nur übersetzt, aber nie gesprochen. Dann hat ihm das Web eine neue Welt eröffnet. Im Internet ist er auf lateinische Podcasts gestossen. Auf Twitter, auf Facebook und in Blogs hat er Gleichgesinnte gefunden. Männer und Frauen, die in Madrid oder Hongkong noch immer Latein sprechen. Ohne das Internet hätte sich die kleine Gruppe wohl nicht gefunden.

Und Beat Jung, pardon: Beatus Salodurensis wie er in der Szene heisst, hätte nicht begonnen, Latein im Alltag zu sprechen. Doch heute erzählt er seinen Schülern in der Sprache der Römer vom Champions-League-Spiel am Abend zuvor. Er betreibt einen lateinischen Blog und er trifft sich im Circulus Latinus Salodurensis regelmässig mit Gleichgesinnten. «Eine Sprache muss man sprechen. Man lernt sie auch übers Gehör», sagt Jung. «Es braucht aber etwas Überwindung. Die Wörter fehlten mir zuerst.»

Es ist früh am Morgen, in der Cafebar Landhaus am Solothurner Aaremürli ist Betrieb. Jung lacht, dass er ausgerechnet dank des Internets Leute findet, die eine uralte Sprache sprechen. Wenn der Deutsch- und Lateinlehrer von seinem Unterrichtsfach erzählt, spürt man, dass viel Leidenschaft für die alte Sprache in ihm brennt. Es geht dann nicht nur um eine Sprache, sondern um kulturhistorische Errungenschaften und Zusammenhänge. «Latein, das sind nicht nur alte Klamotten wie Caesar», sagt er. «Die Sprache war viel erfolgreicher.»

«Wenn wir die Geschichte im Westen zu verstehen versuchen, taucht Latein immer wieder auf», ist er überzeugt. «Die Sprache ist gegenwärtig. Sie hat viel mit der Schweiz zu tun.» Ein Beispiel gefällig? Man läuft durch die Solothurner Altstadt und findet überall lateinische Sätze, etwa als Inschriften an den Kirchen. Ein zweites Beispiel? Als Johann Jakob Scheuchzer im 17. Jahrhundert über die Schweizer Alpen schrieb, tat er dies auf Latein. Englische Adlige lasen sein Buch und kamen mit dem lateinischen Text in die Schweiz. Das trug zum Entstehen des Alpentourismus bei.

«Eine permanente Zeitreise»

«Es ist eine kurze Episode, in der man Latein nicht mehr spricht», erzählt Jung. «Erst seit gut 100 Jahren ist es so, dass sich der Schulunterricht auf das Übersetzen des Textes beschränkt. Karl Marx hat seinen Maturaufsatz noch auf Latein geschrieben.»

Was fasziniert den Familienvater daran, Latein zu sprechen? «Latein ist eine permanente Zeitreise», sagt er. Römer sprachen Latein, die Gelehrten in der Renaissance publizierten in der Sprache des römischen Schriftstellers und Politikers Ciceros. «Ein heutiger Lateiner kann am Tisch sitzen mit Cicero, Newton, Erasmus und Karl Marx. Sie verstehen sich. Gehen wir in Deutsch 2000 Jahre zurück, verstehen wir niemanden mehr.» Die über 2000 Jahre nie abgebrochene Sprachtradition fasziniert Jung. «Mit Latein bin ich in grossen Zeiträumen gleichzeitig unterwegs. Ich bin der Renaissance und reise gleichzeitig 2000 Jahre zurück.»

Allerdings hat die Sprache an der Kanti Solothurn an Boden verloren. Mit der Sek-P-Reform ist die Koppelung ans Langzeitgymnasium gefallen, die schützende Struktur, die am Untergymi Latein vorschrieb, verschwand. Jetzt steht Latein als Wahlfach in der Konkurrenz zu Fächern wie Bio/Chemie und Wirtschaft. «Wir müssen uns auch verkaufen. Wir stehen in strenger Konkurrenz.» Zwei bis drei Klassen gibt es pro Jahr an der Solothurner Sek P. 40 bis 50 Schüler sind das pro Jahrgang.

Am Ende entscheidet sich nach der Sek P eine kleine Gruppe für Latein: Rund 15 Schüler sind es pro Gymi-Jahrgang. «Es sind häufig Leute, die ganz breite Interessen haben, auch naturwissenschaftliche.» Das Lernen von Latein vergleicht er mit dem Erlernen eines Instrumentes. «Es nützt einem nicht direkt. Aber man hat etwas mehr im Rucksack, etwa wenn es darum geht, kreative Lösungen zu finden.» Jung rät den Schülern, in ihrer Ausbildung möglichst breit zu bleiben und sich nicht allzu früh zu spezialisieren. «Latein ist der Nucleus, der in vielen romanischen Sprachen und auch im Englischen aufgegangen ist.»

Tot, aber trotzdem unsterblich

Bei den Schülern kommt das Lateinischreden gut an. Jung ist überzeugt, dass das gesprochene Latein näher an ihrem Alltag ist. «Jetzt wird Latein zu etwas Menschlichem» hat ihm eine Schülerin gesagt. Nach wie vor ist es aber auch unter den Altphilologen eine kleine Gruppe, die die Sprache auch wirklich spricht. Kürzlich trafen sich in Madrid 150 Lateinlehrer. Und heute Samstag organisiert Beat Jung in Solothurn gar eine kleine Tagung, an der nur Latein gesprochen wird. Aus der ganzen Schweiz kommen Interessierte zusammen. «Wir sind eine Nische», erzählt der Kantilehrer. Wenn er sich auf Twitter, Facebook oder Skype mit anderen Liebhabern des gesprochenen lateinischen Wortes unterhält, tragen seine Gesprächspartner nicht selten Namen wie im Mittelalter. In der kleinen Szene zeigt man gerne an, aus welchem Erdteil man kommt. In diese Haut des Beatus zu schlüpfen, ist für Jung auch immer ein Rollenspiel.

«Es ist extrem wichtig, dass die Tradition weitergeht», ist Jung überzeugt. Auch weil Latein einen nicht abreissenden Faden durch die Jahrhunderte in die Gegenwart spinnt. «Gerade weil Latein eine tote Sprache ist, ist sie unsterblich», ist Beat Jung überzeugt. Die Sonne scheint auf den Landhausquai, die Tasse Kaffee ist ausgetrunken. Cafeam potavimus. Causa finita.


Mehr Informationen zur Tagung und zum lateinischen Gesprächskreis in Solothurn finden sich auf: http://circuluslatinussalodurensis.blogspot.ch/ Beat Jung gibt gerne weitere Informationen (beat.jung@ksso.ch).