Die Idee ist bestechend: Elektroofenschlacke, die bei der Stahlproduktion anfällt, nicht einfach irgendwo deponieren, sondern zum Beispiel im Strassenbau als Recyclingbaustoff als Kies-Ersatz einsetzen.

Auf diese Karte setzt die Stahl Gerlafingen AG: Aus ihren Elektroöfen fallen jährlich 100'000 Tonnen Schlacke an. Dieses Material will das Unternehmen, das zur italienischen Beltrame Group gehört, unter dem Produktnamen «Ruvido» künftig gezielt an den Mann, konkret an Bauherren im Tiefbau bringen. Damit könnten wertvolle natürliche Ressourcen wie etwa Kies geschont und die Elektroofenschlacke (EOS) sinnvoll verwertet werden. So wirbt Stahl Gerlafingen für ihr Produkt, für das sie mit Schwinger Remo Käser sogar einen Markenbotschafter angeheuert hat.

Nun aber machen die Baumeisterverbände der Kantone Bern und Solothurn einen Strich durch diese Rechnung. In einem Schreiben an die Baumeister ihres Einzugsgebietes relativieren sie frühere Empfehlungen für den EOS-Einsatz und äussern Vorbehalte gegenüber einer «breiten Verwendung». Die Bedenken stützen sich auf Versuche auf zwei Hauptstrassen-Baustellen des Kantons Solothurn, wo «Ruvido» als Fundament eingesetzt worden ist. «Nach ersten Erfahrungen auf diesen Testbaustellen erachten die Baumeisterverbände eine Präzisierung als dringend notwendig», heisst es im Schreiben. Diesem ist ein Merkblatt mit kritischen «Verwendungsempfehlungen» beigelegt, die bei Bauvorhaben mit EOS zu berücksichtigen seien.

Einbau günstig, Ausbau teurer

«Wir wehren uns im Sinne des Recyclinggedankens ausdrücklich nicht gegen den Einsatz von EOS», konkretisiert Theodor Häner die Botschaft des Merkblattes. Doch für den Geschäftsführer des Solothurner Baumeisterverbandes (BVSO) ist wichtig, dass die Verwendung im Wissen auch um die Nachteile dieses Materials erfolgen müsse.

So verweist Häner primär auf die Problematik des Re-Recyclings: Werde EOS bei späteren Grabarbeiten wieder ausgebaut, könne es nicht beliebig wieder eingesetzt oder gelagert werden, sondern müsse in einer Inertstoffdeponie entsorgt werden – samt anderem Bodenmaterial, das damit vermischt worden sei. «Das bedeutet einen grösseren Aufwand und hat entsprechende Kosten zur Folge», gibt der BVSO-Geschäftsführer zu bedenken. EOS sei zwar weit günstiger zu haben als Kies, doch müsse berücksichtigt werden, dass dafür später höhere Entsorgungskosten anstehen könnten.

Ebenso habe sich bei den bisherigen Versuchen gezeigt, dass es durch die Härte und Kantigkeit der EOS «zu einem grösseren Verschleiss der benötigten Gerätschaften wie Bagger, Walzen und Einbaumaschinen» komme, sagt Häner. Als ein weiteres Problem nennt er das durch Beschaffenheit und Kantigkeit des Materials bedingte ungleiche Setzungsverhalten, das die Genauigkeit der Rohplanie erschwere und Nacharbeiten erfordere.

Alles in allem nicht gerade ein flammendes Bekenntnis zum EOS-Einsatz. Aber geht es da nicht auch um Interessenpolitik zugunsten der Konkurrenz, etwa aus der teurer anbietenden Kiesbranche? «Nein, nein, wir haben da keine Seilschaften mit der Kies-Lobby, sondern argumentieren aufgrund von Fakten», weist Theodor Häner diesen Schluss zurück.

Erfahrungen werden ausgewertet

Und wie beurteilt man beim Kanton die Erfahrungen auf den Pilotbaustellen in Bolken und Gerlafingen? Eine erste Erfahrung sei, dass EOS im Strassenbau tatsächlich «eher schwierig zu verarbeiten» sei, sagt Kantonsingenieur Peter Heiniger auf Anfrage. «Aber etwa für Vorplätze, wo das Material grossflächig eingebracht werden kann, ist es sicher eine gute Sache.» Die vom Baumeisterverband ins Feld geführte Problematik des Re-Recyclings und der Vermischung mit anderem Material stelle sich auch bei allen anderen Recyclingbaustoffen – wie etwa Betongranulat – ebenso, relativiert Heiniger: «Auch in diesem Fall muss das Material in einer Deponie gelagert werden.»

Noch läuft laut dem Kantonsingenieur eine vertiefte Auswertung der Erfahrungen auf den zwei Testbaustellen. Diese dürfte mitentscheidend sein, ob insbesondere die öffentliche Hand künftig vermehrt auf den EOS-Recyclingbaustoff setzen wird. Allerdings: Die Kosten für diese Auswertung werden nicht etwa vom Kanton Solothurn getragen, sondern von der Stahl Gerlafingen AG. Die Folge werde ein Gefälligkeitsergebnis sein, unken deshalb Kritiker, die ungenannt bleiben wollen. «Davon kann keine Rede sein», kontert Kantonsingenieur Peter Heiniger. Mit der Auswertung sei ein anerkanntes Büro beauftragt worden, das seriöse Arbeit leiste. «Zudem haben unsere Bauleitungen die Projekte eng begleitet und wissen aus eigener Anschauung was Sache ist», versichert Heiniger.

«Poltern», ohne Lösung zu haben

Bei der Stahl Gerlafingen AG wird die Kritik am eigenen Produkt «Ruvido» dezidiert zurückgewiesen. «Die Rolle der Baumeister ist es, das Baustoffrecycling optimal umzusetzen, und nicht, gegen die eigenen Kreisläufe zu poltern, ohne Lösungen zu haben», dreht Christoph Zeltner den Spiess um. Der Leiter Verbesserungsmanagement bei Stahl Gerlafingen betont, dass EOS «bezüglich Umweltverhalten und bautechnischen Eigenschaften gleich oder besser als andere Recyclingbaustoffe» abschneide.

Der zusätzliche Verschleiss der Baumaschinen sei minim. Letztlich würden die zwei Pilotprojekte «eine optimale Tragfähigkeit der Strasse zeigen». Zeltner fordert die Baumeister auf, zum Dialog zurückzukehren und ihr Merkblatt zurückzuziehen. Gegebenenfalls sehe sich die Stahl Gerlafingen AG gezwungen, «rechtliche Schritte gegen diese Verunglimpfung zu prüfen».