Bruno Fuchs
Baumeisterpräsident zur Branche in der Coronakrise: «Firmen haben Projekte gestoppt»

Im Interview äussert sich Bruno Fuchs, Präsident des Baumeisterverbandes, zu den Konsequenzen der Coronakrise für die Branche.

Interview: Urs Mathys
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Der 57-jährige Bruno Fuchs ist seit 2011 Baumeister-Präsident.

Der 57-jährige Bruno Fuchs ist seit 2011 Baumeister-Präsident.

Hanspeter Bärtschi

Die Coronakrise hat uns im Griff. Wie meistert die Solothurner Bauwirtschaft mit ihren 100 Firmen und 1700 Beschäftigten die Situation?

Bruno Fuchs: Die Krise ist auch für uns eine Herausforderung: Anfang März mussten wir innert kürzester Zeit Hygienemassnahmen umsetzen, um unser Personal zu schützen. Die Kontrollen durch die Suva und die Polizei zeigen, dass die allermeisten Bauunternehmer einen guten Job gemacht haben.

Die Gewerkschaft Unia hat kritisiert, dass auf Baustellen die Sicherheitsabstände gar nicht immer eingehalten werden könnten...

Die Entwicklung der Unfallzahlen im Bauhauptgewerbe zeigt, dass den Solothurner Baumeistern die Gesundheit der Mitarbeiter am Herzen liegt. Dies gilt auch für den Schutz vor einer Coronaansteckung. Die Kontrollen der korrekten Umsetzung sind nicht Sache der Unia. Von dieser hätten wir stattdessen eher Unterstützung im Kampf gegen Corona erwartet.

In welcher Hinsicht?

Unsere Sozialpartner hätten ihr Netz nützen können, um ebenfalls über wirksame Schutzmassnahmen zu informieren. Ich denke da zum Beispiel an Infos für fremdsprachige Mitarbeiter auf dem Bau: Hier wäre die Unia bestens aufgestellt für Übersetzungen – und da hätte man zusammenarbeiten sollen.

Wie wirkt sich die Coronakrise auf die kantonale Baubranche aus?

Da die Bauarbeiten – wenn auch mit Auflagen – weiter laufen konnten, sind wir bis heute mehrheitlich mit einem blauen Auge davon gekommen. Wir gehen aber davon aus, dass die Aufträge im Bauhauptgewerbe zurückgehen werden. Die erwartete Rezession und der Rückgang des Bruttoinlandprodukts in der Schweiz und in der Eurozone werden unsere exportorientierte Wirtschaft sicher nicht zu Investitionen in die Immobilien ermuntern. Dazu kommt: Die Erfahrungen mit Homeoffice könnten zu einem Verzicht auf neue Büroräumlichkeiten führen; weil es weniger Jobs gibt, dürfte die Zuwanderung sinken – was zu einer geringeren Nachfrage im Wohnungsbau führt und schliesslich werden die Coronafolgen die Finanzpolitik der öffentlichen Hand ebenfalls beeinflussen.

Konkret?

Die Coronakrise wird ein derartiges Loch in die Kassen der öffentlichen Hand reissen, dass irgendwo gespart werden muss. Und da erwarten wir natürlich, dass dies mit Augenmass passiert. Dafür setzen wir uns sowohl auf nationaler als auch auf kantonaler Ebene ein.

Gibt es konkrete Forderungen an die Politik?

Wir erwarten, dass die öffentliche Hand – Bund, Kanton, Gemeinden – die notwendigen Investitionen in die Infrastruktur sowie den Unterhalt tätigen. Eine gute öffentliche Infrastruktur wird unserer Wirtschaft helfen, am Markt erfolgreich zu sein und sich zu erholen. Es wäre auch nicht korrekt, auf Kosten nachfolgender Generationen bei der Infrastruktur zu sparen.

Wurden bereits Projekte in Frage gestellt?

Von der öffentlichen Hand nicht. Da haben wir auch die Zusicherung, dass man sich der Verantwortung bewusst ist und entsprechend handeln will. Aber aus anderen Bereichen gibt es negative Signale, insbesondere was die Industrie betrifft. Da geht es logischerweise um die Erhaltung der Liquidität. Uns sind konkrete Beispiele bekannt, wo Firmen geplante Projekte gestoppt haben. Da spürt man schon eine gewisse Angst vor der Zukunft: Es werden insbesondere Vorhaben noch einmal überprüft oder herausgeschoben, die für die Firmen nicht zwingend sind, sondern eher «Nice to have».

Und bei den Privaten?

Wenn man davon ausgeht, dass die Arbeitslosigkeit steigen wird, dann ist eine zunehmende Verunsicherung absehbar. Und dann wird auch hier auf das verzichtet, was nicht zwingend nötig ist. Anderseits darf man darauf setzen, dass Hausbesitzer, die etwas angespart haben, weiterhin bestrebt sind, ihre Liegenschaft zu unterhalten.

Könnte Kurzarbeit für Baufirmen im Kanton eine Option sein?

Bisher kenne ich keine solchen Fälle. Aber wir haben unsere Mitglieder aufgefordert, frühzeitig Kurzarbeit anzumelden, wenn unsicher ist, ob Aufträge realisiert werden können.

Wird es zu einer Marktbereinigung in der Baubranche kommen?

Bund und Kantone haben mit ihren Massnahmen einen Schutzschirm gegen die Coronafolgen bereitgestellt, damit Betriebe und Arbeitsplätze gesichert werden können. Aus dem Mitgliederkreis sind uns bisher keine Betriebsschliessungen bekannt. Aber klar ist, dass künftig die Kapazitäten der Nachfrage angepasst werden müssen. Das Bauhauptgewerbe ist ständig im Wandel. Neue Firmen kommen, alte verschwinden. Die Markteintrittsschwellen sind tief: Ein Bauunternehmen lässt sich mit wenigen Mitteln gründen. Die hie und da im Amtsblatt publizierten Firmenkonkurse haben jedenfalls nichts mit der Pandemie zu tun.

In Ihrem Jahresbericht kritisieren Sie, dass der Staat oder staatsnahe Betriebe Baufirmen aufkaufen und es dann zu Marktverzerrungen kommt. Konkret?

Ich denke zum Beispiel an den Energiekonzern BKW, der Elektrofirmen und Gebäudeplanungsunternehmen zusammenkauft. Diese Entwicklung beobachten wir sehr kritisch. In Bereichen, in denen der Markt funktioniert, haben der Staat und die Gemeinwesen keine Veranlassung, als Konkurrenten zur Privatwirtschaft aufzutreten. Es kann nicht Aufgabe des Staates sein, seine Steuerzahler mit ungleichlangen Spiessen zu konkurrenzieren.

Was unternehmen Sie dagegen?

Wir können uns nur politisch engagieren, in dem wir die Vergabestellen von öffentlichen Aufträgen auf das Problem aufmerksam machen. Dies auch in Zusammenarbeit mit dem kantonalen Gewerbeverband, auf der Internetplattform «fair ist anders».

«Die Infrastruktur des Kantons ist noch nicht gebaut»

Nach 2016 ging es in der Solothurner Baubranche nur noch bergab. In 2019 beträgt der Umsatzrückgang gesamthaft einen Viertel …
Bruno Fuchs: Dies ist eine Entwicklung, die sich kein Verbandspräsident wünscht. Schweizweit hatten die Umsätze 2019 ein sehr hohes Niveau erreicht – während sie im Kanton im dritten aufeinanderfolgenden Jahr rückläufig waren. Die Rückgänge betrafen primär den Tiefbau, wo nach dem Abschluss von umsatzstarken Grossprojekten wie dem Belchen- oder dem Eppenbergtunnel keine vergleichbaren Projekte mehr vorliegen.

Und im Hochbau?
Dort sind mit dem Bürgerspital Solothurn oder dem Biogen-Neubau ebenfalls Grossprojekte abgeschlossen worden. So gesehen kann man die Zahlen auch nicht eins zu eins werten. Und wenn wir die Auftragseingänge 2019 und die Vorratszahlen 2020 vergleichen, dann liegen diese mit 330 Mio. Franken eigentlich im Bereich der Vorjahre. Die Arbeitsvorräte zu Jahresbeginn 2020 waren so hoch wie 2017. Volumenmässig gab es eine gewisse Verschiebung vom Tief- zum Hochbau. Das war sicher auch getrieben vom boomenden Wohnungsbau. Und da wird es wohl jetzt zu Korrekturen kommen.

Wie wird sich die Coronakrise konkret auswirken?
Niemand weiss, wie schnell und wie stark sich diese auf die Baunachfrage auswirken wird. Dass sie das tut, ist klar und zeigt sich – wie erwähnt – darin, dass Firmen ausführungsreife Projekte zur Liquiditätssicherung gestoppt haben. Wir hören auch von Planern, dass Projekte bereits in diesem frühen Stadium abgeblasen worden sind, obwohl bereits Kosten für die Unternehmungen angefallen sind.

Wo steht die Solothurner Bauwirtschaft in einem Jahr?
Das entspricht einem Blick in die Kristallkugel … Gebaut wird und wurde immer – seit Pyramiden gebaut worden sind. Und rauf und runter ist es auch mit der Bauwirtschaft immer gegangen. Wenn wir unseren Job gut machen, unsere Kapazitäten nach der Decke strecken – dann wird die Branche nicht untergehen.

Das tönt nicht nach einem Schrei für ein Hilfspaket?
Nein, ein Hilfspaket wird für die Solothurner Bauwirtschaft nicht nötig sein. Aber wie gesagt: Was wir brauchen, ist, dass die geplanten Investitionen in Projekte und Unterhalt auch tatsächlich getätigt werden. Die Infrastruktur des Kantons ist noch nicht fertig gebaut: Es steht noch einiges zur Realisierung an, wenn ich an die Umfahrung Balsthal denke, an den Sechs-Spur-Ausbau der Autobahn A1 oder an den Neubau der Kehrichtverwertungsanlage Kebag in Zuchwil. (ums.)