Mit grosser Wahrscheinlichkeit kennen Sie die Situation: Sie sitzen vor einem mit juristischen Fremdwörtern gespickten Vertrag einer Versicherung oder einem umständlich formulierten Behördendokument und versuchen, den Inhalt zu verstehen. Nicht immer ganz einfach. Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie haben eine Lernbeeinträchtigung oder eine Behinderung – das verkompliziert die Sache gleich noch einmal ungemein.

Gemäss einer Studie der Stiftung für Alphabetisierung und Grundbildung Schweiz (SAGS) können hierzulande rund 800'000 Personen einen einfachen Text nicht richtig lesen oder verstehen, obwohl sie die obligatorische Schulzeit absolviert haben. Andere Schätzungen gehen gar von 20 Prozent aller Personen im erwerbsfähigen Alter in der Schweiz aus, die grosse Mühe haben, Texte zu lesen und zu verstehen.

Diese Thematik hat seit dem Jahr 2014 weiter an Aktualität gewonnen, da die Schweiz die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat, die eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen an allen gesellschaftlichen Teilbereichen verlangt und dem Recht auf Zugang zu Informationen einen grossen Stellenwert zuschreibt.

Aufwendige Übersetzung

Dies war für die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW in Olten Grund genug, im letzten Jahr gemeinsam mit der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) der Region Solothurn ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt ins Leben zu rufen. «Einfach leicht verständlich! Leichte Sprache am Beispiel Erwachsenenschutz» ist der Name des Projekts, das von den Professorinnen Gabriela Antener und Anne Parpan-Blaser vom Institut Integration und Partizipation an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW geleitet wird.

Ein Team der Hochschule hat in Zusammenarbeit mit der Kesb zentrale Dokumente aus dem Erwachsenenschutz – Briefe, Entscheide, Formulare und eine ausführliche Informationsbroschüre – nach den Vorgaben der sogenannt «leichten Sprache» (siehe Box) übersetzt und entwickelt. «Das war anspruchsvoll, denn der Inhalt musste trotz der Vereinfachung gleich bleiben und vor allem musste auch die vereinfachte Form der Dokumente sämtliche juristischen Sachverhalte korrekt wiedergeben», so Anne Parpan-Blaser.

Die Übersetzung der Texte, die von der Kesb inhaltlich kontrolliert und von Prüferinnen und Prüfern aus der Zielgruppe mit Augenmerk auf die Verständlichkeit durchgesehen wurden, nahm daher viel Zeit in Anspruch. «Die Texte mussten häufiger überarbeitet werden, als wir das ursprünglich gedacht hatten», hält Parpan-Blaser fest.

Erste Erfahrungen sind positiv

Seit Juni sind die Dokumente bei der Kesb Region Solothurn im Einsatz. Das erste Fazit fällt positiv aus: «Vor allem die Informationsbroschüre über den Erwachsenenschutz findet breite Verwendung. In den Gesprächen haben wir von der Kesb das Gefühl, dass die Betroffenen besser verstehen, was wir machen, und dadurch ihre Verunsicherung weniger gross ist», sagt Stefan Armenti, leitender Vizepräsident der Kesb Region Solothurn. Rückmeldung vonseiten der Betroffenen sind noch keine eingetroffen. «Dafür ist es wohl noch zu früh», so Armenti.

Im Herbst geht das Projekt in die zweite Phase. Dann werden sowohl Mitarbeitende der Kesb, die mit den neuen Dokumenten gearbeitet haben, als auch eine Stichprobe der betroffenen Personen zum Umgang mit den Dokumenten in «leichter Sprache» befragt. «Wir möchten wissen, wie die Texte von den Betroffenen wahrgenommen und verstanden werden und ob die Texte für die Mitarbeitenden der Kesb in ihrem Arbeitsalltag hilfreich sind», sagt Parpan-Blaser.

Die Antworten auf diese Frage werden wegweisend sein für weitere Projekte im Bereich «leichte Sprache in Verwaltung und öffentlichem Raum». Im nächsten Jahr wird das Projekt, das rund zur Hälfte von der Hochschule und vom eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung finanziert wird, voraussichtlich abgeschlossen.

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